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Vom Idyll zum Mahnmal: Versöhnung auf Usedom

 

Über der Kriegsgräber- und Gedenkstätte Golm herrscht eine tiefe, friedliche Stille. Dort, wo sanftes Herbstlaub heute die Rasenflächen um die Kreuze bedeckt, ruhen Tausende Opfer des verheerenden Bombenangriffs auf Swinemünde (heute Świnoujście) am 12. März 1945. Die große Gedenktafel listet 1.667 Namen auf, doch die Gesamtzahl der hier beigesetzten Kriegstoten – Zivilisten und Soldaten – wird auf 4.000 bis zu 14.000 geschätzt, von denen die meisten in anonymen Massengräbern ruhen. Die Hafenstadt Swinemünde war zum Zeitpunkt des Angriffs voll von Flüchtlingen aus Ostpreußen und Hinterpommern.

 

Der Golm, die höchste Erhebung der Insel Usedom, war vor dem Zweiten Weltkrieg ein beliebtes Ausflugsziel und Naherholungsgebiet. Die Menschen genossen von hier den Panoramablick über Swinemünde, die Pommersche Bucht und die Insel Wollin – ein idyllischer Ort, bevor er durch das Kriegsgeschehen zu einem eindringlichen Mahnmal gegen den Kriegswahnsinn und einem Ort des stillen Erinnerns wurde.

 

Friedenspädagogik am Golm 

Nur wenige Hundert Meter vom Mahnmal entfernt, im kleinen Kamminke, setzt die Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte (JBS) Golm auf Versöhnung und Zukunft. Die Einrichtung, eine von vier Bildungseinrichtungen des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, nutzt die Nähe zur Kriegsgräberstätte und zur deutsch-polnischen Grenze, um interkulturelle Begegnungen zu ermöglichen und die Geschichte aufzuarbeiten.

 

„Unsere Aufgabe ist es, Brücken zwischen Deutschland und Polen zu bauen und Begegnungen zu ermöglichen“, betont Katharina Feike, die Leiterin der Bildungsstätte. Im Fokus der friedenspädagogischen Arbeit stehen stets die Menschenrechte, Europäische Werte und Demokratie – vermittelt vor dem Hintergrund der katastrophalen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, mit regionalem Bezug zu Krieg, Zerstörung, Flucht und Grenze.

 

Was die JBS Golm besonders macht, ist ihre Offenheit für die Jüngsten. „Zu uns kommen schon Grundschulkinder und setzen sich mit dem Thema Krieg und Frieden auseinander“, so Feike. Während die meisten Gedenkstätten Programme nur für Jugendliche und junge Erwachsene anbieten, hat die JBS Golm eine Lücke geschlossen.

 

Kriegserfahrungen als Türöffner 

Die Notwendigkeit dieser frühen Auseinandersetzung ist Feike zufolge in den Schulklassen längst angekommen. „Es gibt heute eigentlich keine Klasse, in der keine Kinder mit Flucht- und Kriegserfahrungen sind.“ Lehrkräfte seien dankbar, bei der JBS einen Raum zu finden, diese schwierigen Themen zu behandeln.

 

Die Diskussionen werden besonders emotional und intensiv, wenn Kinder mit eigener Fluchterfahrung, etwa aus der Ukraine, Syrien oder Afghanistan, ihre Geschichten teilen. „Wir zeigen den Kindern und Jugendlichen, dass es eigentlich in jeder Familie Geflüchtete gibt.“ Die zweisprachigen pädagogischen Mitarbeitenden nähern sich den schweren Themen spielerisch und altersgerecht. „Wir achten sehr darauf, dass die Themen kindgerecht behandelt werden. Sie sollen nicht emotional runtergezogen werden, sondern sich mit den Themen auseinandersetzen.“

 

Die friedenspädagogische Arbeit konzentriert sich auf die Folgen von Krieg. Dazu gehört die Arbeit mit Biografien von Menschen, die im Bombenhagel in Swinemünde starben. „Wir haben einen großen Schatz an Biografien, mit denen die Kinder und Jugendlichen arbeiten können“, so Feike. Für eine umfassende Diskussion, wie man Kriege verhindern könnte, fehle in den meisten Formaten jedoch die Zeit.

 

Begegnung ist wichtiger als Bildung

Für Katharina Feike, die die Bildungs- und Begegnungsstätte seit 2020 leitet, ist der Aspekt der Begegnung oftmals sogar wichtiger als die reine Bildung. „Es gibt immer eine deutsch-polnische Komponente. Dafür organisieren wir Treffen mit Schülerinnen und Schülern im gleichen Alter aus Świnoujście. Dank der zweisprachigen pädagogischen Mitarbeitenden klappt der Austausch in der Regel reibungslos. „Wir haben viele Treffen erlebt, an dem sich die Teilnehmenden am Ende beim Verabschieden in den Armen lagen.“

 

Feike, die vor ihrer Tätigkeit für die Bildungseinrichtung Landtagsabgeordnete in Mecklenburg-Vorpommern war, schätzt es, „dass ich direkt mit Menschen reden kann und manchmal mehr bewirken kann als über die Politik.“ Der Rechtsruck in Deutschland und Europa und die zunehmende Bedrohung der Demokratien bereiten der Institution große Sorgen.  „Wir fragen uns als Bildungs- und Begegnungsort schon manchmal, ob wir versagt haben.“ Ihre Antwort: „Etwa 2000 Schülerinnen und Schüler, die jährlich für zwei oder drei Tage in unser Haus kommen und den Golm besuchen, retten nicht die Welt. Wir können nur einen Anstoß geben.“ Wichtig sei es, dass Lehrkräfte und andere Institutionen an den Themen dranbleiben.

 

Die Bildungsstätte schult auch seine eigenen Mitarbeitenden, wie sie in Führungen oder Veranstaltungen mit Menschen umgehen, die antisemitische, antipolnische oder antidemokratische Parolen verbreiten. „Wir und auch der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge haben eine klare Position, die wir verteidigen und für die wir einstehen“, erklärt Feike. „Dabei denken wir immer über die Grenzen hinweg.“

 

Doch bei aller Motivation wünscht sich Feike eine bessere Wahrnehmung ihrer Arbeit. „Wir machen gute Arbeit, trotzdem müssen wir uns immer anbiedern und um Gelder betteln, damit wir vernünftig weiterarbeiten können. Alle betonen, wie wichtig unsere Arbeit ist, aber sie kostet eben auch Geld.“