Valeriya wirkt wie ein wandelndes Lexikon, ihr Fundus an Wissen scheint unerschöpflich zu sein. Gleichzeitig verweist sie auf das Bild des Wissenskreises: Je mehr der Kreis des Wissens wächst, desto größer wird auch die Grenze zum Unwissen – ganz im Sinne von Sokrates. Ein Leben voller Fragen. Wissbegierig scheint sie schon als Kind gewesen zu sein. Mit Bildung, Büchern, Fremdsprachen, Literatur und Philosophie ist sie aufgewachsen. Solange sie noch nicht schulpflichtig war, unterrichtete ihre Mutter in verschiedenen Schulen in kleinen Grenzdörfern rund um Svilengrad Bulgarisch und Russisch. Valeriya erinnert sich, dass sie mit ihrer Mutter und Oma jeweils für ein Schuljahr in ein Dorf zogen. „Ich genoss als Kind diese Freiheit in den Dörfern“, erinnert sie sich heute. Aber sie erinnert sich an die Regel, die den Kindern immer eingebläut wurde: Auf keinen Fall den Zaun berühren – gemeint ist der Signalzaun zur Grenze nach Griechenland und der Türkei, die schon einige Kilometer vor der eigentlichen Grenze war. „Aber das hatte für mich damals keine Bedeutung.“
Die heute 59-jährige Valeriya lobt die hervorragende Schulbildung während der kommunistischen Zeiten. Sie listet die Sprachen auf, die sie am deutschsprachigen Gymnasium in Haskovo und nachher während des Studiums und der Arbeit gelernt hat: Deutsch, Englisch, Russisch, Griechisch und Französisch. „Ich spreche heute alle Sprachen, außer Französisch, das verstehe ich nur.“ Sie kommentiert: „Das war normal damals. Wer Bildung wollte, konnte diese bekommen, allerdings nur mit viel Fleiß und Arbeit.“
Während ihrer Zeit im Gymnasium ab dem 13. Lebensjahr lebte sie im Internat. „Wir mussten viel lernen und hart arbeiten, dafür hatten wir aber auch alle Möglichkeiten.“ Sie berichtet von wöchentlichen Schulausflügen in ganz Bulgarien, um die Geschichte und die einzelnen Regionen kennenzulernen. Mit zwölf Jahren war sie das erste Mal im Ausland: In einem Ferienlager in Ungarn am Balaton. „Hier kamen Kinder aus vielen sozialistischen Ländern zusammen.“ Es folgten mehrere Reisen nach Deutschland, zum Beispiel nach Leipzig, Dresden, Ostberlin und an die Ostsee.
„Wir lebten zwar hinter dem Eisernen Vorhang, aber Reisen war durchaus möglich.“ Sie erinnert sich an Geschenke, die ihre Mutter ihr von einer Griechenlandreise und ihr Onkel von einer Frankreichreise mitbrachten.
Nach dem Abitur folgten viele Jahre des Lernens, Suchens und intellektuellen Wachsens in unterschiedlichsten Fachgebieten. Sie setzte sich intensiv mit Glaubensfragen auseinander und studierte die Lehren verschiedener Religionen – zum Beispiel in Indien oder der Ureinwohner Südamerikas. „Ich war neugierig und wollte die Welt und das menschliche Dasein verstehen.“ Sie gibt zu, dass sie viele Antworten bekommen hat, aber es immer noch mehr zu lernen und erfahren gibt.
Auf der Suche nach der Weltformel tauchte sie in die Welt der Quantenphysik ein. Offiziell studierte sie den gerade neu etablierten Studiengang „Politikwissenschaften“. Insgesamt gab es nur 14 Plätze. Aufgrund ihrer guten Prüfungsergebnisse wurden sie zugelassenl. Sie geht davon aus, dass auch ihre umfangreichen Sprachkenntnisse positiv bewertet wurden, sollte dieses doch auf den diplomatischen Dienst vorbereiten.
Das universitäre Umfeld in Sofia bot dazu alle Möglichkeiten. „In der Bibliothek standen alle Werke aller großen Denker und Philosophen aus Ost und West. Ich las viele in der Originalsprache.“ Auch das Auseinandersetzen mit Politik und Psychologie beeinflusste ihre Sicht auf die Welt.
Mitten in ihre Studienjahre, genauer gesagt als sie im dritten Semester war, begann das sozialistische System zu bröckeln. “Für mich hatte die Wende allerdings keine so große Bedeutung. Ich hatte vorher schon alle Bücher, die ich lesen wollte und war von Menschen umgeben, die offen und frei gedacht und gelehrt haben.“ Trotzdem erzählt sie, dass sie 1989 als Studentin an Protesten teilgenommen hat. „Nicht für mich, sondern für das Land“, kommentiert sie. Die Erwartungen an die Demokratie und vor allem an die Marktwirtschaft waren groß. „Viele Entwicklungen waren aber nicht gut für Bulgarien gewesen.“
Sie erzählt von einer Einladung zu einem Politologen-Kongress direkt nach der Wende nach München, zu dem Studierende der Politikwissenschaften aus der ganzen Welt kamen. „Und da merkte ich, dass die Studenten aus westlichen Ländern in ihrem Denken viel begrenzter waren als ich aus Bulgarien.“ Der Grund: Sie kannten nur die Literatur der westlichen Philosophen und Denker. „Und ich hatte alles gelesen. Wenn man die Welt nicht komplett betrachtet, kann man keine richtigen Schlussfolgerungen machen“, erklärt sie.
