Am Montag musste ich früh aufbrechen, da ich mein Fahrrad am Sonntag aufgrund des Nestinari-Rituals nicht bewegt hatte. Vor mir lagen 100 Kilometer und 1.500 Höhenmeter. Start um 6.30 Uhr – ohne Frühstück. Nach den ersten 500 Höhenmetern hoffte ich im Dorf Balgari auf einen Kaffee und träumte von einem Frühstück. Man zeigte mir jedoch nur einen Kaffeeautomaten an der Straße. Dazu war ich nicht bereit – noch nicht.
Nach einer Stunde das nächste Dorf: Kondolovo. Zwei Männer saßen vor der kleinen Dorfschenke, davor ein Kinderwagen mit Kind. Doch die Schenke hatte geschlossen. Die Männer deuteten auf den Kaffeeautomaten und meinten, der Kaffee sei in Ordnung. Also warf ich Geld ein, holte mir einen Cappuccino und kramte meine Kekse aus den Packtaschen.
Der ältere der beiden Männer kam mir bekannt vor. Ich fragte ihn, ob er gestern in Kosti im Garten gestanden und der Prozession zugewinkt hatte, die die Ikonen aus der Kapelle holte (siehe letzter Beitrag). Er war es. Wir kamen ins Gespräch, und es wurde schnell immer interessanter. Schließlich fragte ich, ob er etwas Zeit für ein Interview hätte. Er stimmte zu.
Der junge Mann mit dem Kind verabschiedete sich. Und so saßen Yury Angelov und ich vor der geschlossenen Dorfschenke mit unserem Automatenkaffee. Yury Angelov ist in Bulgarien ein bekannter Schauspieler. Er arbeitete viele Jahre am Nationaltheater in Sofia, bevor er sich in die Strandscha-Berge zurückzog.
Die Flucht in die Berge und die Rettung durch Kräuter
Hinter Yurys radikalem Ausstieg aus der Zivilisation vor etwa 43 Jahren – noch zu Zeiten des Sozialismus – steckte jedoch weit mehr als nur die Suche nach Ruhe: Es war der Versuch, seine Gesundheit und Lebenskraft zurückzugewinnen. Bevor er das Nationaltheater verließ, war er schwer erkrankt und musste über einen längeren Zeitraum Antibiotika einnehmen. Geplagt von Erschöpfung und den massiven Nebenwirkungen der Medikamente traf er eine lebensverändernde Entscheidung. Er schwor der Schulmedizin ab, trank zeitweise nur noch Wasser und suchte Zuflucht in der unberührten Natur des Strandscha-Gebirges, um seinen Körper radikal zu entgiften.
Er schwört bis heute auf Bergkräuter, die ihm von alten Menschen aus der Region empfohlen wurden. Trotz des anfänglichen Unverständnisses seines Umfelds zog es ihn magisch in diese Region. Ein Jahr lang suchte er nach dem idealen Rückzugsort und fand schließlich das kleine Dorf Fasanovo, wo er auch seine Kinder großzog. In den Bergen fand er durch die Naturheilkräfte die ersehnte Genesung. Die Begegnung mit den Kräutern der Region, die er als essenziell für die innere Reinigung seines Körpers beschreibt, rettete ihm nach eigener Aussage das Leben.
Ganz mit der Schauspielerei brach er damals allerdings nicht: Zehn Jahre lang pendelte er zwischen den Bergen und seinen Verpflichtungen am Theater in Sofia. Yury war in ganz Bulgarien ein populärer und gefragter Darsteller, der sowohl am Nationaltheater als auch auf den Bühnen in Burgas spielte und mit verschiedenen Ensembles auf Tournee ging. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm seine Rolle in Shakespeares Der Sturm – ein Stück voller Magie, das er über Jahre hinweg auch in den Bergen aufführte.
Der Traum von der Wiederbelebung der Dörfer
Heute ist Yury 76 Jahre alt und blickt auf ein langes Engagement für die Region zurück. Als er nach Fasanovo kam, lag das Dorf nach den Wellen der Urbanisierung im Kommunismus fast brach; es lebten kaum noch Menschen dort. Aus tiefer Dankbarkeit für seine eigene Heilung begann Yury damit, das Dorf wiederzubeleben. Genau hierbei kam ihm seine landesweite Bekanntheit zugute: Weil er in Bulgarien ein so prominentes Gesicht war, gelang es ihm, das Fernsehen in den abgelegenen Ort zu holen und eine regelrechte Werbekampagne für das Landleben zu starten. Sein Traum ging auf: Das Dorf füllte sich wieder mit jungen Menschen.
Die Lebenswege seiner eigenen Familie führten schließlich zu einer Veränderung. Seine Söhne, deren Wege sie zeitweise ins Ausland führten, waren aus dem Haus. Auf Anraten der Familie verkaufte Yury schließlich sein Anwesen in Fasanovo. Nach Stationen in anderen Dörfern der Region erwarb er schließlich sein heutiges Zuhause im Nachbardorf Kosti – genau dort, wo ich ihn am Vortag gesehen hatte. Um die perfekte Balance zwischen Bergen und Meer zu finden, besitzt er zudem ein kleines Apartment direkt an der Küste.
Ein Vermächtnis für die Jugend
In einem weiteren Dorf, Brodilovo, widmet sich Yury heute im Sommer einer neuen Herzensaufgabe: In den Ferien organisiert er regelmäßige Kunst- und Theaterkurse für Kinder, die aus der Stadt in die Natur kommen. Somit kann er seine Leidenschaft für die Schauspielerei und für die Region verbinden. „Die Arbeit macht mir viel Freude“, sagt er. Bescheiden betont er jedoch, dass nicht er die Kinder lehre, sondern die Kinder ihn.
Gemeinsam mit Schulen engagiert er sich außerdem in einem europäischen Projekt, bei dem es um den Anbau von Heilpflanzen geht, die ihm einst das Leben gerettet haben. Mit diesem Projekt möchte er jungen Menschen zeigen, wie man im Einklang mit der Natur lebt. Für Yury ist dies ein wichtiges Korrektiv zur Vergangenheit: Der Kommunismus hat den Menschen damals das Land weggenommen, was tiefe Spuren hinterlassen hat. Die heutige ältere Generation in Bulgarien sieht er oft als körperlich und mental erschöpft an. Sein persönliches „Experiment“, der Jugend den Weg zurück in die Natur zu weisen, ist für ihn ein echtes Lebenswerk.
Plötzlich fuhr ein Auto vor. Yury verabschiedete sich, stieg ein und weg war er. Ich hatte noch so viele Fragen und hätte gerne noch mehr von ihm gehört – auch wenn er auf meine Fragen eigentlich nie direkt antwortete, sondern einfach das erzählte, was er erzählen wollte. Aber es war unheimlich spannend.
Als ich meine Sachen packte, sah ich ein Handy auf dem Tisch liegen. Das musste von Yury sein… Ich fuhr mit dem Fahrrad durch das Dorf und suchte den jungen Mann mit dem Kind. Ich fand ihn schließlich, und er nahm das Handy mit einem Schmunzeln entgegen: „Das passiert ständig. Irgendwie bekommt er es schon wieder.“
Für mich ging die Weiterfahrt weiter – immer noch ohne Frühstück, aber nach einem guten Kaffee und einer unvergesslichen Begegnung.





