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Kultur am äußersten Rand

 

Das „Apollonia-Kunstfestival“ verwandelt jährlich seit 42 Jahre im Spätsommer die Schwarzmeerküste in ein lebendiges Zentrum für Kunst und Kultur. Austragungsort ist das malerische Sozopol – eine der ältesten Städte des Landes, die heute etwa 4.500 Einwohner zählt und rund 35 Kilometer südlich von Burgas an einer felsigen Landzunge des Schwarzen Meeres liegt. Im folgenden Interview erläutert Festivaldirektorin Margarita Dimitrova die faszinierende Verwandlung einer einst streng abgeriegelten Grenzzone des Ostblocks in einen Raum der künstlerischen Freiheit und die Brücken, die die Kunst bis heute baut.

 

 

Sozopol ist im Sommer ein beliebtes Touristenziel und liegt dennoch in einer Region, die außerhalb der Saison von Ruhe und Abgeschiedenheit geprägt ist – besonders je weiter man nach Süden in Richtung der türkischen Grenze fährt. Was bedeutet es, ein Festival dieser Größenordnung an einem so abgelegenen Ort zu organisieren?

  

Das Apollonia Kunstfestival ist das größte und beliebteste bulgarische Kunstforum. Die erste Ausgabe des Festivals fand vor 42 Jahren in Sozopol statt, einer der ältesten Städte Bulgariens, deren Ursprünge bis in die Bronzezeit zurückreichen. Das Apollonia Kunstfestival in Sozopol zu organisieren ist deshalb so bedeutsam, weil die Stadt geografisch gesehen an der Peripherie liegt – gemessen an Bulgariens politischem und kulturellem Zentrum Sofia. Das Festival verwandelt die Peripherie in ein kulturelles Zentrum und stellt den kulturellen Raum in Bulgarien vorübergehend auf den Kopf.

 

Die einzigartige, antike Atmosphäre der Stadt ist eine Inspiration für alle Kunstformen: von klassischer Musik, traditioneller Musik und Jazz über Theater, Tanz, plastische Kunst bis hin zu Literatur, Poesie und Kino. Präsentiert wird all dies von den besten bulgarischen Künstlern und Gastkünstlern aus dem Ausland. Apollonia verlangt von den Künstlern und dem Publikum, an den äußersten Rand des Landes an der Schwarzmeerküste zu reisen. Dieser Akt der Bewegung ist wichtig – Kultur wird hier nicht einfach aus der Hauptstadt geliefert, sondern sie verlagert ihren Standort. 

Die Stadt lebt von ihren Kontrasten: Hier trifft eine jahrtausendealte Geschichte direkt auf den Puls der Gegenwart, der besonders während der Tourismussaison spürbar ist. Dieser Kontrast ist es, der ihre Atmosphäre ausmacht. Hinter der geografischen Lage verbirgt sich weit mehr: Sozopol, die einstige griechische Kolonie Apollonia Pontica, ist historisch gesehen ein Grenzraum – zwischen Zivilisationen, Handelswegen und Sprachen. Ein Festival für zeitgenössische Kunst an diesem Ort verbindet die moderne bulgarische Kultur wieder mit einem älteren kulturellen Gedächtnis des Mittelmeers und des Schwarzen Meeres. Wenn Hochkultur in einer kleinen Küstenstadt auftaucht, entsteht eine produktive Spannung. Kammermusik in engen Gassen, Lesungen neben Touristencafés, Theater direkt neben Fischerbooten – das macht Kultur spürbarer und lebendiger.

 

  

Zur Zeit des Eisernen Vorhangs war diese Küstenregion weitgehend abgeriegelt. Wie hat die Gründung von Apollonia vor 42 Jahren dazu beigetragen, die Wahrnehmung dieser „Grenzzone“ in einen Raum künstlerischer Freiheit zu verwandeln?

 

Während des Kalten Krieges fungierte ein Teil der Küstenlinie als Grenzzone des Ostblocks und war aus diesem Grund streng abgeriegelt und ideologisch streng kontrolliert. Die Gründung eines Kunstfestivals in Sozopol bedeutete, ein Grenzgebiet neu zu denken – als kulturellen Treffpunkt und nicht als Verteidigungslinie.

