Im idyllischen und geschichtsträchtigen Karaağaç in der Nähe von Edirne, unweit der griechischen Grenze, liegt der historische Campus der Trakya-Universität. Wo heute Kunststudenten im Schatten alter Bäume sitzen, Blumen blühen und Vögel zwitschern, erzählt die historische Kulisse von vergangenen Zeiten. Ursprünglich wurde der Prachtbau im späten Osmanischen Reich als Hauptbahnhof von Edirne im neoklassizistischen Stil erbaut. Nach wechselvoller Geschichte im Zuge der Grenzneuordnungen nach dem Ersten Weltkrieg dient das Areal heute als Fakultät der Schönen Künste – ein Ort, an dem die Pracht der Vergangenheit auf die kreative Zukunft der Jugend trifft.
Direkt auf dem Campusgelände erinnert zudem das riesige Lausanne-Monument an den Friedensvertrag von 1923, der den Griechisch-Türkischen Krieg offiziell beendete und die Grenzen der Region Edirne endgültig festlegte. Da Griechenland kein Geld für die entstandenen Kriegsschäden zahlen konnte, trat es das strategisch wichtige Grenzgebiet als Entschädigung an die Türkei ab, weshalb der Ort heute als wichtiges Symbol für den Frieden gilt. Die Verbindung von Geschichte und Gegenwart spiegelt sich auch in der neugegründeten Edirne-Biennale wider, die das alte Bahnhofsgebäude mit einer Ausstellung zeitgenössischer internationaler Künstler füllt. Unter dem Leitmotiv „Brücken“ verwandeln die kreativen Installationen die historischen Räume und Waggons in einen lebendigen Ort des Dialogs.
Hier, in dieser scheinbaren Oase des Friedens, entfaltet sich ein Gespräch mit der 19-jährigen Gökçe, einer leidenschaftlichen Kunststudentin im ersten Jahr. Während sie auf dem Campus im Schatten altern Bäume an einem kleinen Holztisch sitzt und versucht, flüchtige Momente und Erinnerungen in ihren Zeichnungen einzufangen – wie in einem Film oder Kino, wie sie sagt –, wird schnell die Diskrepanz zwischen der Schönheit des Ortes und den Realitäten ihres Alltags deutlich.
Gökçe studiert Malerei und experimentiert mit Kreide. Obwohl sie den Campus als „perfekten Ort für Freiheit“ beschreibt, ist der akademische Druck hoch. Die Professoren fordern strikte Vorgaben und kritisieren streng – eine harte Schule, die sie jedoch als notwendig erachtet, um zu wachsen: „Wir müssen auch das Negative hören, um besser zu werden.“
Hinter der kreativen Leidenschaft verbirgt sich jedoch eine nüchterne Auseinandersetzung mit der Realität und die Sorge vor der Zukunft. Gökçes ursprünglicher Traum war es, Lehrerin zu werden, um Kindern das freie Denken und Malen beizubringen. Doch die Realität in der heutigen türkischen Gesellschaft dämpft diesen Optimismus: Ohne die richtigen Beziehungen läuft man Gefahr, trotz akademischer Ausbildung arbeitslos zu werden. Zudem schränken starre Lehrpläne die künstlerische Freiheit an Schulen stark ein. Als Alternative hat sie das Tätowieren für sich entdeckt – ein Handwerk, das unter den Studierenden derzeit boomt und eine Möglichkeit bietet, finanziell unabhängig und trotzdem kreativ zu sein.
Das Gespräch berührt auch tiefere gesellschaftliche Wunden. Als junge Künstlerin und als Frau in der Türkei sieht sich Gökçe mit großen Herausforderungen konfrontiert. Das Thema Femizid und die mangelnde Sicherheit für Frauen in Metropolen wie Istanbul belasten sie sichtlich. Edirne und der Campus in Karaağaç erleben sie und ihre Freundin Nehir zwar als sicheren Hafen, doch der Wunsch nach einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel ist groß.
Trotz der Hürden hinterlässt die Begegnung bei Gökçe ein Gefühl von Aufbruch und Hoffnung. Für Gökçe ist es ein besonderer Moment: Sie freut sich sichtlich, dass sie ihr Schulenglisch hier das allererste Mal im echten Leben anwenden kann. Für sie ist dieser Austausch viel mehr als nur ein nettes Gespräch; es ist ein kleines Stück jener Offenheit und Freiheit, die sie sich auch für die Zukunft ihres Landes wünscht. Zwischen den alten Mauern des Bahnhofs von Karaağaç träumt sie von einer Gesellschaft, in der Frauen sicherer und selbstbestimmter leben können. Sie weiß, aber auch, dass der gesellschaftliche Wandel in ihrer Heimat langwierig ist, doch mit ihrer Kunst und ihren klaren Vorstellungen ist sie bereits ein Teil davon.







