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Ein Denkmal gegen das Vergessen

 

Wer heute von Bulgarien nach Griechenland reist, überquert meist eine unscheinbare Linie auf der Landkarte. Seit Bulgariens vollständigem Beitritt zum Schengen-Raum Anfang 2025 ist die Reisefreiheit zur Selbstverständlichkeit geworden. Doch für Jahrzehnte war diese Region am Rande des Rhodopen-Gebirges kein europäischer Sehnsuchtsort, sondern eine hermetisch abriegelte Todeszone.

 

Ein neues Kunstprojekt und die Erinnerungen der lokalen Bevölkerung versuchen nun, das jahrzehntelange Schweigen über die Opfer des Eisernen Vorhangs zu brechen. Das Herzstück der Aufarbeitung bildet die Skulptur „The Travelling Monument“ in der Grenzzone. Sie ist durch die enge Zusammenarbeit des Künstlerduos Boris Misirkov und Georgi Bogdanov mit dem Architekten Petar Tornyov entstanden und soll noch in diesem Jahr errichtet werden.

 

Als die beiden Künstler vor einigen Jahren im Ort arbeiteten, um Fotos und Videos für eine Ausstellung über die ehemalige Außengrenze des Warschauer Paktes zu machen, stießen sie auf den engagierten Bürgermeister von Chepintsi: Riza Brahimbashev. Der 40-Jährige war sofort von der Idee begeistert und unterstützt das Projekt seither mit vollem Einsatz. „Sie soll diejenigen, die über den Ägäis-Pass reisen, daran erinnern, dass diese natürliche Verbindung über Jahrzehnte unterbrochen war“, erklären die Künstler schriftlich.

 

Das visuelle Konzept bricht radikal mit klassischen, heroischen Denkmälern des Sozialismus und setzt stattdessen auf eine tiefgründige, architektonische Symbolik. Die Struktur wird als rohe Betonkonstruktion errichtet. Die Wahl von kaltem, ungeschöntem Sichtbeton stellt einen direkten Bezug zu den Grenzbefestigungen und Kontrollpunkten der damaligen Zeit her. Der Entwurf deutet eine historische Steinbrücke an, wie sie typisch für das Rhodopen-Gebirge ist – ein jahrhundertealtes Symbol der Verbindung.

 

Während die Struktur auf der bulgarischen Seite fest im Boden verankert ist, steigt der Bogen empor, bricht dann jedoch in einzelne, isolierte Segmente auf. Diese Betonelemente hängen scheinbar frei im Raum und erreichen das gegenüberliegende Ufer niemals. Diese Flugbahn, die sich in der Luft verliert, erinnert an die tragisch gescheiterten Versuche, auf dem Weg in die Freiheit die Grenze zu überwinden.

 

Der Ort für die Errichtung der Skulptur liegt direkt an der Nationalstraße, in unmittelbarer Nähe zum Grenzübergang zwischen Rudozem und Xanthi. „Für die heutigen Reisenden, die die Grenze mühelos passieren, soll „The Travelling Monument“ an die Schicksale der Menschen erinnern, die hier ihr Leben ließen. Gleichzeitig soll es eine Mahnung sein, dass Reisefreiheit und offene Grenzen nicht selbstverständlich sind“, so der Bürgermeister.

 

Das eiserne Schweigen und der tödliche Mythos

 

Wie viele Menschen an den bulgarischen Außengrenzen bei dem Versuch, in die Freiheit zu fliehen, ihr Leben ließen, ist bis heute unbekannt. Die Schätzungen bewegen sich zwischen 375 und fast zweitausend Toten. „Niemand weiß es. Damals gab es eine Informationssperre. Und noch immer gibt es keine Informationen“, betont Bürgermeister Riza.

 

Dass es jemals eine lückenlose Aufarbeitung durch offizielle Dokumente geben wird, bezweifeln die Einheimischen. Ein Großteil der tödlichen Vorfälle in den dichten Wäldern wurde vom damaligen Geheimdienst schlichtweg nicht dokumentiert. „Wenn sie jemand im Grenzbereich entdeckt haben, haben sie geschossen“, beschreibt Riza die damalige Brutalität. Ein ehemaliger Grenzbeamter, der sich entschlossen hat, sein Schweigen zu brechen, sprach gegenüber den Dorfbewohnern von etwa 300 Toten allein in der unmittelbaren Grenzregion rund um Chepintsi.

 

Der 30-jährige Rahim, der als Übersetzer arbeitet, geht davon aus, dass damals fast alle Menschen im Dorf auf die eine oder andere Weise in das repressive Grenzsicherungssystem eingebunden waren. Rahim engagiert sich heute ehrenamtlich für eine Organisation, die jungen Menschen über verschiedene EU-Programm Auslandaufenthalte ermöglicht. „Auch junge Menschen aus Chepintsi sollen die Welt kennenlernen“, beschreibt Rahmi seine Motivation.

