Ein heißer Vormittag in den westlichen Rhodopen, dem Gebirge im Süden Bulgariens. Auf einer Holzbank im Dorf Vulkosel sitzen zwei ältere Frauen. Ich bremse, stelle mein Fahrrad ab und versuche, mit den beiden Kontakt aufzunehmen. Es gelingt. Sie sind bereit zu einem Interview. Die jüngere der beiden hängt sich ohne zu zögern den Kopfhörer des Übersetzungsgerätes über dem Kopftuch ans Ohr. Ich kann nicht nachprüfen, ob die KI alles richtig übersetzt – hier wird ein ziemlich starker Rhodopen-Dialekt gesprochen, der die Technik an ihre Grenzen bringt.
Fatma, 68 Jahre, und ihre 78-jährige Freundin wohnen in der Nachbarschaft und treffen sich hier regelmäßig. Ein Gespräch mit ihnen öffnet ein Fenster in eine Welt, die von schwerer körperlicher Arbeit, aber auch von tiefer Resilienz geprägt ist.
Ein Leben für den Tabak
Fatma hat ihr ganzes Leben in dem Bergdorf verbracht. „Hier bin ich geboren, hier habe ich geheiratet und eine Familie gegründet. Ich habe drei Kinder“, erzählt sie. Wie so viele in dieser Region war ihr Lebensunterhalt von klein auf an eine Pflanze gebunden: den Tabak. „Von dieser Landwirtschaft sind wir gezeichnet. Es war eine schwere, elende Arbeit. Aber der Tabak war unser Lebensunterhalt. Nichts anderes“, erinnert sich Fatma.
Heute wird im Dorf kaum noch Tabak angebaut. Der Staat zahlt zwar noch kleine Referenzprämien, doch die große Ära des Tabaks ist vorbei. Die jüngere Generation hat andere Arbeitsplätze gefunden und hilft nur noch in der Freizeit auf den Feldern aus.
Die Wunden des Kommunismus: Wenn Namen verschwinden
Das Leben in Vulkosel war unter dem kommunistischen Regime nicht leicht. Fatma beschreibt ein ständiges Gefühl der Besorgnis. Doch die schmerzhafteste Erinnerung betrifft den sogenannten „Regenerierungsprozess“ der 1970er und 1980er Jahre, als das Regime die muslimische Minderheit zur Assimilierung zwang.
„Das war das einzige Schlechte damals, dass unsere Namen geändert wurden“, erzählt sie. „Unsere Namen sind damals einfach verschwunden. Es war schwer. Unsere Eltern wurden von der Polizei mitgenommen und geschlagen. Es hat die Menschen gequält. Fünfzehn Jahre lang mussten wir mit den fremden, bulgarischen Namen leben.“
Trotz dieser traumatischen Erfahrung erinnert sich Fatma auch an die positiven Seiten der Epoche. „Ich hatte ein schönes Leben. Ich war ruhig während des Kommunismus“, sagt sie. Ein Widerspruch, den man in Osteuropa oft findet – die Sehnsucht nach der sozialen Sicherheit von damals, gepaart mit dem Schmerz über die staatliche Willkür.
Erst nach dem Zusammenbruch des Regimes bekamen sie ihre Identität zurück. Heute trägt sie wieder stolz ihren richtigen Namen: Fatma Az. Auf die Frage, ob sie sich der Minderheit der Pomaken zugehörig fühlt, reagiert sie ausweichend und bricht ab. Ob sie nicht antworten möchte oder die KI streikt, bleibt unklar – aber es zeigt, wie sensibel Identitätsfragen in dieser Grenzregion bis heute sind.Und wahrscheinlich auch, wie fragwürdig der Begriff "Pomaken'" überhaupt ist.
Der Blick nach vorn: Stolz auf die Jugend
Trotz der historischen Brüche blicken die Frauen mit Stolz auf das, was sie aufgebaut haben. Der Fokus hat sich verschoben – weg von der harten Feldarbeit, hin zur Bildung der Kinder und Enkel. Die harte Arbeit in den Bergen hat den Grundstein für den Aufstieg der nächsten Generation gelegt.
Die Jugend zieht es heute weg, in die Städte oder gleich ins Ausland. Eine von Fatmas Töchtern arbeitet in der Landwirtschaft in Frankreich, die andere hat in Bulgarien Chemie studiert, promoviert und arbeitet heute in einem Forschungslabor. Auch die Kinder und Enkelkinder ihrer 78-jährigen Freundin haben es weit gebracht. Trotz ihres hohen Alters gilt die Freundin im Dorf immer noch als unermüdlich, arbeitet mit den Tieren und auf dem Feld. „Sie hat ihre Kinder klug erzogen und hat nun lebenslange Unterstützung“, sagt Fatma bewundernd. „Unter den Enkeln sind sogar Zahnärzte. Die ganze Familie respektiert sie.“
Wenn die KI kapituliert
Am Ende des Gesprächs wird es turbulent, als die Technik komplett kapituliert. Durch den Lärm der vorbeifahrenden Autos versteht das Übersetzungsgerät die Frauen falsch und wirft plötzlich skurrile deutsche Wörter wie „Blasphemien“ in den Raum. Die Frauen nehmen es mit Humor und scherzen miteinander. Fatma schlägt vor, den Kopfhörer an ihre ältere Freundin weiterzureichen, damit diese ihre Lebensgeschichte und vom Louvre erzählt. Dazu kommt es nicht. Beide Frauen verlassen die Bank in Vulkosel und gehen wahrscheinlich zurück an ihre Arbeit.
Was bleibt, ist das Bild zweier Frauen, die trotz historischer Brüche, harter Arbeit und tiefer Falten im Gesicht eine unerschütterliche Herzlichkeit und große Fröhlichkeit ausstrahlen.





