Wer Valeri aus Svilengrad zuhört, merkt schnell: Hier spricht ein Mann, dessen Biografie tief mit den Umbrüchen Osteuropas im 20. und 21. Jahrhundert verwoben ist. Geboren im Jahr 1962 etwa 100 Kilometer nördlich von Svilengrad, blickt der heute 63-Jährige auf ein bewegtes Leben zurück.
Trotz aller Krisen und des historischen Wandels ist Valeri seiner Heimat tief verbunden. „Ich hatte immer ein gutes Leben in Bulgarien“, sagt er mit einem zufriedenen Lächeln. Er sitzt dabei auf der Terrasse seines Gartenhauses, mitten in einem weitläufigen Grundstück. Es ist ein idyllischer Ort, zur Hälfte ein Park mit großen Bäumen und saftigem Rasen, zur anderen Hälfte ein lebendiger Nutzgarten voller Gemüse, Beeren, Obstbäumen, Weinreben und einem eigenen Gewächshaus. „Vila“ nennt Valeri dieses Refugium – ein Ort, der ihm zwar viel Arbeit abverlangt, ihm aber vor allem tiefe Freude bereitet.
Valeri ist Tierarzt. Er betreibt eine eigene Praxis für Kleintiere in Svilengrad, einer Stadt in strategischer und historisch geprägter Lage – nur 17 Kilometer von der türkischen und drei Kilometer von der griechischen Grenze entfernt.
In der Region ist Valeri bekannt. Wer mit ihm durch die Straßen zieht, merkt schnell, wie tief er in der Gemeinschaft verwurzelt ist. Immer wieder rufen Passanten: „Doktore!“ Er wird überall herzlich begrüßt, schüttelt Hände und nimmt sich stets Zeit für eine kurze Unterhaltung. „Ein Kunde von mir“, erklärt er danach.
Doch der Alltag als Tierarzt im ländlichen Bulgarien bringt auch wirtschaftliche Herausforderungen mit sich. Deshalb betreibt Valeri neben seiner Praxis bereits seit den 1990er Jahren auch ein Tierbedarfsgeschäft (Pet Shop). Mit gewohntem Pragmatismus stellt er klar: „Von meinem Verdienst als Tierarzt allein könnte ich nicht leben. Die Menschen sind nicht bereit, so viel Geld für einen Tierarzt zu bezahlen wie in Deutschland.“
Als Student der Tiermedizin in die DDR
Die Liebe zu den Tieren und der Tiermedizin wurde Valeri quasi in die Wiege gelegt, denn schon sein Vater war Tierarzt. Die Faszination für diesen Beruf begann für Valeri bereits im Kindesalter: Er begleitete seinen Vater von klein auf und war schon als Junge mit ihm in den Viehställen der Region unterwegs.
Gleichzeitig ist die Familiengeschichte eng mit der Grenzregion verwoben – schon sein Großvater stammte aus einem Dorf in der Nähe von Svilengrad. Seine eigenen Kindheitserinnerungen an die Grenze sind lebendig, auch wenn er als kleiner Junge die Tragweite der politischen Situation noch nicht verstand: „Zum ersten Mal war ich als Kind mit fünf oder sechs Jahren in Svilengrad. Aber von der Grenze wusste ich damals nichts.“
Valeri erzählt von seiner Studienzeit (Tiermedizin) ab 1980 in Stara Zagora. Das erste Mal in Deutschland war er 1985 im Rahmen einer Studentenbrigade in Leipzig. „Die Arbeit war nur symbolisch. Die Idee war, dass Studierende aus verschiedenen sozialistischen Ländern Kontakte knüpfen.“ Valeri hatte neben Russisch in der Schule auch Deutsch gelernt, die Verständigung war für ihn also kein Problem.
