In der Abgeschiedenheit von Zlatograd überdauerte eine jahrhundertealte Kaffeekultur Weltkriege, Diktaturen und geschlossene Grenzen. Ein Spaziergang durch die Altstadt von Zlatograd im tiefen Süden Bulgariens, wo Orient und Okzident friedlich in einer Tasse verschmelzen.
Wer die engen, kopfsteingepflasterten Gassen des historischen Viertels von Zlatograd betritt, merkt schnell, dass die Zeit hier einem anderen Rhythmus folgt. Zwischen den liebevoll renovierten weißen Häusern mit ihren markanten Erkern liegt ein schwerer, süßlicher Duft in der Luft – das Aroma frisch gerösteter Bohnen. Hier nahe der griechischen Grenze zelebriert Vaklin Baschev jeden Tag ein altes Handwerk: das Drehen des traditionellen Zlatograd-Kaffees (златоградско кафе).
Vaklin arbeitet in einem detailgetreu rekonstruierten Café im Herzen der Altstadt. Vor ihm steht ein großes Gefäß mit heißem Sand, der früher durch offenes Feuer, heute elektrisch erhitzt wird. Mit ruhiger Hand führt er das kupferne Cezve (Kaffeekännchen) durch die glühenden Körner. Binnen Sekunden steigt der braune Schaum an den Rändern empor. Es ist ein faszinierendes Schauspiel, das eine exakte Balance erfordert.
Ein siebzig Jahre altes Geheimnis
Das eigentliche Spektakel beginnt jedoch erst, wenn das Heißgetränk serviert wird. Vaklin stellt den gefüllten Kaffeebecher auf ein historisches, rundes Metalltablett, das an Ketten aufgehängt ist, und wirbelt es mit einer schwungvollen Bewegung kreisrund durch die Luft. „Fliehkraft schlägt Schwerkraft – kein einziger Tropfen geht verloren“, erklärt Vaklin.
„Das ist das originale Tablett des alten Meisters von vor fast 70 Jahren“, erzählt Vaklin stolz. „Beim Drehen bleibt der Kaffee im Schaum, und der Kaffeesatz setzt sich unten ab. Ohne zu verschütten. Das ist eine ganz alte Tradition aus Zlatograd.“
Der Geschmack ist intensiv, cremig und besitzt eine feine, unaufdringliche Würze. Welche Bohnen er für diese Kaffeespezialität verwendet, verrät Vaklin nicht. „Es ist eine Komposition aus mehreren Sorten, deren genaue Rezeptur gehütet wird wie ein Staatsschatz“, schmunzelt er geheimnisvoll. „Das ist ein altes Geheimnis aus Zlatograd, vom alten Meister.“
Das Erbe des Osmanischen Reiches
Die Kaffeetradition der Region ist eng mit der turbulenten Geschichte des Balkans verwoben. Fünf Jahrhunderte lang stand Bulgarien unter osmanischer Herrschaft – oder wie Vaklin es nennt: „unter osmanischem Joch.“ In den Bergen der Rhodopen hinterließ diese Zeit eine tief verwurzelte Kaffeekultur.
In seinem Café wird der Kaffee nach türkischer Art zubereitet. „Der rohe Kaffee wird befeuchtet, im Ofen geröstet, in der Mühle gemahlen und dann zubereitet“, erklärt er leidenschaftlich und wild gestikulierend. Auch während der kommunistischen Zeit wurde die Tradition laut Vaklin nahtlos fortgesetzt – obwohl das Leben im Ort damals ein völlig anderes war.
Unten Schauwerkstätten, oben wohnen
Dass dieses historische Stadtbild heute überhaupt noch bewundert werden kann, ist einer weitsichtigen Rettungsaktion zu verdanken. Nach dem Ende des Sozialismus waren viele der jahrhundertealten Gebäude dem Verfall preisgegeben. Bereits in den 1990er-Jahren begann auf Initiative einer Privatperson und mit dem Einsatz von privatem Kapital die aufwändige Restaurierung der historischen Altstadt.
Es entstand der erste private ethnografische Arealkomplex Bulgariens. Während in den Erdgeschossen lebendige Werkstätten für traditionelle Gewerke wie Weberei, Töpferei oder eben Vaklins Café eingerichtet wurden, nutzen einheimische Familien bis heute die oberen Etagen der denkmalgeschützten Häuser.
Vom Sperrgebiet zum Kulturzentrum
„An Tourismus war vor 1989 nicht zu denken“, erinnert sich Vaklin an die Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang. „Wir waren eine abgeriegelte Grenzzone, umzäunt und streng überwacht. Wer uns besuchen wollte, musste zur Polizei gehen, einen Passierschein beantragen und genau erklären, wie lange er warum bleibt. Es war absurd, damals an Touristen zu denken, die zum Kaffeetrinken kommen. Damals wurde nur gearbeitet. Wir hatten Bergwerke. Es wurde Blei, Zink und Erz abgebaut. Und wir hatten eine Textilfabrik.“
Der touristische Wendepunkt kam vor rund 25 Jahren mit der Eröffnung des lebendigen „Freilichtmuseums“. Mit viel Herzblut siedelten sich die Handwerksbetriebe an – und mittendrin das Café, das heute Menschen aus der ganzen Welt anlockt. „Sie kommen absolut genau wegen dieses berühmten Zlatograd-Kaffees“, erzählt Vaklin stolz.
Ein Lehrstück in Sachen Toleranz
Doch Zlatograd ist nicht nur eine Touristenattraktion; die Kleinstadt ist auch ein gesellschaftliches Vorbild. „In einer Region, die historisch oft von ethnischen und religiösen Spannungen zerrissen wurde, leben hier bulgarische Christen und bulgarische Muslime, die oft als Pomaken bezeichnet werden, in bemerkenswerter Harmonie zusammen“, schwärmt Vaklin. „Die schmerzhaften Wunden der Vergangenheit, also der brutale Assimilierungsprozess der späten 1980er Jahre unter dem kommunistischen Regime, bei dem Muslime in den Nachbarregionen wie Kardschali gewaltsam ihre Namen ändern mussten oder zur Flucht in die Türkei gedrängt wurden, sind in Zlatograd kein Streitthema mehr. Seit dem Einzug der Demokratie im Jahr 1989 ist dieses dunkle Kapitel abgeschlossen.“
„Die christlichen Bulgaren überwiegen, aber wir haben auch bulgarische Muslime“, betont Vaklin. „Wir haben sehr gute Beziehungen. Wir verstehen uns großartig, Christen und Muslime. Jeder ist völlig frei, seine Religion zu wählen, sie auszuüben und zu ehren. Es spielt absolut keine Rolle, es ist gar kein Gesprächsthema. Ich kann überhaupt keinen Unterschied machen. Sollen die wichtigen Leute aus der Welt ruhig zu uns kommen und sehen, wie das Zusammenleben hier funktioniert.“
Für die Zukunft seiner Heimat hat der Kaffeemeister bescheidene, aber klare Wünsche. Er hofft, dass der Tourismus floriert und die Menschen gesund bleiben. Durch die europäische Öffnung der Grenze ist auch das nahe Griechenland endlich erreichbar geworden. „Wir fahren heute keine zwei Stunden an den Strand nach Griechenland“, erzählt er begeistert. Es ist die Transformation von einer hermetisch abgeriegelten Stadt zu einem offenen, gastfreundlichen Ort der Kultur im Herzen der Rhodopen – perfekt symbolisiert durch eine Tasse heißen, im Sand gedrehten Kaffee.





