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Vom Rampenlicht in die Realität

Mariya Koleva ist eine 40-jährige Musikerin und Sängerin. Ihre Geschichte ist geprägt von einem bewegten, aber leidenschaftlichen Weg, der sie von Bulgarien in die USA und wieder zurückführte. Heute blickt sie mit einer Mischung aus tiefer Heimatliebe, bitterem Realismus und dem unerschütterlichen Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung auf ihr Land.

 

Mariya wuchs in einfachen Verhältnissen bei ihrer alleinerziehenden Mutter und ihren Großeltern auf. Die Musik liegt ihr im Blut: Ihr Vater ist Schlagzeuger, ihre Mutter Sängerin, und ihre Großeltern spielten traditionelle bulgarische Volksmusik. Dass sie als Kind Musikunterricht bekommen konnte, grenzt für sie an ein Wunder: „Meine Mutter war alleinerziehend. Wir hatten ein hartes Leben, aber das Schicksal hat eine eigene Art zu zeigen, dass nichts unmöglich ist.“

 

Ihr Talent öffnete ihr früh die Türen: Nachdem sie mit 23 Jahren die bulgarische Version von American Idol gewann, erhielt sie ein Musikstipendium. Ein glücklicher Zufall brachte sie dabei mit dem Bürgermeister der US-Partnerstadt Elkhart zusammen, für den sie als Dolmetscherin tätig war. So ergriff sie die Chance und ging zum Studium in die USA – eine Erfahrung, die ihre Denkweise nachhaltig prägte und ihr zeigte, was es bedeutet, in einem unterstützenden Umfeld zu leben.

 

Die Herausforderungen in Bulgarien: Korruption und Mentalität

 

Nach ihrer Rückkehr nach Bulgarien – die unfreiwillig durch eine Verschärfung der US-Einwanderungsgesetze während einer Präsidentschaftswahl besiegelt wurde – holte sie die Realität des bulgarischen Musikmarktes ein. Weil es in der Heimat extrem schwer ist, allein von der Musik zu leben, arbeitet Mariya heute auch als Journalistin und als Tontechnikerin. Zusammen mit ihrem besten Freund betreut sie den Sound bei verschiedenen Veranstaltungen und baut sich so ein zweites Standbein auf, da ein reines Überleben als Profimusikerin ohne die richtigen Kontakte fast unmöglich ist: „Hier bauen bestimmte Leute ihre Karriere darauf auf, wessen Tochter man ist oder welche Verwandten und Freunde man hat. Wenn du in der Musikindustrie hier niemanden kennst, gibt es keine Chance, dass du es schaffst. Du kannst so gut sein, wie du willst, besser als der beste und berühmteste Sänger in Bulgarien – und du wirst es trotzdem nicht schaffen.“

 

Das Problem liegt für Mariya tief in einer von der kommunistischen Vergangenheit geprägten Mentalität und einem Mangel an gegenseitiger Unterstützung: „Obwohl wir offiziell auf dem Papier ein demokratisches Land sind, sind noch immer viele Züge des Kommunismus im Denken der Menschen verankert.“  Viele Menschen in Bulgarien denken ihrer Meinung nach sehr negativ. Als Grund dafür nennt sie ein mangelndes Selbstvertrauen.

 

Visionen und die Rolle der Kunst

 

Mariya glaubt zwar nicht, dass sie als Künstlerin die tief verwurzelte Mentalität der Gesellschaft allein verändern kann, aber sie sieht es als ihre Pflicht, ihr Publikum zu formen: „Mein Ziel als Künstlerin ist es, mein Publikum auf meine eigene Weise zu erziehen. Das ist wie die eigenen Kinder großzuziehen. Wenn ich für Menschen singe, gebe ich entweder 100 Prozent oder ich tauche gar nicht erst auf. Man kann Dinge nicht halbherzig tun.“ Ihre persönliche Lebensphilosophie lautet dabei, sich nicht von den Umständen beherrschen zu lassen. Stattdessen versucht sie, die Umstände aktiv zu beeinflussen.

 

Blick auf Geschichte und Geopolitik

 

Aufgewachsen nahe der griechischen Grenze – dem ehemaligen Eisernen Vorhang – reflektiert Mariya auch über die schmerzhafte Geschichte der Region, wie die Vertreibung und Zwangsumbenennung der türkischen Minderheit im Jahr 1989. Nach ihrer Rückkehr aus den USA half sie dabei, die bürokratischen Folgen dieser Zeit aufzuarbeiten.

 

Sie war dafür zuständig, Rentendokumente für Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft (türkisch und bulgarisch) auszustellen. Das Problem dabei war das historische Chaos in den Archiven, das durch die damaligen Zwangsumbenennungen entstanden war: „In den alten Akten stößt man auf völlig unterschiedliche Namen, ohne dass auf den ersten Blick ersichtlich ist, wer wer ist. Für die Betroffenen bedeutete das einen enormen bürokratischen Aufwand. Sie mussten den legalen Weg über Anwälte oder spezialisierte Firmen gehen, um die Dokumente offiziell beglaubigen zu lassen. Nur so konnte juristisch bestätigt werden, dass der ursprüngliche Name A und der aufgezwungene Name B tatsächlich zu ein und derselben Person gehören.“

 