Zur Zeit des Eisernen Vorhangs standen Grenzen für Kontrolle und Misstrauen. Das Apollonia Kunstfestival besaß in seinen Anfängen eine leise, aber tiefgründige symbolische Sprengkraft, da die südliche Schwarzmeerküste Bulgariens vor allem politisch hochsensibel war. Apollonia brachte Begegnung, Dialog, Austausch und Experimente an diesen Ort. Das Festival schuf eine Atmosphäre, die sich kosmopolitischer anfühlte als das alltägliche öffentliche Leben. Die Schwarzmeerküste verband Bulgarien mit Griechenland, der Türkei und der Mittelmeerwelt. Apollonia belebte die ältere Bedeutung der Küste als Ort des Austauschs und der Begegnung neu. Das Meer funktionierte nicht mehr nur als bewachte Grenze, sondern wurde wieder zu einem metaphorischen Horizont.

In Sozopol konnten sich Künstler, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler und Intellektuelle auf eine Weise treffen, die sich freier, improvisierter und weniger bürokratisch anfühlte als in den offiziellen Kulturinstitutionen der Hauptstadt. Das Festival schaffte die Zensur zwar nicht ab, aber es schuf Zonen von relativer Lockerheit, Unbestimmtheit und Experimentierfreude. Apollonia machte Sozopol zu einem Reiseziel für Bulgariens führende Kulturschaffende; die Grenze wurde zu einem Ort von Prestige und Kreativität. Menschenmengen, Aufführungen, Gespräche und nächtliche Veranstaltungen füllten das Gebiet mit freiwilliger Teilnahme statt mit auferlegter Kontrolle. Dieselben Straßen und dieselbe Küste erhielten eine völlig neue Bedeutung.

 

Wie hat das Festival das Leben der Menschen verändert, die das ganze Jahr über in Sozopol leben? Bleibt der Geist von Apollonia auch dann in der Stadt, wenn die Sommersaison endet und die winterliche Stille zurückkehrt?

 

Die Beziehung zwischen Apollonia und den Einwohnern von Sozopol ist komplex, da das Festival die Stadt nicht einfach nur besucht – es ist Teil der symbolischen Identität der Stadt geworden. Eine Stadt, die einst hauptsächlich über den Fischfang, den Saisontourismus und ihre periphere Lage wahrgenommen wurde, wird nun landesweit mit Kultur, intellektuellem Leben und künstlerischem Prestige assoziiert. Das verändert auch die Art und Weise, wie die Einwohner den Wert ihres eigenen Heimatortes wahrnehmen. Die Stadt ist nicht mehr nur ein Ferienort am Rande des Landes; sie wird zu einer anerkannten Kulturlandschaft.

 

Das Festival hat die Tourismussaison erweitert. Es brachte nicht nur Urlauber, sondern auch Künstler, Verleger, Journalisten, Schauspieler, Musiker und Studenten. Im Laufe der Zeit entwickelten die Einwohner Erinnerungen, die nicht nur mit dem Sommertourismus verknüpft sind, sondern mit Konzerten, Lesungen, Ausstellungen und Begegnungen.

Zweiundvierzig Jahre bedeuten, dass in Sozopol ganze Generationen mit dem Festival als einer wiederkehrenden Realität aufgewachsen sind. Kinder, die früher Aufführungen von Balkonen aus beobachteten oder Gelegenheitsjobs rund um die Veranstaltungen annahmen, wurden später selbst zu Teilnehmern, Organisatoren oder Künstlern. Das Festival wurde Teil der lokalen Geschichte, nicht nur der nationalen Kultur.  

Der Winter verwandelt die Stadt radikal. Die Menschenmassen verschwinden, viele Geschäfte schließen, das Meer wird rauer und die alten Gassen finden zu ihrer Ruhe zurück. Doch vielleicht gerade weil der Kontrast so stark ist, wird die Erinnerung dort extrem mächtig. Die Einwohner tragen Spuren des Festivals in ihren Geschichten, Freundschaften, Routinen, Fotografien, Plakaten, in den Gewohnheiten des Zusammenkommens und in dem Wissen, dass die ruhige Stadt regelmäßig zu einem nationalen Kulturzentrum wird. Ich glaube, dass die winterliche Stille das Echo des Festivals bewahrt.

