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Brückenbauerin für die Demokratie

Wer heute im bulgarisch-türkischen Grenzgebiet unterwegs ist, stößt immer wieder auf verwitterte Schilder: „Grenzregion – Spezielles Schutzgebiet“. Wo heute unberührte Natur gedeiht, verlief einst der Eiserne Vorhang – eine der am strengsten bewachten und brutalsten Außengrenzen des sozialistischen Lagers. Doch während dieses Grenzsystem in Deutschland fest in der kollektiven Erinnerungskultur verankert ist, klafft in Bulgarien eine Lücke. Es gibt kein staatliches Aufarbeitungskonzept, kaum institutionellen Willen und ein tiefsitzendes gesellschaftliches Tabu.

 

Gegen dieses Schweigen kämpft Louisa Slavkova. Die 44-jährige Politikwissenschaftlerin studierte und arbeitete zehn Jahre in Deutschland, bevor sie als Beraterin des Außenministers nach Bulgarien zurückkehrte. Als Gründerin der NGO Sofia Platform Foundation (sofiaplatform.org) hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Kommunismus mitten in die Gesellschaft zu holen. Ihr Ziel: Menschen darin zu stärken, resiliente Demokraten zu werden.  Denn Slavkova ist überzeugt, dass Demokratie kein Automatismus ist. „Demokratie ausüben ist etwas, das man lernen muss. Wir werden nicht als Demokraten geboren. Wir werden zu Demokraten, wenn die Bemühungen da sind.“

 

 

 

Das verdrängte Trauma der Grenze

 

Slavkovas Arbeit setzt dort an, wo die offizielle Geschichtsschreibung aufhört: Bei den menschlichen Schicksalen und den Traumata der Grenze. Besonders die bulgarisch-türkische und muslimische Bevölkerung trägt bis heute tiefe Wunden. In den 1980er Jahren inszenierte das geschwächte kommunistische Regime den zynisch benannten „Wiedergeburtsprozess“ – eine brutale Assimilierungskampagne. Muslimische Namen wurden zwangsweise in bulgarische geändert, traditionelle Kleidung verboten. Als Proteste ausbrachen, öffnete das Regime unter dem Begriff „Große Exkursion“ die sonst dichte Grenze. Hunderttausende wurden binnen kürzester Zeit vertrieben.

 

An der Grenze spielten sich unfassbare Tragödien ab. Slavkova erzählt von einer Kunstinstallation in einem verlassenen Grenzdorf, bei der eine traditionelle Bettdecke aus dem Rhodopen-Gebirge im Mittelpunkt stand: Eine Familie hatte versucht, ihren Sohn im wehrpflichtigen Alter, der nicht ausreisen durfte, im Kofferraum unter einer Decke zu verstecken. In der Sommerhitze überlebte er die Flucht nicht und musste auf offenem Feld begraben werden.

 

„Besonders bei jungen Menschen reicht die Vorstellungskraft über diese Welt von damals überhaupt nicht aus“, erklärt Slavkova. Für die heutige Jugend, die in absoluter Reisefreiheit aufwächst, sei das Grenzregime unvorstellbar. „Ich sage immer wieder: Im Sommer an einen Strand nach Griechenland zu fahren, ist kein Menschenrecht. Es gab Zeiten, da war das schlicht unmöglich.“ Umso wichtiger sei es, Symbole des Gedenkens zu schaffen. Aktuell entsteht an der Grenze zu Griechenland ein zwölf Meter hohes Betonmonument – das „Reisende Monument“ –, das an jene erinnern soll, die bei dem Versuch, den Eisernen Vorhang zu überwinden, ihr Leben ließen.

 

 

 

Belene: Vom Tabuort zum Lernort

 

Das größte Projekt von Sofia Platform liegt ganz im Norden Bulgariens, an der Grenze zu Rumänien, auf einer Donauinsel: Belene, das berüchtigte politische Zwangs- und Umerziehungslager des Regimes. „Wir versuchen, so viele Aktivitäten wie möglich dort zu machen, um das Tabu zu brechen, Belene sei zu weit weg oder zu schwer erreichbar“, so Slavkova. Die Aufarbeitung im Lager im Norden ist für sie die logische Ergänzung zu den Tragödien an der Südgrenze  – entsprangen doch beide demselben System der Unfreiheit.

