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Das Ende einer Flucht im Strandscha-Gebirge in Bulgarien

 

Kann man gegen das Unrecht anreden? Man muss! Es ist Therapie und Aufklärung zugleich. Hendrik Voigtländer führt als Zeitzeuge im Schnitt zehn Stunden in der Woche Menschen aus aller Welt durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Das „Unrecht“, das er begangen hatte: Als Quedlinburger wollte er regelmäßig seine Oma, die in der Nähe des Kurfürstendamms in West-Berlin lebte, zum Kaffeetrinken besuchen. Außerdem machte er sich Gedanken, warum sein Antrag, nach Kuba zu reisen, abgelehnt wurde, während der Direktor einer großen Saatgutfirma nach Amsterdam reisen durfte. Auch ein Schulfreund träumte von der großen weiten Welt und hatte die Idee, von Bulgarien über die Grenze zur Türkei in die Freiheit zu fliehen. Das war im September 1988.

 

Voigtländer erzählt heute in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Hohenschönhausen von unbeschwerten Urlaubstagen in Burgas am Schwarzen Meer. „Wir freundeten uns mit Menschen aus dem Raum Hamburg an.“ Am zehnten Tag brachen sie von ihrer Unterkunft auf in das Strandscha-Gebirge – „zum Wandern und zum Erkunden der Bergwelt“, lautete die offizielle Version. In ihrer besten Westkleidung, einschließlich Quarzuhr, und ausgestattet mit zwei Landkarten – eine aus der DDR und eine aus Bulgarien – brachen die beiden 24-jährigen Quedlinburger auf. Zunächst fuhren sie mit dem Bus, dann wollten sie in die Türkei trampen – getarnt als westdeutsche Touristen. Da es keine Autos gab, gingen sie zu Fuß bei Hitze auf der einsamen Landstraße in einer ihnen unbekannten Gegend. Ein Schild „Istanbul 350 km“ ließ Zweifel aufkommen, wie sie das schaffen sollten. Dann kam ein Bus: Voigtländer hielt ihn gegen den Willen seines Freundes an. Die beiden stiegen ein. Der Bus passierte ein Grenzhäuschen ohne Kontrolle. Die beiden schöpften kurz Hoffnung – ohne zu ahnen, dass sie noch 13 Kilometer von der tatsächlichen Grenze entfernt waren. Die Ernüchterung folgte prompt: Nur wenige Meter weiter hielt der Bus. Aussteigen und warten. Bewaffnete Grenzsoldaten kamen, dann wurden ihnen Säcke über die Köpfe gestülpt und die beiden Republikflüchtlinge in ein Auto verfrachtet. Eine Fahrt ins Ungewisse begann – der Anfang einer seelischen Tortur und einer systematischen Entmenschlichung.

 

Nach dem aktuellen Forschungsstand versuchten etwa 2.000 DDR-Bürger, über Bulgarien in Richtung Türkei oder Griechenland zu fliehen. Man geht aktuell von 500 gelungenen Fluchten aus. Zirka 1.500 DDR-Bürger wurden an den Grenzen oder bereits auf dem Weg dorthin abgefangen, festgenommen und anschließend an das Ministerium für Staatssicherheit der DDR ausgeliefert. Wie viele Menschen bei Fluchtversuchen an den bulgarischen Außengrenzen erschossen wurden, ist unbekannt. Schätzungen gehen von mehreren hundert aus.

 

Voigtländer berichtet heute rückblickend, warum er sich überhaupt vorstellen konnte, dass diese Flucht gelingen könnte. Einige Jahre vorher war er mit einer Reisegruppe in den Südwesten Bulgariens gereist. Sie besuchten das berühmte Rila-Kloster mit herrlichem Blick in die Berge. Zwei Bulgaren kamen auf sie zu und sagten in akzentfreiem Deutsch: „Nur ein paar Schritte von hier und dann ist man in Griechenland.“ Von Grenzanlagen und Grenzsoldaten war weit und breit nichts zu sehen. Heute weiß Voigtländer, dass das Kloster etwa 100 Kilometer weit weg von Griechenland liegt. „Es war eine Falle“, mutmaßt er heute. „Aber ich dachte damals, dass auch die Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei genauso wenig gesichert sei wie die vermeintliche Grenze zu Griechenland.“

 

Voigtländer erläutert in seinen Führungen, wie systematisch die Menschen in Hohenschönhausen „zersetzt“ wurden, wie ihnen jegliche Würde und Rechte genommen wurden und wie sie gequält wurden – vor allem psychisch. Nach Gefängnisaufenthalten und Verhören in Malko Tarnowo (in der Nähe des Ortes, an dem sie festgenommen wurden), Burgas und Sofia ging es mit dem Flugzeug in Handschellen zurück nach Berlin-Schönefeld. Voigtländer betont: „Ich habe nichts verbrochen, kein Diebstahl, keine Menschen umgebracht, und ich wurde behandelt wie ein Schwerverbrecher.“

 

Er berichtet heute an dem historischen Ort von der Ankunft in Hohenschönhausen in einer engen, dunklen Einzelkabine eines Gefangenentransporters. Die Türen öffnen sich; gleißendes Tageslicht und ein lautes Gebrüll machen ihn orientierungslos. Es folgen demütigende Ganzkörperkontrollen und nervenaufreibende Verhöre, bei denen man immer auf seinen Händen sitzen musste, um Gestik oder blitzschnelle Reaktionen zu unterbinden. Wichtig war auch, dass Gefangene immer nach unten blicken mussten. Blickkontakt oder Umherschauen zur Orientierung war strikt verboten.

