Wer mit Radostina Tzenova über den Naturschutz in Bulgarien spricht, merkt schnell, dass hier tiefe Fachkenntnis auf echte Leidenschaft trifft. Bereits in der Schule hatte sie am Gymnasium Biologie als Schwerpunktfach. Nach ihrem anschließenden Ökologie-Studium nahm sie im Jahr 1998 ihre Arbeit bei der Bulgarischen Biodiversitätsstiftung (Bulgarian Biodiversity Foundation, BBF) auf – eine Entscheidung, die den Beginn einer fast dreißigjährigen Erfolgsgeschichte markieren sollte. Sie blickt auf eine Ära zurück, in der sie den regionalen Naturschutz und das Mammutprojekt des europäischen „Grünen Bandes“ maßgeblich geprägt hat.
Die Pionierarbeit im Naturpark Strandscha
Ein Meilenstein, der Tzenovas Schaffen bis heute definiert, ist eng mit dem unberührten Strandscha-Naturpark verbunden. Mit einer Fläche von 1.161 Quadratkilometern ist der bereits 1995 gegründete Naturpark das größte Schutzgebiet Bulgariens und macht rund ein Prozent der gesamten Landesfläche aus. Als die BBF 1998 mit den Vorarbeiten für den Managementplan des Naturparks begann, betrat das Team absolutes Neuland. Strandscha ist einzigartig in Bulgarien: Es ist der einzige Naturpark, in dessen Grenzen 21 lebendige Dörfer und Siedlungen liegen. Naturschutz durfte hier nicht gegen die Menschen, sondern musste mit ihnen gestaltet werden.
Das war anfangs alles andere als leicht. Nach Jahrzehnten im streng bewachten, isolierten Grenzgebiet zur Türkei schlug den Naturschützern tiefes Misstrauen der Einheimischen entgegen. „Das Konzept von modernem Naturschutz war damals einfach viel zu neu und modern für die Menschen vor Ort“, erinnert sich Tzenova. „Die Menschen waren misstrauisch, weil sie jahrelang in einer isolierten Sperrzone gelebt und eng mit den Grenzsoldaten zusammengearbeitet hatten. Aber genau diese jahrzehntelange Abriegelung im Kalten Krieg war ein Glücksfall für die Natur – sie hat die Region vor der Zerstörung bewahrt.“
Hinzu kommt eine geologische Besonderheit: Das Strandscha-Gebirge wurde vor Jahrtausenden vom eiszeitlichen Klimawandel verschont, wodurch es zu einem Zufluchtsort für Arten wurde, die im restlichen Europa längst ausgestorben waren. Einzigartige Reliktarten wie der berühmte Strandscha-Rhododendron überlebten so in den dichten Wäldern.
Das Grüne Band Europa: Von Schmugglern zu Guides
Das Konzept des „Grünen Bandes“ – der Transformation des ehemaligen Eisernen Vorhangs in einen lebendigen Korridor für die Artenvielfalt – zieht sich wie ein roter Faden durch Tzenovas internationale Arbeit. Um die verborgenen Naturschätze im kollektiven Gedächtnis zu verankern, rief sie eine besondere, mobile Fotoausstellung ins Leben. Unter dem aufrüttelnden Slogan „Vergessen, verboten“ (Forgotten, forbidden) zeigten Profi- und Hobbyfotografen Aufnahmen der einst unzugänglichen Grenzregionen. Die Ausstellung wanderte durch die gesamte Region Burgas und schlug hohe Wellen – bis hin zu einer feierlichen Präsentation im Beisein des Schweizer Botschafters.
Die BBF wurde unter ihrer Führung Mitglied der European Green Belt Association. Tzenovas Blick reichte dabei immer über die bulgarische Grenze hinaus. Im Belasiza-Gebirge im Dreiländereck zwischen Bulgarien, Nordmazedonien und Griechenland koordinierte die BBF grenzüberschreitende Naturschutzprojekte.
„Wir waren und sind unheimlich stolz darauf, denn das war unser ganz eigener, von unten herauf erkämpfter Erfolg“, betont Tzenova.
Eine Initiative liegt rund 20 Jahre zurück: Damals half die Stiftung dabei, Einheimische, die zuvor in illegalen Schmuggel im Grenzbereich verstrickt waren, zu zertifizierten Natur- und Tourismusführern umzuschulen. Ein visionärer Versuch, grüne Wirtschaftsperspektiven in einer strukturschwachen Region zu schaffen.
Ein unermüdlicher Kampf mit Herzblut
Trotz all der Meilensteine ist Tzenovas Alltag bis heute von zähen bürokratischen und ökologischen Kämpfen geprägt. Der immense Bau- und Entwicklungsdruck an den Küstenabschnitten des Parks ist allgegenwärtig, und der schwankende Holzpreis führt immer wieder zu kommerziellen Abholzungen in den geschützten Wäldern. Erschwerend kommt hinzu, dass der finale Managementplan für den Strandscha-Naturpark aufgrund unterschiedlicher Lobbyinteressen bis heute nicht lückenlos vom Umweltministerium akzeptiert wurde. Ein neuer wird aber auch nicht entwickelt.
Auch die finanzielle Unsicherheit im NGO-Sektor verlangt einen langen Atem. „Es gab auch schon Phasen, in denen ich kein Einkommen hatte.“ Doch wer Tzenova zuhört, merkt, dass Resignieren für sie keine Option ist. Ihre Heimatstadt Burgas, in der man direkt vor den Toren der Stadt Flamingos, Pelikane und Störche beobachten kann, gibt ihr täglich neue Energie. „Natürlich ist es manchmal frustrierend, wenn man über Jahre hinweg dieselben Kämpfe austragen muss“, gesteht sie offen. „Aber wenn man sieht, was wir bereits erreicht haben und wie sich die Dinge bewegen, weiß man genau, wofür man diesen Job macht.“






