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Zwischen Glauben und Glut

 

Die Feuertänze in den abgelegenen Dörfern im Strandscha-Gebirge sind kein Spektakel. Sie sind tief in der Tradition und im Glauben der Menschen verankert. Der Nestinari-Brauch (Nestinarstvo) ist jahrtausendealt. Seine Wurzeln liegen in der thrakischen Mythologie. Die Thraker waren ein antikes Volk, das einst weite Teile Südosteuropas besiedelte – vom heutigen Bulgarien und Rumänien bis in den Norden Griechenlands und die europäische Türkei. Sie verehrten den Sonnengott durch spirituelle Feuerkulte. Der Höhepunkt des Rituals ist bis heute der Tanz der Nestinari barfuß auf heißer Glut.

 

Als im Mittelalter das Christentum in die Region kam, verschmolz das heidnische Feuerritual mit dem neuen Glauben. Die thrakischen Sonnenkönige wurden durch die christlichen Heiligen Konstantin und Helena ersetzt. Seit 2009 gilt dieser Brauch als immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO.

 

Der Höhepunkt des rituellen Kalenders ist eigentlich der 3. Juni, der Tag der heiligen Konstantin und Elena, an dem das große Hauptritual im Nachbardorf Balgari stattfindet. Jeweils am Sonntag davor findet jedoch die essenzielle Vorbereitung statt: die Waschung der Ikonen in einer heiligen Quelle tief im Wald des Strandscha-Gebirges. Für die Dorfgemeinschaften von Kosti, Balgari, Slivarovo, Gramatikovo und Kondolovo ist dieser Sonntag der emotionale Auftakt. In einer feierlichen Prozession holen sie die Ikonen aus ihren Kapellen.

 

Bereits ab neun Uhr füllt sich der Marktplatz in Kosti mit Autos. Menschen in Outdoor-Kleidung und Menschen in traditionellen Kleidern kommen an – manche historisch eng an die Tracht angelehnt, manche eher im modernen Folklore-Look. Wiedersehensfreude, lebhafte Gespräche, der Auftakt zu einem Dorffest und einem religiösen Ritual.

 

Um zehn Uhr setzt ein rhythmisches Trommeln auf der Tapan ein, begleitet von der Gaida, einer Art Dudelsack. Die Menschenmenge setzt sich in Bewegung, zieht an der Kirche vorbei durch das Dorf zu einer kleinen, sehr bescheidenen Kapelle. Dort werden die Ikonen herausgeholt und zurück auf den Dorfplatz getragen. Immer unter Trommelwirbel, immer im selben monotonen Rhythmus. Ging man früher noch zu Fuß oder mit Eseln durch den Wald zur heiligen Quelle, so stehen heute Fahrzeuge bereit. Viele nutzen das eigene Auto, es wartet aber auch ein Bus. Etwa zehn Kilometer rumpelt das Gefährt einen unbefestigten Weg durch das dichte Grün. Die Äste peitschen immer wieder gegen die Fensterscheiben.

 

Plötzlich parken Hunderte von Autos dicht an dicht am Wegesrand. Aus allen fünf Dörfern kommen die Menschen hier an der heiligen Quelle zur rituellen Zeremonie zusammen. Dazu gesellen sich Neugierige und Interessierte aus ganz Bulgarien, ja sogar aus Griechenland. Waren die Feuertänze früher in ganz Thrakien verbreitet, hat sich diese Tradition in ihrer ursprünglichen Form nur im Strandscha-Gebirge erhalten.

 

Einige hundert Menschen sitzen an langen Holztischen, an mitgebrachten Campingtischen oder auf ausgebreiteten Picknickdecken. Die Tafeln sind üppig gedeckt. Einige Grills rauchen, Fleisch brutzelt. Über offenem Feuer köchelt eine traditionelle Lammsuppe. Die Zutaten hat eine Frau aus Dankbarkeit spendiert, weil ihre Enkeltochter nach langer Krankheit wieder gesund geworden ist.

 

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen fünf Holzaltäre, die üppig mit Blumen geschmückt sind. Jedes Dorf hat seinen eigenen Platz. Und dann geht es los: Unter Trommelwirbel im immer gleichen Rhythmus trägt jedes Dorf seine Ikonen zur Quelle hinunter, wäscht sie, bringt sie wieder nach oben und platziert sie auf dem Altar. Kerzen werden entzündet, Weihrauch vernebelt, Gebete gesprochen. Einzelne Besucher betreten nacheinander andächtig den Altarbereich, während andere sich drängeln, um möglichst nah am Geschehen zu sein. Unzählige Handys werden in die Höhe gehalten, um diesen Moment festzuhalten.