 

Voigtländer wurde wegen „Republikflucht im schweren Fall“ zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt. Doch er wurde freigekauft. Seine Oma am Kurfürstendamm hatte dazu alle Hebel in Bewegung gesetzt. Seine Mutter überbrachte ihm diese Botschaft bei einem der Besuche im Stasigefängnis in Halle verschlüsselt, aber er verstand. Voigtländer bezeichnet sich als gnadenlosen Optimisten: „Ich glaubte immer daran, dass ich irgendwann in Freiheit sein werde. Aber als ich wusste, dass ich freigekauft würde, war alles besser zu ertragen.“

 

Im Mai 1989 reiste Voigtländer über Chemnitz und Erfurt in den Westen. Nach dem Aufenthalt im Durchgangslager Gießen flog er nach West-Berlin, um mit der Oma Kaffee zu trinken. Und dann folgte das große Schweigen: Die Oma interessierte sich in keiner Weise für seine Fluchtgeschichte und genauso wenig für seine Qualen und Demütigungen, die er während 72 Stunden Verhören und in 7,5 Monaten Haft in sieben verschiedenen Gefängnissen erlitten hatte. „Meine Oma hätte es auch nicht ertragen“, erinnert er sich heute. Das Desinteresse ging jedoch über die Familie hinaus: „Niemand in der BRD wollte meine Geschichte damals hören. Auch von meiner Arbeit als Matrose an der Ostseeküste wollte keiner etwas wissen. Das war sehr enttäuschend für mich.“

 

Voigtländer baute sich ein neues Leben auf. Er organisierte in den 1990er Jahren die „Miss World Deutschland“-Wahlen. Später betrieb und organisierte er Wochenmärkte in Berlin. Und er reiste rund um die Welt. „Das Wichtigste für mich war aber, das Leben zu genießen und Spaß zu haben.“ Das Thema Flucht und Haft ruhte zwanzig Jahre bei ihm. Seit elf Jahren arbeitet Voigtländer nun als Zeitzeuge im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen.

 

Voigtländer erzählt heute jedem seine Geschichte, der sich dafür interessiert. Seine Stasi-Akte umfasst 1.014 Seiten. Was in seinem Kopf und seiner Gedankenwelt vor sich ging, steht in keiner Akte. Er erzählt von Mike und Iwan aus dem Gefängnis in Sofia: Iwan war nicht nur schwul und näherte sich ihm in der Minizelle, er war auch noch Mitarbeiter des Geheimdienstes, wie Voigtländer vermutet, und bespitzelte seine Mithäftlinge. Mike war Leistungssportler und machte Liegestütze auf den Daumen ohne Ende. Voigtländer hat zu seinem ehemaligen Mithäftling noch guten Kontakt. „Einmal kam er in die Gedenkstätte. Dann nie wieder. Er ist so traumatisiert, dass er an diesen Schreckensort nicht zurückkehren kann und erst recht keine Führungen als Zeitzeuge machen kann.“

 

Voigtländer möchte, dass die Geschichte nicht vergessen wird. „Wenn ich Menschen begegne, die die DDR verherrlichen, dann kann ich nur sagen: Geh nach Hohenschönhausen und schau dir das an.“

 

Die Menschen hängen Voigtländer während seiner Erzählungen an den Lippen. Und mit jeder Führung beweist er seiner Oma nachträglich, dass es doch ein großes Interesse an seiner Flucht gibt.

 

 

 

Anmerkung: Ich traf Hendrik Voigtländer vor meiner Reise nach Bulgarien in der Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin. Heute bin ich mit dem Fahrrad wahrscheinlich genau auf der Straße gefahren, auf der er vor bald 38 Jahren zu Fuß mit seinem Freund unterwegs war. Ihr Ziel: Freiheit. Die Grenzpolizei ist hier an der EU-Außengrenze weit ins Landesinnere hinein präsent. Auf einer Anhöhe im Strandscha-Gebirge kam ich an einem Grenzhäuschen vorbei. Es war frisch gestrichen, aber die Bauart wirkte alt. Ich dachte sofort: Das könnte das Grenzhäuschen sein, von dem Hendrik Voigtländer erzählt hat. Zwei Beamte der Border Police standen davor. Ich hielt an und stellte Fragen – was ihnen anscheinend verdächtig erschien. „Your documents!“ Ich reichte ihnen meinen Personalausweis, mit dem sie im Häuschen verschwanden. Sie führten mehrere Telefonate; ich hörte immer wieder meinen Namen, verstand aber sonst nichts. Nach etwa zehn Minuten bekam ich meinen Ausweis zurück – verbunden mit einer unmissverständlichen Geste und dem eindringlichen Hinweis: „Only village, no border.“ Das Häuschen habe ich dann lieber nicht mehr fotografiert.