 

Alle drei Wochen kommen Lehrerinnen und Lehrer aus dem ganzen Land zu Fortbildungsveranstaltungen der NGO nach Belene. In den zertifizierten Fortbildungen geht es um politische Bildung und den Umgang mit kontroversen Themen im Unterricht. Dabei prallen oft Welten aufeinander: In den Gruppen sitzen Nachfahren von Lagerinsassen neben Menschen, deren Familien auf der Seite der Täter standen. Slavkovas Ansatz ist dabei bewusst nicht-dogmatisch: „Wenn man harte Positionen vertritt, lassen sie sich nicht verändern, indem man mit einer anderen harten Position kontert. Man muss erst einmal ins Gespräch kommen und verstehen, woher diese Positionen kommen.“

 

Auch für Jugendliche organisiert die NGO Sommercamps in Belene, bei denen sie im Archiv forschen und mit Zeitzeugen sprechen. Da die biologische Uhr tickt, nutzt Sofia Platform modernste Technik: Über die Plattform belene.camp werden lebensgroße Videoaufzeichnungen von Überlebenden mithilfe von künstlicher Intelligenz interaktiv zugänglich gemacht. Jugendliche können den Zeitzeugen virtuelle Fragen stellen. „Da steht dir die Geschichte plötzlich direkt gegenüber“, beschreibt Slavkova die emotionale Wucht des Projekts.

 

 

 

Die Hoffnung auf den zivilen Reflex

 

Louisa Slavkova hat keine persönliche Familiengeschichte, die sie mit den Lagern verbindet. „Es wäre schade, wenn man sich nur in Kämpfe begibt, die einen persönlich betreffen“, betont sie. Ihr Antrieb entspringt der Sorge um die Gegenwart. In Bulgarien wurde das Fach „Politische Bildung“ erst 2021 eingeführt. Die wirtschaftlichen Überlebenskämpfe und die Hyperinflation der 1990er Jahre hatten die ideologische Aufarbeitung jahrzehntelang verdrängt.

 

Das rächt sich heute in einem tiefen geschichtlichen Paradoxon. „Als Bulgaren sind wir in manchen Fragen schizophren“, beschreibt Slavkova die gesellschaftliche Stimmung. „Man kann gleichzeitig zwei gegensätzliche Gedanken im Kopf halten: Zum einen ist man mehrheitlich pro-europäisch, auf der anderen Seite aber irgendwie pro-russisch oder anti-westlich.“ Das osmanische Erbe wird im kollektiven Gedächtnis oft rein negativ als „osmanisches Joch“ betitelt, während das kommunistische Erbe architektonisch zwar unübersehbar, aber historisch völlig unerforscht ist. Dieser Mangel an Aufarbeitung nährt eine weit verbreitete Ost-Nostalgie – und damit einen fruchtbaren Nährboden für russische Propaganda. Um dem entgegenzuwirken, plant Sofia Platform derzeit den Aufbau eines privaten Kommunismus- und Bildungsmuseums.

 

Was gibt ihr dennoch Hoffnung für den demokratischen Weg Bulgariens? Es ist der zivile Reflex. „Wir sind nicht die aktivste oder vertrauenvollste Zivilgesellschaft, wir sind oft misstrauisch und leicht zynisch“, gibt sie offen zu. „Aber in den wichtigen Momenten unserer jüngsten Geschichte haben wir gezeigt, dass wir auf die Straße gehen und uns gegen das wehren können, was uns nicht passt. Die Generationen vor uns und die Jugendlichen, die in Freiheit geboren wurden, zeigen diesen Reflex. Das ist kein Sprint, das ist eine Aufgabe bis zum Ende unseres Lebens.“

 

 

 

Von Sofia nach Europa: Der THE CIVICS Innovation Hub

 

Dass ihr Engagement für die Demokratie unbequem ist, erlebte Slavkova mitten in der Pandemie, als eine rechtsextreme Partei in Bulgarien Beschwerde beim Generalstaatsanwalt gegen ihre NGO einreichte. Für Slavkova war das der Startschuss für die Internationalisierung ihrer Arbeit.

 

Gemeinsam mit Kolleg*innen aus Kroatien und Deutschland gründete sie den „THE CIVICS Innovation Hub“. Diese paneuropäische Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, die politischen Bildner*innen in Europa und damit die europäische Zivilgesellschaft zu unterstützen und Brücken zu bauen. Mit

 

NECE (Networking European Civic Education) betreibt sie mittlerweile das größte Netzwerk für politische Bildung in Europa. „Der Bedarf ist schließlich überall da“, erklärt Slavkova. „Die Stabilität der Europäischen Union hängt stark davon ab, welche Erzählung wir über Europa verbreiten und welche Geschichte von Europa wir glauben.“ Der Hub bringt politische Bildung sogar direkt in Unternehmen, um demokratische Kompetenzen im Alltag der Menschen zu verankern.

 

Ihr unermüdlicher Einsatz zeigt: Das Grüne Band ist heute nicht nur ein biologischer Korridor für den Naturschutz, sondern auch ein Raum für lebendige Erinnerungskultur. Louisa Slavkova sorgt dafür, dass die Grenzen von gestern als Mahnmal und Lernort für Demokrat*innen von morgen verstanden werden – in Bulgarien und in ganz Europa.