Für die Bewohner des Dorfes Chepintsi bedeutete die unmittelbare Nähe zur Grenze ein Leben in permanenter Isolation. Das Dorf war ein abgeschlossener Kosmos. Wer ein- oder ausreisen wollte, musste sich langwierigen Kontrollen unterziehen und Sondergenehmigungen vorweisen, wissen Riza Brahimbashev (Bürgermeister von Chepintsi) und Rahim Hadzhieminov (professioneller Übersetzer) aus den Erzählungen ihrer Eltern. „Man brauchte immer einen triftigen Grund und einen offiziellen Stempel, um überhaupt in den Sperrbezirk einreisen zu dürfen“, so Riza.
Neben der geografischen Isolation war die lokale Bevölkerung der Pomaken einer brutalen, staatlich verordneten Assimilierungspolitik ausgesetzt. Bei den Pomaken handelt es sich um muslimische Bulgaren, die einen slawischen Rhodopen-Dialekt sprechen und sich als Bulgaren fühlen. Obwohl sie keinerlei Bezug zur Türkei haben und kein Wort Türkisch sprechen, wurden sie vom sozialistischen Regime und von Teilen der Mehrheitsgesellschaft aufgrund ihres Glaubens oft pauschal mit der türkischen Minderheit gleichgesetzt. Aufgrund nationalistischer Bestrebungen und aus Angst vor einer Einflussnahme des muslimischen Nachbarlandes versuchte die Diktatur in den letzten Jahren ihres Bestehens, jegliche islamische Identität im Land gewaltsam auszulöschen. Arabisch-islamische Namen wurden in den offiziellen Dokumenten der Betroffenen systematisch durch bulgarisch-christliche Namen ersetzt.
Bürgermeister Riza schildert diese Identitätsberaubung anhand seiner eigenen Kindheit. „Alle im Dorf nannten mich von Geburt an Riza – das ist ein Name arabisch-iranischen Ursprungs“, erklärt er. „Doch die Behörden zwangen meine Eltern, mir für die Dokumente einen bulgarischen Namen zu geben. So lautete mein offizieller Name im Pass während der kommunistischen Ära ‚Emil‘, um Repressalien zu entgehen.“ Erst nach dem Zusammenbruch des Regimes erhielten die Menschen das Recht zurück, ihre Geburtsnamen wieder offiziell eintragen zu lassen.
Auch die Religionsausübung wurde drastisch beschnitten. Traditionelle islamische Begräbnisrituale wurden untersagt und durch staatlich verordnete Zeremonien im sozialistischen Stil ersetzt. Wer beten oder religiöse Feste feiern wollte, musste dies im Geheimen in den eigenen vier Wänden tun.
Trotz dieser historischen Wunden und der Herausforderung einer alternden Gesellschaft blicken die Menschen in Chepintsi heute selbstbewusst nach vorn. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erlangten sie ihre religiöse Freiheit zurück, und die Dorfgemeinschaft errichtete aus eigener Kraft neue Moscheen. Das Zusammenleben zwischen der muslimischen Mehrheit und der christlichen Minderheit in den Rhodopen gilt heute als vorbildlich. „Wir teilen dieselbe Kultur, dieselben Lebensumstände in den Bergen und viele gemeinsame Traditionen“, so Riza. Als Beispiele nennt er das Kurban-Fest, bei dem Suppe für das gesamte Dorf gekocht wird, sowie uralte, heidnische Frühlingsriten wie das Vertreiben von Wintergeistern. „Diese Bräuche gehören den Menschen in den Rhodopen – völlig unabhängig von ihrer Religion.“
Für den 30-jährigen Rahim ist auch die historische Fremdbezeichnung „Pomaken“, die seiner Gemeinschaft von der christlich-bulgarischen Mehrheitsgesellschaft zugeschrieben wurde, kein Tabu mehr, wenngleich er sie hinterfragt: „Für mich persönlich ist es völlig in Ordnung, wenn man uns Pomaken nennt. Auch wenn das Wort von manchen, wie etwa Fußballfans in Sofia, abwertend oder fälschlicherweise als Synonym für Türken oder Roma verwendet wird.“ Eigentlich, so Rahim, ergebe der Begriff aber ohnehin wenig Sinn: „Wir sprechen einen bulgarischen Dialekt, pflegen bulgarische Traditionen und fühlen uns als Bulgaren. Der einzige Unterschied ist am Ende der Glaube.“




