Oben auf dem markanten Kamm des Belasica-Gebirges verläuft die Grenze zu Griechenland, während sich unten am Fuß der Berge wie Perlenketten mehrere Dörfer an die Hänge schmiegen. Das letzte in dieser Reihe ist Gabrene. Durch diese Lage befindet sich das Dorf im Dreiländereck zwischen Griechenland, Bulgarien und Nordmazedonien (dem damaligen Jugoslawien). Das Dorf Gabrene befand sich während des Kommunismus in einer geografischen wie politischen Ausnahmesituation.
Heute bettet sich der Ort friedlich in seine Umgebung, reich an Kastanienwäldern, Obstplantagen und Weinbergen. In den Bergen stürzen sich mehrere Wasserfälle ins Tal, die heute über Wanderwege erreichbar sind. Doch so idyllisch war das Leben hier nicht immer. Die 72-jährige Filka Bozhinova, die seit über fünf Jahrzehnten in diesem bulgarischen Grenzdorf lebt und dort 40 Jahre lang als Grundschullehrerin tätig war, beschreibt den Alltag am Eisernen Vorhang. Ihre Erzählung macht deutlich, wie massiv die Geopolitik des Kalten Krieges in das Leben der einfachen Menschen eingriff – aber auch, wie sich die Dorfbewohner mit Witz und Zusammenhalt ihre Menschlichkeit bewahrten.
Das Leben in der Sperrzone: Gefangen im eigenen Land
Filka Bozhinova beschreibt, dass die Grenzanlagen nicht etwa hinter dem Dorf verliefen, sondern Gabrene regelrecht vom Rest des eigenen Landes abschnitten: „Das Dorf hatte eine militärische Einrichtung an der Grenze. Und unser Dorf lag zwischen der Anlage und der Staatsgrenze. Östlich vom Dorf befand sich diese Anlage, im Westen die Grenze. Und Gabrene war zwischen der militärischen Anlage und der Staatsgrenze.“
Dieses Leben in dem absoluten Sperrgebiet bedeutete totale Isolation. Wer das Dorf betreten oder verlassen wollte, war der strengen Kontrolle des Militärs ausgesetzt. Ohne Pass und eine ausdrückliche Genehmigung des Kommandanten ging nichts. „Sie überprüften die Pässe, die Personalausweise und die Genehmigung, ob man überhaupt in das Dorf durfte“, erinnert sich die ehemalige Lehrerin. „Der Kommandant des Postens konnte Gabrene jederzeit betreten. Andere Bewohner nur nach Kontrolle. Das war das Schlimmste.“
Reisefreiheit existierte nicht. „Selbst unsere direkten Nachbarn im Westen und Süden konnten wir nicht besuchen.“ Für die Bewohner gab es nur eine einzige erlaubte Fahrtrichtung: „Wir konnten nur ins Landesinnere von Bulgarien fahren und von dort aus in andere sozialistische Länder. Ja, Sowjetunion war möglich, aber Ausflüge nach Griechenland, in die Türkei, nach Mazedonien? Nein, das gab es nicht.“ Diese erzwungene Isolation ertrugen die Dorfbewohner oft nur mit bitterem Galgenhumor. Sie machten Witze darüber, dass ihr Dorf so hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt sei, als läge es im tiefsten, unzugänglichsten Dschungel – abgeschnitten und vergessen.