 

Besonders für Bürger aus der DDR war der Glaube fatal, dass die grüne Grenze im Süden Bulgariens leichter zu überwinden sei als die innerdeutsche Grenze. Die bulgarischen Behörden hatten die Grenzen zu Griechenland und der Türkei mit kilometerweiten Sperrzonen, Signalzäunen und Minenfeldern gesichert. Fast die Hälfte aller registrierten Grenzdurchbrüche in den Spätjahren des Regimes entfiel auf Deutsche zitieren sie die aktuelle Forschung. Eines der letzten dokumentierten Todesopfer war der 26-jährige Ostdeutsche Frank Schachtneider, der noch im September 1988 nahe Burgas erschossen wurde, so Rahim.

 

Dorf mit Zukunft?

 

Die junge Generation im Dorf weigert sich jedoch, in der Isolation der Vergangenheit zu verharren. Der im Jahr 2023 gewählte Bürgermeister Riza verdankt sein Amt vor allem der Tatsache, dass es ihm gelang, die lokale Jugend erfolgreich zu mobilisieren. „Normalerweise interessieren sich junge Menschen wenig für Politik. Das wollte ich ändern“, so Riza. „Ich wollte frischen Wind in die Kommunalpolitik bringen. Ich möchte das Dorf und die Region voranbringen, damit es sich auch für die Jugend lohnt, zu bleiben.“ Dabei ist es ihm wichtig, die Menschen einzubeziehen. Stolz zeigt er auf den ansprechend gestalteten Platz in der Mitte des Dorfes: „Das haben wir gemeinsam geschaffen.“ Sein erklärtes Ziel ist es, Chepintsi technologisch und strukturell ins 21. Jahrhundert zu führen.

 

Die Transformation der Grenzzone

 

Die Straße von Rudozem über Chepintsi nach Xanthi schlängelt sich stetig den Ägäis-Pass bergauf. Kurz vor dem höchsten Punkt stehen moderne Grenzgebäude. „Das sind die Grenzanlagen, die man ab 2020 errichtete, als Bulgarien noch kein Schengen-Mitglied war“, erklärt Rahim. Wegen der Verzögerungen beim Straßenbau auf griechischer Seite zog sich das Projekt so lange hin, dass der Grenzübergang erst nach dem Schengen-Beitritt eröffnet wurde. „Jetzt sind die Kontrollstationen im Grunde nutzlos und verwaist“, so Rahim. Reisende pendeln heute ohne Kontrollen zwischen Bulgarien und Griechenland. Dennoch profitiert die Region spürbar von der lang ersehnten Verbindung: „An einem Wochentag ist es ruhig auf dieser Straße. Am Wochenende ist hier viel los“, kommentiert Rahim. „Vor allem bulgarische Urlauber, die an die Ägäis-Strände fahren, und Einkaufstouristen aus Griechenland nutzen die freie Fahrt über die Grenze.“

 

Rahim und Riza zeigen auf ein altes, halb verfallenes Gebäude im Gebüsch direkt neben der Straße hinter dem Platz, wo das Monument errichtet werden soll: „Das waren Kasernen für die Grenzsoldaten, die hier ihren Dienst taten.“ An der Außenfassade ist der verblasste Schriftzug noch zu erkennen: „Staatsgrenze ist Staatsordnung“. An einer anderen Mauer lehnt ein Schild: „Der Schutz der Staatsgrenze ist ein wesentlicher Teil der Verteidigung des Vaterlandes“. Direkt neben dem Kasernengebäude befindet sich ein in Beton gemauertes Bassin. „Das war das Schwimmbad für die Grenzsoldaten“, erklärt Rahim.

 

Chepintsi hat schon einmal mit einem Kunstprojekt ein Statement gesetzt: Anfang der 1990er Jahre wurde am Ortseingang ein Denkmal errichtet. Es zeigt eine riesige, nach Westen ausgerichtete Friedenstaube mit einem Zweig im Schnabel. Darunter befinden sich eine Reihe symbolischer Glocken und der Schriftzug: „Ich liebe Chepintsi.“ Die Glocken stehen für die Schafherden, die früher durch das Tal zogen. Der alte Name von Chepintsi lautete früher „Tal der Glocken“. Während diese Taube damals für den hoffnungsvollen Aufbruch nach dem Fall des Regimes stand, wird das neue „Travelling Monument“ oben am Pass bald an jene erinnern, die auf der Flucht an dieser Grenze brutal erschossen wurden.

 

 

 

 

 

Anmerkung des Künstlers Boris Missirkov: „Die Hälfte der Summe wurde uns bereits durch das bulgarische Kulturministerium zugesichert, aber wir müssen noch weitere 36.000 Euro sammeln, um das Projekt vernünftig umzusetzen. Dafür haben wir eine Spendenkampagne auf einem bulgarischen Portal ins Leben gerufen: https://platformata.bg/kultura-izkustvo/patuvashtiat-pametnik---skulptura-memorial-na-zaginalite-v-tarsene-na-svobodata.

Jeder Beitrag ist willkommen.

 

Bild 2: Visualisierung des Denkmals (im Winter)