Druschba. Auf die Freundschaft zwischen Menschen, Familien, Städten und Nationen. Svilengrad in Bulgarien ist seit über 20 Jahren Partnerstadt von Weferlingen in Sachsen-Anhalt. Ich bekomme zwei Kontakte von Menschen, die ich treffen kann. Ich genieße zunächst bei Valeri in Svilengrad und dann am nächsten Tag bei Valeria und Hristo in Lyubimets unendliche Gastfreundschaft. Mir wird wieder bewusst, was für ein tolles Konzept hinter der Idee der Städtepartnerschaften steckt. Menschen aus verschiedenen Ländern begegnen sich, tauschen sich aus, besuchen sich immer wieder, Freundschaften entstehen und selbst Außenstehende wie ich profitieren davon. „Ihre Freunde sind auch meine Freunde“, schreibt Valeri gleich am Anfang unseres Chats, nachdem ich ihm erklärt habe, dass ich seine Kontaktdaten aus Weferlingen habe.
Ich bekomme in den zwei Tagen so viel zu essen wie sonst vielleicht in vier Tagen. Und der Proviant, den ich mit auf die Reise bekomme, reicht als Tagesverpflegung locker aus.
Mit Valeri sitze ich lange auf der Terrasse seiner „Vila“ – er erklärt mir, dass das Wort Datscha im Bulgarischen nicht so gebräuchlich ist. Vila steht für Sommerhaus, Wochenendhaus oder eben Gartenhaus. Wir essen Salat aus seinem Garten und ich Kirschen ohne Ende. Es regnet, die Tropfen prasseln auf das Dach, ich bin dankbar, dass ich im Trockenen sitze. Valeri beantwortet mit Geduld alle meine Fragen, schweift ab, wir kommen auf alle möglichen Themen. Ein Leben kann ganz schön komplex sein.
Wir sind nicht immer einer Meinung: EU, Euro, Flüchtlinge, Grenzüberwachung, Unterstützung der Ukraine, liberales Europa – oft prallen gegensätzliche Meinungen aufeinander. Aber Druschba steht über allem und Zuhören ist meine Aufgabe. Abends probiere ich die selbst gemachten Weine aus Aroniabeeren und roten Weintrauben. Eigentlich eher von jedem ein Schnapsglas. Aber trotzdem steigt mir der Alkohol sofort zu Kopf. Wir lachen zusammen und stoßen an. Zwischendurch wird es traurig und emotional. Valeris Frau Margarete ist im letzten Jahr gestorben. Ihr Bild steht vor uns auf dem Tisch. Valeri erzählt, und plötzlich kommt eine Erinnerung an die gemeinsamen Jahre und die Tränen. Was gibt es für tröstende Worte, wenn man sich erst ein paar Stunden kennt? Druschba!
Am nächsten Abend sitze ich mit Valeria und Hristo in einem bulgarischen Restaurant. Der Tisch ist reich gedeckt. Ich lerne typisch bulgarische (vegetarische) Gerichte kennen. Wir lachen und stoßen an. Sie erzählen von ihren Deutschlandbesuchen, von den Erlebnissen mit den Gästen aus Deutschland. Und ich realisiere, dass ich viel zu schnell esse. In Bulgarien dauert das Abendessen mehrere Stunden. Ich entschuldige mich und erkläre, dass ich als Radfahrerin oft nichts zu essen bekomme. Und wenn es Essen gibt, fällt mir das Warten schwer. Ich gelobe Besserung und verspreche, mir das nächste Mal Zeit zu lassen.
Und wieder kommt das Gespräch auf politische Themen. Es lässt sich anscheinend nicht vermeiden. Und wieder prallen die unterschiedlichen Meinungen und Perspektiven aufeinander. Dann rutschen wir auf der Bank zusammen, machen Erinnerungsfotos, schicken diese nach Deutschland. Und prompt kommen die „Herzchen“ zurück. Die Freundschaft über Nationen, Sprachen und politische Einstellungen hinweg lebt.
Am nächsten Morgen bekomme ich noch einen Kaffee, Proviant und frisch geerntete Maulbeeren, Kirschen und Erdbeeren. „Wir sehen uns“, heißt es zum Abschied, „in Deutschland oder in Bulgarien.“ Wir wissen nicht, ob es klappt, aber wir hoffen und wollen in Verbindung bleiben. Druschba.
Sowohl über Valeri als auch über Valeria kommt noch ein separater Beitrag.