Für ihn war es eine unbeschwerte und glückliche Zeit: „Wir waren jung, die Leute waren lustig und wir hatten eine gute Zeit miteinander. Am wichtigsten war für mich das Zusammensein mit den anderen Leuten aus verschiedenen Ländern.“ Er erinnert sich an lange Nächte und die Geselligkeit. Die DDR nahm er damals als wesentlich besser organisiert wahr als sein Heimatland. „In Bulgarien sagt man immer, dass die Deutschen langweilig seien und das Leben nicht genießen können. In Bulgarien feiern wir bis tief in die Nacht und gehen trotzdem am Morgen zur Arbeit. Von den Deutschen hört man immer die Ausrede, dass sie morgen arbeiten müssten.“ Er erzählt von seinen verschiedenen Reisen nach Deutschland, vor allem nach Weferlingen – die Partnerstadt von Svilengrad. „Dort habe ich so viele offene, fröhliche und freundliche Deutsche kennengelernt.“
Die Leidenschaft für Esperanto
Reisen ins Ausland waren für Valeri auch vor der politischen Wende kein Problem. Er schwärmt sogar von einer Reise 1983 nach Kopenhagen zu einem internationalen Esperanto-Kongress. Als Student entdeckte Valeri seine Leidenschaft für Esperanto, die ihn mit Menschen aus aller Welt verband. Für ihn war es ein Fenster zur Welt, das trotz des Eisernen Vorhangs einen internationalen Austausch ermöglichte.
Stolz erzählt er, dass es auch im kommunistischen Bulgarien einen internationalen Esperanto-Kongress gab. „Beim internationalen Kongress in Kopenhagen kamen Menschen aus so vielen Ländern zusammen und alle konnten sich verständigen“, schwärmt Valeri, der damals Bulgarien vertreten durfte. Darauf ist er heute noch stolz. Er bedauert, dass sich Esperanto nicht als gemeinsame Weltsprache durchgesetzt hat.
Der kritische Blick auf die Wende
So positiv Valeri die Gemeinschaft im Sozialismus erlebte, so kritisch sieht er die politischen Strukturen und den Übergang zur Demokratie. Sein eigener Vater war 52 Jahre lang Mitglied der Kommunistischen Partei, doch das Verhältnis zur Macht war kompliziert: „Mein Vater war Mitglied der Kommunistischen Partei, aber er hatte viele Sorgen mit der Partei, weil er seine eigene Meinung vertrat.“
Wenn Valeri heute auf die Geschichte blickt, reflektiert er auch darüber, wie unterschiedlich historische Ereignisse interpretiert werden können. „Geschichte kann politisch unterschiedlich gedeutet werden“, gibt er zu bedenken – je nachdem, wer sie aus welcher Perspektive erzählt. Als Beispiel nennt er das damalige, extrem enge Verhältnis zur Sowjetunion. Heute blickt er voller Realismus darauf zurück, dass Bulgarien zu Zeiten des Staatschefs Todor Schiwkow im Grunde wie die „16. Republik der UdSSR“ agierte. Und doch, so betont er, habe er damals alle Menschen als friedlich empfunden, auch die Russen, obwohl er selbst nie in Russland war.
Als die Proteste im Jahr 1988 und das historische Wendejahr 1989 das Land erschütterten, war Valeri mitten im Geschehen. Doch die Hoffnung auf einen echten Wandel wurde für ihn im Nachhinein bitter enttäuscht. Er zieht eine scharfe Trennlinie zwischen den ehrlichen Menschen auf der Straße und denjenigen, die am Ende profitierten. „Die Menschen auf der Straße und auch ich wollten eine Veränderung. 45 Jahre sind genug“, zitiert er den berühmten Slogan der damaligen landesweiten Proteste. „Aber die Leute, die diese Proteste angeführt haben, waren keine guten Leute.“ Valeri wird hierbei sehr deutlich: „Es waren teilweise Parteimitglieder, die die Proteste organisierten. Es war klar, dass die kommunistische Partei in Zukunft keine Macht mehr haben würde, deshalb mussten sie den Wandel organisieren. Aber diesen Anführern ging es darum, ihre eigenen Privilegien und ihren Wohlstand zu sichern. Und viele haben es geschafft, ihre eigene Haut zu retten. Viele sind heute reiche Businessmänner“, bringt es Valeri auf den Punkt und bemüht ein bulgarisches Sprichwort: „Der Wolf ändert sein Fell, aber nicht sein Wesen.“
Von Kapitan Andreewo bis zum Schicksal der Flüchtlinge
Das Thema Grenze begleitet Valeri nicht nur privat, sondern prägte auch seine berufliche Laufbahn maßgeblich: Viele Jahre lang arbeitete er als Tierarzt direkt am bedeutenden Grenzübergang Kapitan Andreewo – dem Nadelöhr zwischen Bulgarien und der Türkei. Durch diese Arbeit und seine heutige Praxis im Dreiländereck ist die Grenze für ihn bis heute Alltag.