Valeriya schloss ihr Studium ab, wollte aber danach nichts mehr mit Politik zu tun haben. „Politik ist unehrlich. Und das war sie vor der Wende und genauso nach der Wende.“ Mit ihrem Studium erreichte sie auch einen Abschluss als Lehrerin für Philosophie, Ethik und Jura. Aber es reichte ihr nicht, einfach als Lehrerin Wissen zu vermitteln. Sie beschäftigte sich mit den kognitiven Fähigkeiten des Menschen und ging der Frage nach, wie Kinder leichter lernen können – nicht nur Sprachen, sondern alles.
Warum ist Valeriya nicht an einer internationalen Eliteuniversität gelandet? Warum ist sie nicht Professorin in Sofia? „Ich habe einen anderen Weg gewählt“, sagt sie ganz einfach. „Meine Wurzeln, meine Familie und die mir bekannten Menschen sind mir wichtig.“
Valeriya ist heute sehr beschäftigt: Sie pflegt ihre demenzkranke Mutter (die ehemalige Lehrerin für Russisch und Bulgarisch und Journalistin), kümmert sich um ihre Enkel und verdient ihr Geld bei einer griechischen Handelsfirma. „Das ist keine Leidenschaft, sondern ein Job zum Geldverdienen“, gibt sie zu. „Aber es funktioniert ohne großen Stress, von daher ist es okay.“
Als Privatlehrerin unterstützt sie Kinder beim Sprachenlernen. „Kinder müssen die Wörter, die sie lernen, spüren und mit jeder Zelle ihres Körpers fühlen.“ Sie ist in ihrem Element und spricht das deutsche Wort „Krähe“ aus - laut, deutlich, übertrieben betont und mit großer Mimik. „Das Wort beschreibt doch das Verhalten des Vogels.“ Das gleiche gilt für das „Wasser“. Sie spricht es so aus, dass man das Wasser regelrecht hört und bildlich wahrnimmt, wie ein Gebirgsbach ins Tal runterrauscht. „Wenn sie die Methode verstanden haben, können die Kinder auch allein nachhaltiger lernen. Die Methode lässt sich genauso auf Geschichte oder andere Fächer übertragen.“
Ein zentraler, fast mystischer Punkt in Valeriyas Identität ist ihre Verbindung zu den alten Thrakern. „Ich gehe davon aus, dass ich von den Thrakern abstamme, da alle meine Vorfahren aus dem Gebiet der Odrysen , der einflussreichste und mächtigste der thrakischen Stämme, kommen. Ein weiterer Beweis ist für sie, dass sie bis zu ihrem 13. Lebensjahr rote Haare gehabt habe. Die roten Haare der Thraker beruhen auf antiken Quellen alter Griechen, wissenschaftlich nachgewiesen ist es nicht, dass sie vermehrt rote Haare hatten. Aber zumindest war es Anlass für Valeriya, sich intensiv mit der Geschichte der Thraker zu beschäftigen. Allerdings bezweifelt sie die etablierte Archäologie: Das berühmte thrakische Kuppelgrab in Mezek im Dreiländereck Bulgarien-Griechenland-Türkei hält Valeriya nicht für eine Grabstätte. Ihre Theorie stützt sie darauf, dass die Trittsteine im Eingangsbereich sichtbar häufig benutzt wurden, so dass sie ausgetreten sind. „Warum sollte man ein Grab häufig betreten?“ In den offiziellen Beschreibungen über Mezek wird die 1931 entdeckte Stätte als Grab bezeichnet. „Es gibt viele Theorien, was es wirklich gewesen sein könnte und viele Fragen müssen noch geklärt werden“, erklärt Valeriya. Sie weiß von vielen Archäologen, die ebenfalls die „Grabtheorie“ anzweifeln. „Aber es ist einfacher, es bei der Grabtheorie zu belassen, als weiter zu forschen und die Informationstafeln sowie Broschüren zu ändern“, äußert sie nicht ohne Kritik.
Valeriya schwärmt fast durchgehend von ihrem Leben vor der „Wende“. Gefragt, ob sie von der Wende profitiert habe, antwortet sie ohne zu zögern, dass sie ein Auto kaufen und leichter reisen könne, ohne langfristig Visa zu beantragen. Als Nachteile nennt sie genauso schnell: „Die Kriminalität und die Kosten für medizinische Versorgung sind gestiegen und unsere Politiker haben das Land nach der Wende ruiniert.“ Den Ursprungsgedanken der EU findet sie gut, aber die momentane Politik hält sie für grundfalsch. Als ein Beispiel erwähnt sie das viele Geld, das die EU zur Unterstützung der Ukraine mit Waffen gegen den Angriffskrieg Russlands ausgibt. „Und bei uns in Bulgarien gibt es zu wenig Betten für frühgeborene Babys“, polarisiert sie. Sie meint, der Krieg könne und müsse durch Verhandlungen beendet werden. Sie äußert auch Verständnis, warum Russland den Krieg gegen die Ukraine begonnen habe. „Es ist verständlich, dass Russland die NATO nicht direkt an seiner Grenze haben möchte.“ Außerdem erzählt sie von russischen Freunden, die vor dem Krieg unter den Ukrainern gelitten haben. Und dann kommt ihr Humanismus wieder zu Tage: „Die Menschen müssen auf dieser Welt zusammenleben. Und jeder muss seinen Namen, seine Sprache, seine Bräuche, seine Traditionen und Religion behalten können.“
„Die Demokratie ist nicht das Beste, aber wir haben nichts Besseres“, zitiert sie Winston Churchill frei. Und dann listet sie ihre deutschsprachigen Lieblingsphilosophen und -schriftsteller auf: Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Hannah Ahrendt, Carl Jung, Erich Maria Remarque, Hermann Hesse und Johann Wolfgang von Goethe. „Seine Poesie ist mir sehr nahe. Mein Herz beginnt zu klopfen, wenn ich an seine Worte denke. Das kann man nur spüren, wenn man es auf Deutsch liest.“




