Kann man mit Fahrradfahren die Welt ein kleines bisschen besser machen? Für Evgeny Apostolov ist es ein Baustein, aber ein wichtiger. Evgeny ist eine treibende Kraft in der Fahrradcommunity in Burgas. Als Visionär engagiert er sich seit Jahren für nachhaltigen Tourismus, aktive Mobilität und die Entwicklung einer echten Fahrradkultur in der bulgarischen Schwarzmeerstadt. Auch an der Entwicklung des Iron Curtain Trails in Bulgarien, bekannt auch als EuroVelo 13, war er maßgeblich beteiligt.
Mitten zwischen Wohnkomplexen aus den 70er Jahren rettete er das letzte alte Haus des ursprünglichen Dorfes, das heute in der Stadt Burgas verschwunden ist. Hier gründete er für die weltweite Fahrradcommunity das Hug Center Hostel. „Hug“ ist Programm. Es soll ein Ort für jeden sein, jeder soll sich wohlfühlen und akzeptiert werden.
Radreisende können hier übernachten, kostenlos gegen Spende, wenn es ihnen möglich ist. Doch heute ist das Hug Center Hostel mehr. „Es ist offen für alle, die es brauchen. Manche bleiben eine Nacht, manche wollen zwei Tage bleiben und sind schon seit einigen Jahren hier.“ Sie können in dem Hostel umsonst wohnen und Teil der Gemeinschaft werden. Dazu gehört es auch Verantwortung zu übernehmen. Wie zum Beispiel James aus Schottland, der seit zwei Jahren hier lebt. „Er ist handwerklich sehr geschickt und hilft diesen Ort immer mehr auszubauen“, schwärmt Evgeny. James kommt mit einem Teller frischer Donuts, die er gerade gebacken hat und kommentiert selbst: „Da wir demnächst auch Essen anbieten wollen, probiere ich schon mal verschiedene Dinge aus.“ Michelle aus Deutschland und Irene aus Holland kamen durch ein Freiwilligenprojekt hierher. Das Programm ist längst zu Ende und sie sind immer noch hier. „Das Hug Hostel zieht Menschen an, die auf der Suche nach Verbindung sind“, so Michelle. „Man findet hier immer Gesprächspartner und stößt in der Regel auf Toleranz. Allerdings muss man immer die Balance finden zwischen Aufbau der Community und seinen individuellen Bedürfnissen. Es ist hier nicht konfliktfrei.
Evgeny ist aber bei dem „Hug-Konzept“ nicht stehen geblieben. „Wir hoben es auf den nächsten Level und erweiterten es zu „MaRCo“. Das Akronym steht für Mobility and Responsible Consumption“. 2019 hat er seine Visionen einem internationalen Publikum vorgestellt. „Die Art wie wir Mobilität denken und verantwortungsvoller Konsum gehören zusammen“, so Evgeny. „Wir wollen das hier in diesem Hug Hostel zeigen.“ Zusammen mit freiwilligen Helfern restaurierte er das Gelände nach Nachhaltigkeitsprinzipien, wobei vor allem recycelte und gespendete Materialien zum Einsatz kamen und kommen. „Wir sind keine klassische Unterkunft, sondern als ein "Social Regeneration Hub" und eine versteckte Gemeinschaftsoase.“
„Wir helfen Menschen, zu überleben“, so sein Credo. So war es für ihn auch selbstverständlich, dass das Hostel 2022 nach Beginn des vollumfänglichen Krieges Russlands gegen die Ukraine, Flüchtlinge aus der Ukraine aufnahmen. „Und was braucht eine Mutter mit Kind und Hund? Ein Zimmer mit eigenem Badezimmer“, beantwortet Evgeny seine eigene Frage. „Wir bauten ein Badezimmer und nutzten dazu ein altes Fahrstuhlgehäuse aus einem Abrisshaus.“
Doch die Visionen und Ideen gehen weiter. Gemeinsam mit seiner Partnerin Denitsa macht er ein jahrzehntelang brach liegendes Gelände an einem See außerhalb der Stadt wieder für Gemüse und Feigen nutzbar. Denitsa hat hier die ersten Bienenstöcke aufgestellt und hofft demnächst auch eigenen Honig zu machen. In halb verfallenen Gebäuden, die in sozialistischen Zeiten als Ställe genutzt wurden, warten Hunderte von Tomaten- und Gurkenpflänzchen darauf, in die Erde gesetzt zu werden. Die Freiwilligen aus dem Hostel unterstützen dabei. Evgeny verlegt parallel Wasserschläuche zur Bewässerung. „Wir wollen hier ökologisches Gemüse für das Hostel anbauen“, erläutert Denitsa.
Und was kommt als nächstes: Die Hug-Idee soll sich ausweiten und durch eine Co-working- and Co-living Community erweitert werden. „Es gibt Menschen, die hier dauerhaft leben und von hier aus arbeiten wollen. Auf diese Bedürfnisse wollen wir uns einstellen.“ Evgeny weiß, dass dazu auch Familien mit Kindern gehören. „Für die könnten wir ein „Word School Hub werden.“ Er betont, dass es nicht darum geht, damit Geld zu verdienen. „Es soll sich selbst tragen. Aber für mich brauche ich das Einkommen nicht. Im Gegenteil, ich subventioniere manches privat mit meinem Geld, wenn es notwendig ist.“
Es klingt nach einem umtriebigen Leben mit immer neuen Projekten. Dabei versucht Evgeny genau das Gegenteil zu leben. „Ich versuche den Menschen beizubringen: Kein Stress und keine Hektik.“ Manchmal komme damit auch in persönliche Konflikte, da manches länger dauert als erwartet. „Und manchmal kann ich Versprechen nicht einhalten.“
Evgeny ist stark durch seine Eltern geprägt. Seine Mutter war Schauspielerin, sein Vater war Schriftsteller und Schiffskapitän. „Das meiste habe ich im Theater und auf dem Schiff gelernt, nicht in der Schule. „Die Entscheidung, was ich nach der Schule studieren sollte, fiel mir schwer. Mein Ziel war es schon damals, Menschen glücklich zu machen.“ Er studierte Sprachen. „Das passt, denn alles, was ich heute machen, hat mir Kommunikation zu tun.
Eines hat er in seinem Leben allerdings nicht gelernt: „Deutsch zu sein.“ Er erklärt, dass das ein fester Begriff in der bulgarischen Sprache ist und für Ordnung und Sauberkeit steht. „Ich habe meist ohne Plan gelebt und viel improvisiert. Vielleicht war ich nicht immer effektiv, aber ich versuche nach wie vor, meine Visionen umzusetzen – für eine bessere Welt, in der die Menschen im Mittelpunkt stehen.“ Eben eine Welt mit mehr „Hugs“.