 

  

Welche Rolle spielt Kultur Ihrer Erfahrung nach dabei, frühere unüberwindbare Grenzen – wie die nahe bulgarisch-türkische Grenze – zu überwinden und in einer so geschichtsträchtigen Landschaft eine gemeinsame europäische Identität zu stiften?

 

In Regionen, die von ehemaligen harten Grenzen geprägt sind, ist die Kultur oft dort erfolgreich, wo die Politik allein versagt. Denn Kunst verändert die emotionale Bedeutung eines Raumes, noch bevor Institutionen dessen rechtliche oder geopolitische Bedeutung vollständig ändern können. In der Vergangenheit war die nahe gelegene bulgarisch-türkische Grenze rund um Sozopol nicht nur eine nationale Grenze, sondern Teil der Grenze zwischen zwei politischen Welten. Solche Grenzen hinterlassen psychologische Rückstände – lange nachdem die Grenzübergänge einfacher zu passieren sind.

 

Die Kultur weicht diese Rückstände durch verschiedene Mechanismen auf. Musik, Literatur, Kino und Theater ermöglichen es den Menschen, einander nicht als Vertreter von Staaten, sondern als Teilnehmende an gemeinsamen menschlichen Erfahrungen zu begegnen. Das Apollonia Kunstfestival reaktiviert das ältere Gedächtnis des Zusammenlebens und des Austauschs. Es erinnert das Publikum daran, dass Grenzen historisch gesehen instabil sind, während kulturelle Interaktion etwas Kontinuierliches ist.Eine europäische Identität entsteht dadurch, dass man lernt, wie verschiedene Erinnerungen, Sprachen und Traditionen nebeneinander existieren können, ohne sich gegenseitig auszulöschen. Historische Landschaften wie Sozopol verkörpern dieses Prinzip ganz physisch: Orthodoxe Kirchen, osmanische Spuren, antike griechische Fundamente und zeitgenössischer Tourismus existieren alle innerhalb desselben räumlichen Rahmens.

  

Was war in vier Jahrzehnten des Engagements für dieses Festival der berührendste ‚menschliche Moment‘ oder die denkwürdigste Begegnung, die Sie erlebt haben und die beispielhaft zeigt, warum Kunst für genau diese Region so unverzichtbar ist?

  

Die vielleicht schönste Belohnung für unsere Arbeit als Organisatoren ist es zu sehen, dass Apollonia eine Beständigkeit geschaffen hat, wo sonst in dieser Region alles so vergänglich wirkt. Touristen reisen ab, Jahreszeiten ändern sich, politische Systeme brechen zusammen, Generationen vergehen und doch kehren die Menschen jeden September zurück, im Gepäck ihre Erinnerungen, Erwartungen und ihre Verbundenheit.  

Die bedeutsamsten menschlichen Momente spielen sich oft gar nicht auf der Hauptbühne ab, sondern in den unerwarteten Begegnungen zwischen ganz normalen Menschen und der kreativen Elite des Landes, die das Festival in Sozopol überhaupt erst möglich macht. Über mehr als vier Jahrzehnte hinweg haben sich viele solcher Momente angesammelt. Und manchmal ist das entscheidende Bild ganz einfach: Nach dem Ende einer Vorstellung bleiben die Menschen auf den Straßen stehen und unterhalten sich bis weit in die Nacht, anstatt sofort auseinanderzugehen. In einer Stadt, die historisch von Grenzen und Abschieden geprägt ist, wird die Entscheidung zu bleiben, zuzuhören und miteinander zu sprechen, zu einer ganz eigenen, leisen kulturellen Errungenschaft.

  

Die Fragen beantwortete Margarita Dimitrova,

Geschäftsführende Direktorin der Apollonia Art Foundation und Hauptorganisatorin des Apollonia Kunstfestivals

  

Da ich im September während des Festivals leider nicht in Sozopol sein kann, stellte ich die Fragen schriftlich an das Festivalbüro in Sofia.