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Wo der Eiserne Vorhang grün wird

 

Zwei Frauen, zwei Länder, zwei Gebirgsmassive: Sofia aus Bulgarien und Jasminka aus Nordmazedonien setzen sich für den Erhalt einer einzigartigen Naturlandschaft ein, die jahrzehntelang durch eine unüberwindbare Grenze getrennt war. Heute verbinden sie Menschen, Wälder und Wanderwege entlang des europäischen Grünen Bandes.

 

Wer heute durch die dichten Kastanienwälder des Belasica-Gebirges wandert oder die sanften Hänge der Maleshevo-Berge mit dem Rad erkundet, vergisst leicht, dass durch diese Idylle noch vor wenigen Jahrzehnten eine unüberwindbare Grenze verlief. Hier stießen der Ostblock (Bulgarien) und das blockfreie, aber sozialistische Jugoslawien (heute Nordmazedonien) sowie das NATO-Mitglied Griechenland aufeinander. Stacheldraht, Wachtürme und Schießbefehle prägten den Alltag.

 

Doch genau diese Isolation hatte eine paradoxe Nebenwirkung: Die Natur blieb über Jahrzehnte nahezu unberührt. Heute arbeiten Naturschützerinnen auf beiden Seiten daran, diese trennende Geschichte in ein verbindendes Naturparadies zu verwandeln – als Teil des Projekts „Grünes Band Europa“ (European Green Belt).

 

Das Dreiländereck am Berg Tumba

 

Der Naturpark Belasica erstreckt sich im äußersten Südwesten Bulgariens entlang des gleichnamigen Belasica-Gebirges. Direkt auf dem Hauptkamm des Gebirges verläuft die Grenze zwischen Bulgarien und Griechenland. Auf diesem steilen Grat stoßen die Grenzen Bulgarien, Griechenland und Nordmazedonien aufeinander und der Gipfel des Berges Tumba bildet das Dreiländereck.

 

Genau hier, am Berg Tumba im Westen des Belasica-Gebirges, wird der Naturschutz grenzüberschreitend: Der bulgarische Naturpark geht direkt in den nordmazedonischen Teil des Massivs über. Folgt man der Grenze weiter nach Norden über das Ograzhden-Gebirge, erreicht man schließlich die Protected Area Maleshevo. Über diesen Gebirgszug hinweg bilden die Schutzgebiete einen zusammenhängenden Biotopverbund entlang des Grünen Bandes

 

Bulgarien: Sofias Kampf für den Naturpark Belasica

 

Nach ihrem Studium der Biologie in Sofia und einige Jahre Arbeit für einen Nationalpark in Bulgarien kehrte Sofia in ihre Heimatstadt Petrich zurück – eine bulgarische Stadt am Fuße des Belasica-Gebirges –, um ihr Fachwissen aktiv für den Naturschutz vor Ort einzusetzen. Als die Grenzinfrastruktur Ende der 2000er-Jahre abgebaut wurde, sahen sie und ihr Mann eine Chance, den Naturpark Belasica ins Leben zu rufen, der schließlich Ende 2007 offiziell gegründet wurde. Doch der Anfang war alles andere als leicht. Sofia erzählt, dass die lokale Bevölkerung den Plänen mit großem Misstrauen begegnete. „Die Menschen kannten den Unterschied zwischen einem Naturpark und einem Nationalpark nicht“, erinnert sich Sofia. Während in einem Nationalpark strenge Verbote gelten, erlaubt ein Naturpark eine nachhaltige, die Natur schonende Bewirtschaftung.

 

Zusätzlich drohte der Region Gefahr durch Großprojekte: Investoren wollten Wasserkraftwerke in den unberührten Bergen bauen und sicherten sich die Unterstützung vieler Einheimischer. Das erste öffentliche Treffen in der Gemeinde endete in einem Desaster, da die Mehrheit der Menschen – motiviert durch wirtschaftliche Versprechungen – gegen den Naturpark stimmte.

 

„Aber danach hatten wir unsere Lektion gelernt und unsere Strategie geändert. Wir haben viele Menschen mit ins Boot geholt, die die Natur schützen wollen, und begonnen, direkt mit den Menschen in den Dörfern zu arbeiten.“

 

Mit Erfolg: Nach der ersten großen öffentlichen Versammlung wurden keine Wasserkraftwerke gebaut, denn in den Bergen wird das Wasser dringend für die Landwirtschaft gebraucht. Stattdessen profitiert die Region vom sogenannten „Slow Tourism“. Sofias Team erschloss unter anderem die Zugänge zu 14 spektakulären, natürlichen Wasserfällen im Belasica-Gebirge und schuf Wanderwege. Jedes Jahr feiern die Menschen im Park das berühmte Kastanien-Festival, denn der essbare Kastanienwald ist das stolze Symbol des Parks.

 

Nordmazedonien: Jasminkas Vision eines vereinten Europas

 

Folgt man dem Grünen Band von Petrich aus weiter nach Norden in das benachbarte Maleschewo-Gebirge, trifft man in der Kleinstadt Berovo auf Jasminka. Sie arbeitet an einer ganz ähnlichen Mission: Als Projektmanagerin bei einem Umweltberatungsunternehmen setzt sie im Rahmen eines Schweizer Naturschutzprogramms große ökologische Projekte um. Ihr strategischer Fokus liegt dabei auf der neu gegründeten Schutzregion im Maleschewo-Gebirge, deren Ausweisung sie maßgeblich mitgestaltet hat.