Eine Staatsgrenze ist für ihn ein unumstößliches Prinzip: „Eine Staatsgrenze ist wichtig. Grenze ist Grenze – egal ob Zäune oder nicht. Sie darf nicht überschritten werden. Und um das zu kontrollieren, gibt es den bulgarischen Grenzschutz. Wir Einheimischen leben damit. Es ist normal für uns.“
Gleichzeitig erinnert er sich an die tragischen Fluchtversuche zu Zeiten des Kalten Krieges, als Menschen aus anderen sozialistischen Ländern versuchten, über die bulgarische Grenze in den Westen zu gelangen: „Viele Leute sind gestorben – nicht nur Bulgaren, sondern auch Deutsche und aus anderen sozialistischen Ländern.“ Zur heutigen Situation sagt er: „Die Flüchtlinge werden aufgehalten und kommen in spezielle Lager in der Region. Dann wird entschieden, ob sie nach Westeuropa, wo die meisten hinwollen, weiter können oder nicht.“
Auch zu aktuellen weltpolitischen Ereignissen, wie dem Krieg in der Ukraine, hat Valeri eine klare Meinung. Er distanziert sich von Waffenlieferungen und plädiert für Diplomatie. Er sieht im Krieg vor allem wirtschaftliche Interessen: „Mit Waffen wird viel Geld verdient, deshalb haben viele gar kein Interesse, dass der Krieg aufhört.“
Sorgen um den Euro und den Wandel der Heimat
Wenn Valeri auf das heutige Bulgarien blickt, mischt sich Skepsis in seine Worte. Besonders die geplante Einführung des Euro bereitet ihm Sorgen. Er befürchtet, dass mit der Euro-Einführung in Bulgarien Anfang des Jahres zum festen Kurs von etwa 2 Lev pro Euro umgerechnet wird, dass viele Preise in der Praxis aber nach oben gerundet werden und dadurch insbesondere kleine Ersparnisse real an Kaufkraft verlieren könnten.
Auch das soziale Gefüge im Land betrachtet er mit Sorge und sieht eine Ungleichbehandlung, insbesondere mit Blick auf die Unterstützung von Geflüchteten im Vergleich zur oft armen einheimischen Bevölkerung: „Leute in Bulgarien sprechen nicht gut über Flüchtlinge aus der Ukraine. Sie sind der Meinung, dass sie zu viel Geld bekommen, während manche Menschen in Bulgarien immer ärmer werden.“ Für ihn steht fest: „Flüchtlinge sind Leute in Not, aber das sind keine Flüchtlinge.“
Zudem blickt er mit einem Kopfschütteln auf die jüngste Entwicklung seiner Heimatstadt Svilengrad, die sich aufgrund der Gesetzeslage im Nachbarland Türkei zu einer Hochburg des Glücksspiels entwickelt hat: „Es gibt so viele Casinos in Svilengrad, weil Glücksspiel in der Türkei verboten ist.“ Auch erzählt er von Investoren aus der Türkei, die massiv in Svilengrad investieren. Ob diese Entwicklung langfristig positiv für die Stadt ist, bezweifelt er stark.
Mit sichtbarem Stolz zeigt er dagegen die wahren Schätze seiner Heimat: die berühmte, historische Mustafa-Pascha-Brücke, die aus osmanischer Zeit stammt und majestätisch den Fluss Mariza überspannt – ein Symbol für die Beständigkeit inmitten des ständigen Wandels der Geschichte.