Angesichts dieser bürokratischen Spuren der Vergangenheit und beim Blick auf das Denkmal für die Opfer in Ilieva niva wird Mariya emotional. Als Mutter berührt sie das Schicksal von Kindern sowohl in historischen als auch in aktuellen Weltkonflikten – wie heute in der Ukraine – besonders tief. Sie verurteilt die Grausamkeit von Machthabern scharf: „Sie bekämpfen sich ja nicht gegenseitig, sondern führen Krieg gegen die normalen Bürger – und das ist einfach ungerecht. Wenn die Mächtigen unbedingt Krieg führen wollen, sollen sie sich meinetwegen selbst umbringen und mit ihren großen Panzern aufeinander losgehen. Aber sie dürfen nicht die unschuldigen Menschen töten, die in Flip-Flops und T-Shirts einfach nur ihr Leben leben und versuchen, mit dem Mindestlohn über die Runden zu kommen. Was haben sie ihnen denn getan? Nichts. Für mich ist das die typische Art eines Diktators: rücksichtslos das Leben einfacher Menschen zu ruinieren, ohne jeden Grund.“

 

Träume für die Zukunft

 

Mariya hat oft darüber nachgedacht, ihr Heimatland für eine Karriere im Ausland zu verlassen. Aber trotz aller Hürden schlägt ihr Herz tief für ihre Heimat. Deshalb legt sie auch großen Wert darauf, dass ihr Sohn zuerst eine bulgarische Schulbildung erhält. Wenn er in einigen Jahren entscheidet, im Ausland zu studieren, dann ist das vielleicht auch für sie der Zeitpunkt zu schauen, wo sich eine neue Tür zur Welt öffnen könnte.

 

Sichtlich bewegt und mit Tränen in den Augen sagt sie: „Ich liebe mein Land. Ich wünschte mir einfach, dass die Menschen ein bisschen mehr Demut hätten. Es fehlt massiv an Demut und Mitgefühl. Viel mehr Positivität, viel mehr Respekt, viel mehr Liebe und Fürsorge – im Gesundheitssystem, im Schulsystem, in der Regierung., das brauchen wir.“

 

Für die politische Zukunft wünscht sie sich vor allem Einheit statt Spaltung in der Gesellschaft. Dazu könnten auch Politikerinnen und Politiker einen entscheidenden Beitrag leisten. Angesichts der Präsidentin, die in Kürze erwartet wird, sagt sie: „Ob es eine Frau oder ein Mann ist, macht wirklich keinen Unterschied, solange die Person, die in diese verantwortungsvolle Position gebracht wird, als Mensch agiert.“

 

 

Ilieva niva: Gedenken an das Schicksal der thrakischen Kinder

 

Die Gedenkstätte Ilieva niva (bulgarisch: Илиева нива) in den östlichen Rhodopen, nahe der Stadt Ivaylovgrad, ist ein tief im kollektiven Gedächtnis Bulgariens verankerter Ort der Trauer. Sie steht symbolisch für die Tragödie der thrakischen Bulgaren im Zuge der Balkankriege von 1913. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches wurden Zehntausende bulgarische Flüchtlinge auf dem Rückweg in ihre Heimat von osmanischen Truppen verfolgt. An diesem Ort, einer ehemaligen Wiese (bulg. niva), wurden Hunderte schutzlose Kinder, Frauen und Alte brutal ermordet. Um an das Leid der Vertriebenen und die Opfer dieser ethnischen Säuberungen zu erinnern, gilt Ilieva niva heute als nationales Mahnmal.

 

Es ist Samstag, und ich komme eher zufällig mit meinem Fahrrad an diesem geschichtsträchtigen Ort vorbei, an dem gerade die alljährliche Zeremonie vorbereitet wird. Da ich einige Zeit vor dem offiziellen Beginn eintreffe, kann ich das geschäftige Treiben in Ruhe beobachten: Es wird geharkt und gefegt, Stühle werden geschleppt, Luftballons in bulgarischen Farben aufgeblasen und die Tontechnik wird verkabelt. Allmählich füllt sich die sonst so einsame Landstraße. Autos und Busse treffen ein, Menschen aus der Umgebung, Familien mit Kindern und thrakische Kulturvereine kommen zusammen. Schließlich fährt die Polizei vor, gefolgt von einer Kolonne schwarzer Limousinen. Aus einer steigt die bulgarische Präsidentin Ilijana Jotowa aus.

 

Es ist der 113. Jahrestag des historischen Massakers und gleichzeitig das 30-jährige Bestehen der Gedenkstätte. In ihrer feierlichen Ansprache erinnert die Präsidentin an die mehr als 200 Säuglinge und Kleinkinder, die damals am Ufer des Flusses Arda ihr Leben verloren. Eindringlich betont sie, wie elementar wichtig es sei, die Erinnerung an diese Tragödie lebendig zu halten und die Pflicht des Gedenkens an die kommenden Generationen weiterzugeben.

 

 

Während ich auf den Beginn der Zeremonie warte, komme ich am Rande des Geschehens mit Mariya Koleva ins Gespräch, die an diesem Tag hinter den Reglern sitzt und sich um den Sound und die Tontechnik der Gedenkfeier kümmert.

 

 

Die bulgarische Präsidentin Ilijana Jotowa bei der Gedenkfeier "Ilieva niva" in der Nähe von Ivaylovgrad.