 

Für Jasminka ist Naturschutz untrennbar mit der Überwindung der alten Grenzen verbunden. Im Rahmen eines großen Projekts erfasste sie zusammen mit Partnern aus Nordmazedonien, Bulgarien, der Türkei, Albanien und Serbien über 2.000 Kilometer alte Feld- und Naturwege per GPS. Gedruckte Wanderkarten gibt es für diese Routen nicht, stattdessen können die Strecken als GPX-Dateien heruntergeladen und digital zur Navigation genutzt werden. „Das reicht natürlich noch nicht“, erklärt Jasminka. „Die Wege müssen auch überprüft und in Ordnung gehalten werden“, beschreibt sie die Herausforderung. „Es entstand ein dichtes Rad- und Wanderwegnetzwerk quer durch den Balkan“, freut sie sich über das Ergebnis.

 

Jasminka wuchs selbst in der Grenzregion auf und erinnert sich noch gut an die Zeit des Kalten Krieges, als die Grenze nur an einem einzigen Tag im Jahr für ein großes Kulturfestival geöffnet wurde. „Es fand immer abwechselnd im bulgarischen Sandanski und im mazedonischen Berovo statt“, erzählt sie. Da zu dieser Zeit kaum jemand ein Auto besaß, wurden eigens Busse organisiert, um die Menschen zusammenzubringen. Es wurde gemeinsam getanzt und gesungen. Doch die Freiheit war kurz: Am nächsten Tag war die Grenze wieder dicht.

 

Die Zeiten haben sich zum Glück geändert und Jasminka stellt klar: „Wir arbeiten gemeinsam an der Verbesserung des Naturraumes, um eine bessere Lebensqualität für alle zu schaffen. Wenn wir direkt nebeneinander leben, warum sollten wir dann nicht zusammenarbeiten?“ Für sie ist die unberührte Natur ein direktes Erbe dieser Isolation: „Die Natur ist hier so reich, weil ein kilometerbreiter Streifen auf beiden Seiten der Grenze nicht genutzt wurde. Nur die Soldaten waren dort.“

 

Heute nutzt sie diese historische Kulisse auch für die Bildungsarbeit mit Kindern. Wenn sie mit Schulklassen die alten Grenzwachtürme besucht, vermittelt sie lebendige Geschichte: „Wir erklären den Kindern, dass hier oben jemand stundenlang Wache stehen musste. Das war Realität.“ Und die Soldaten hatten nicht nur die Aufgabe, die Grenze zu bewachen, sondern es gab auch einen Schießbefehl, wenn jemand versuchte, diese Grenze zu überwinden.

 

Die Brücke: Die Wiederbelebung alter Schätze

 

Was Sofia und Jasminka über die Landesgrenzen hinweg verbindet, ist nicht nur ihre Leidenschaft für die Umwelt, sondern auch ein ganz konkretes Gemeinschaftsprojekt: die Rettung alter, traditioneller Obstsorten der Regionen Belasica und Maleshevo. Zusammen mit der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften machten sich die beiden Frauen auf die Suche nach alten, fast vergessenen Apfel- und Birnenbäumen in den Hausgärten der Grenzdörfer. Diese alten Sorten sind perfekt an das lokale Klima angepasst, extrem langlebig und nachhaltig. Über die NGO „Biomatera“, die Sofia mit ihrem Mann gründete, werden diese Sorten nun wissenschaftlich vermehrt und wieder an die lokale Bevölkerung verteilt, um sie für die Zukunft zu bewahren.

 

Natur kennt keine Grenzen

 

Mit Stolz zeigt Jasminka eine detaillierte Wanderkarte der Region Maleshevo. Doch der Blick auf das Papier offenbart die noch unvollendete Arbeit: Alle eingezeichneten Wanderwege enden  an der Grenze zu Bulgarien. Es gibt keine grenzüberschreitenden Wanderwege. Ihr nächstes großes Ziel ist es, dass diese Wege nahtlos weitergehen. „Denn die Natur hält sich nicht an politische Demarkationslinien.“

 

Einmal im Jahr lässt sich erahnen, wie diese Zukunft aussehen könnte: Mazedonische, bulgarische und griechische Wanderer und Naturbegeisterte gehen auf den Berggipfel Tumba und treffen sich genau dort, wo der ehemalige Eiserne Vorhang inmitten der Wildnis verblasst. Sie steigen gemeinsam aus drei verschiedenen Ländern zum selben Gipfel hinauf, um dort oben zusammen zu reden, zu essen und zu tanzen.

 

„Die Natur weiß nichts von Grenzen“, bringt es Sofia auf den Punkt.  Und Jasminka ergänzt: „Es geht hier nicht nur um die biologische Vielfalt und Naturschutz. Es geht um die Menschen und die Geschichten, die damit verbunden sind. Es ist ein Teil unseres gemeinsamen Erbes und diese Erinnerung muss erhalten bleiben.“  

 

Beide Frauen sind fest entschlossen, weiter Schritt für Schritt an der großen Vision eines grenzenlosen, lebendigen Grünen Bandes Europa zu arbeiten.