 

Mitten unter ihnen ist Lora Ilieva. Sie bezeichnet sich selbst als Ethnographin und trägt eine auffällige Tracht, die stilistisch eine Mischung aus verschiedenen Regionen Südbulgariens ist. Eigentlich arbeitet Lora in der Finanzbranche, aber ihre Leidenschaft gilt den Traditionen des Balkans. Sie betont, dass das Nestinarstvo weit mehr ist als nur der Feuertanz, also der eigentliche Schritt auf die heiße Glut: „Nestinarstvo ist keine Folklore, keine inszenierte Show für Touristen“, stellt sie klar. „Es ist ein jahrtausendealtes, tief religiöses und spirituelles Kultur- und Glaubenssystem.“ Die Kirche sehe dieses Ritual heidnischen Ursprungs zwar kritisch, weiß Lora. „Aber andererseits kommen die Ikonen aus der christlichen Kirche. Außerdem ist diese Tradition älter als die Kirche und älter als Bulgarien selbst.“ Selbst die kommunistischen Zeiten überdauerte der Brauch: Obwohl Religion damals eigentlich verboten war, wurde dieses Ritual geduldet.

 

Die Stunden vergehen. Immer wieder treten Menschen an die Altäre heran, zünden Kerzen an und verneigen sich vor den Ikonen. Kinder nutzen den Wald als Spielplatz. Viele gehen zur Quelle hinab und halten ihre Hände ins heilige Wasser. Andere sitzen einfach an den langen Tischen wie bei einer großen Familienfeier oder einem Dorffest, essen, trinken, reden und lachen. Und über allem liegt die Musik – immer wieder die rhythmische Trommel und der Dudelsack. Der Kreis der Menschen, die dazu tanzen, wird immer größer.

 

Schließlich wird ein Feuerplatz hergerichtet und Holz aufgeschichtet. Begleitet von Musik und Tänzen wird das Feuer entzündet. Es brennt langsam ab, bis nur noch glühende Kohle übrig ist. Die Menschen in ihren traditionellen Trachten versammeln sich wieder an den Altären. Die Ikonen werden von den Ikonenträgern und -trägerinnen feierlich von den Altären genommen und zum Feuerplatz gebracht. Auch Lora darf eine der Ikonen tragen. „Es ist für mich eine große Ehre, dass ich gefragt wurde“, kommentiert sie sichtlich bewegt. Sie ist ein bisschen aufgeregt, man spürt, wie tief sie in diesem Glaubenssystem verwurzelt ist. Sie erläutert, dass viele Menschen die Fähigkeit in sich tragen, auf der Glut zu tanzen. „Du spürst es einfach, wenn du es kannst“, versichert sie. Sie erzählt von Nestinari, deren Gesichtsausdruck sich im Moment des Tanzes völlig verändert: „Sie werden blass, ihre Hände werden eiskalt, sie spüren den Schmerz nicht und bekommen auch keine Brandblasen. Ich habe auch schon im Feuer getanzt, und es ist nichts passiert.“

 

Sie berichtet von Versuchen, das Phänomen wissenschaftlich zu erklären. Doch weder Physiker noch Psychologen konnten das Rätsel der Hitzeunempfindlichkeit bislang ganz lösen. Entscheidend sei, dass die Menschen durch die Zeremonie und das Tanzen zu dem monotonen Rhythmus in Trance geraten.

 

Ihr Bekannter Ivo mischt sich in das Gespräch ein: „Man sollte nicht nach der rationalen Erklärung suchen, sondern versuchen, das Ritual zu erleben und zu spüren. Der Feuertanz ist nur der Höhepunkt. Wichtig sind die Vorbereitung und die ganze Zeremonie drumherum.“ Und Lora ergänzt: „Der Feuerkreis ist ein Spiegel der Sonne, und die Nestinari, die Feuertänzer, schaffen die Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen den Göttern und den Menschen.“

 

Dann setzt wieder das rhythmische Trommeln auf der Tapan ein. Die kleine Prozession der Ikonenträger und anderer „auserwählter“ Menschen setzt sich in Bewegung, zieht zum Feuerplatz und bildet einen dichten Kreis um die Glut. Und dann lösen sich die ersten Menschen – manche mit, manche ohne Ikone in den Händen – aus der Menge und tanzen mitten durch die Glut. Umringt von Zuschauern, die schweigend diesen faszinierenden Brauch zwischen Religion und Spiritualität, zwischen lebendigem Glauben und uralter, heidnischer Tradition miterleben. Nach diesem Höhepunkt des Tages herrscht Aufbruchstimmung. Die Menschen packen langsam ihre Sachen wieder zusammen. Die Autos rumpeln zurück in ihre Dörfer und überlassen den Wald und die heilige Quelle wieder der Stille der Natur.