Das Verhältnis zu den Grenzsoldaten: Alltag mit den Bewachern
Trotz der repressiven Funktion, die die Grenztruppen für das sozialistische System einnahmen, beschreibt Filka das Verhältnis zwischen den Dorfbewohnern und den Soldaten vor Ort als erstaunlich familiär. Die jungen Wehrdienstleistenden lebten in der lokalen Grenzstation (Zastava) und wurden fest in das Dorfleben integriert: „Weil sie die Grenze bewachten, lebten sie hier in der Grenzstation. Wir haben sie besucht. Besonders am 8. März mit Trommeln und Musik. Wir lebten sehr gut mit ihnen zusammen.“
Die Soldaten kauften ihr Brot in der lokalen Bäckerei, und es entwickelten sich private Bindungen, erzählt die Rentnerin. „Sogar viele Mädchen aus dem Dorf heirateten Grenzsoldaten.“ Für Filka Bozhinova stand damals wie heute fest, dass man den einfachen Soldaten keine Vorwürfe für die Gefangenschaft des ganzen Dorfes machen konnte: „Nicht die Grenzsoldaten waren schuld. Es war die Politik des Staates.“
Fluchten über die Berge: Den „Klyon“ überlisten
Dass die Grenze trotz des guten Verhältnisses zu den Wachleuten eine tödliche Barriere war, hielt verzweifelte Menschen nicht von Fluchtversuchen ab. Bozhinova erinnert sich an konkrete Fälle, bei denen Familien alles hinter sich ließen, um über die steilen Hänge nach Jugoslawien oder Griechenland zu entkommen. Dabei mussten sie das gefährlichste Hindernis überwinden: den „Klyon“, das elektrische Signal-Zaunsystem der Kommunisten. „Es gab zwei Familien, die 1963 aus dem Dorf über die Berge geflohen sind, ohne den Signalzaun auszulösen, und später, in den Jahren 1979 oder 1980, ist noch ein Mann gegangen“, erinnert sich Filka.
In diesen Fällen glückte die Flucht. Sie ließen ihre Häuser zurück und bauten sich im Ausland ein neues Leben auf. Erst nach dem Zusammenbruch des Regimes und der Öffnung der Grenzen kehrten sie als Besucher in ihre alte Heimat zurück. Die Verbindung ist nie ganz abgerissen: „Eine dieser Familien lebt heute wieder in meiner Nachbarschaft. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis.“
Filkas tiefe Empathie für diese Schicksale kommt nicht von ungefähr: Ihre eigenen Großeltern waren einst Flüchtlinge, die 1919 aus dem griechischen Teil Mazedoniens vertrieben wurden und nach einer Odyssee schließlich in der Region um Gabrene Schutz fanden.
Die Erinnerung für die Zukunft bewahren
Heute ist Gabrene ein friedlicher Ort in Europa, in dem die Menschen ganz selbstverständlich zum Einkaufen über die Grenze nach Nordmazedonien fahren, weil das Gemüse dort günstiger ist. Der Ort hofft auf Aufschwung durch Tourismus. Außer einem Dorfladen gibt es im Moment noch keine Infrastruktur. „Vielleicht gibt es ja bald eine kleine Pension, damit Touristen hier übernachten können“, hofft Filka. Doch die Geister der Vergangenheit und die post-kommunistische Realität prägen den Ort: Die Jugend wandert aus, Schule und Kindergarten stehen mangels Kindern seit Jahren leer.
Als ehemalige Lehrerin kämpft Filka Bozhinova gemeinsam mit Kolleginnen im örtlichen Rentnerclub und Kulturhaus (Chitalishte) gegen das Vergessen. Sie haben eine ethnografische Sammlung aufgebaut, in der auch originale Exponate und Uniformen der ehemaligen Grenzstation ausgestellt sind. Ihr Ziel ist es, der jungen Generation zu vermitteln, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist: „Wir denken oft, dass Freiheit etwas Selbstverständliches ist, aber das ist sie nicht. Wir müssen sie wirklich erkämpfen und bewahren.“
Anmerkung: Die ethnografische Sammlung zur Grenzgeschichte war am Tag meines Besuchs leider geschlossen, da die zuständige Sekretärin auf einem Kulturfestival weilte und niemand sonst im Dorf einen Schlüssel auftreiben konnte. Ein Grund mehr, an diesen geschichtsträchtigen Ort zurückzukehren.





