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Mazedonien: Eine Region im Schatten der Politik

Die historische und geografische Region Mazedonien ist ein lebendiges Paradoxon: Eine jahrtausendealte Kulturlandschaft, geprägt von den wilden, artenreichen Gebirgen wie dem Belasiza- und Maleschevo-Massiv, die von der Politik des 20. und 21. Jahrhunderts immer wieder brutal zerschnitten und instrumentalisiert wurde.

 

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war Mazedonien eine multiethnische Region unter osmanischer Herrschaft. Mit den Balkankriegen und dem Frieden von Bukarest (1913) endete diese Epoche radikal: Die Region wurde künstlich dreigeteilt. Ägäis-Mazedonien fiel an Griechenland, Vardar-Mazedonien an Serbien (das spätere Jugoslawien) und Pirin-Mazedonien an Bulgarien.

 

Diese willkürliche Grenzziehung zerriss Biografien von einem Tag auf den anderen. Sofia aus Petrich in Bulgarien erzählt von ihrem Großvater. Er musste im Zuge der Vertreibungen von 1913 aus dem heute griechischen Teil Mazedoniens fliehen. Zu seiner Rettung wurde er von einer Familie im bulgarischen Teil Mazedoniens adoptiert, während seine Verwandten auf der anderen Seite der neu gezogenen Grenze zurückblieben. „Obwohl die Grenze die Familie trennte, blieb das Bewusstsein, eine Familie zu sein, über Generationen hinweg lebendig“, so Sofia.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Trennung zementiert. Vardar-Mazedonien wurde eine sozialistische Teilrepublik innerhalb des blockfreien Jugoslawiens unter Tito, in der die mazedonische Sprache und Identität offiziell anerkannt und im Bildungssystem verankert wurden. Bulgarien wurde Teil des sowjetischen Warschauer Paktes, Griechenland gehörte zur NATO.

 

Mazedonien wurde zum direkten Schauplatz des Eisernen Vorhangs – einer der am strengsten bewachten, tödlichen Sperrzonen der Welt. Soldaten patrouillierten dort, wo seit Jahrhunderten ein reger Austausch stattgefunden hatte.

 

Wie künstlich und schmerzhaft diese Barriere war, zeigt Jasminkas Erinnerung aus Nordmazedonien: Nur an einem einzigen Tag im Jahr öffnete sich die Grenze zwischen Berovo und dem bulgarischen Sandanski für ein grenzüberschreitendes Kulturfestival.

 

Sowohl Sofia als auch Jasminka stellen fest, dass die Natur in den Grenzbergen heute nur deshalb so unberührt, wild und artenreich ist, weil sie jahrzehntelang als militärische Sperrzone komplett für Menschen gesperrt war. Die künstliche Trennung der Menschen wurde unfreiwillig zum Schutzraum für die Tier- und Pflanzenwelt.

 

Mit dem Kollaps Jugoslawiens 1991 erlangte die Republik Mazedonien erstmals ihre Unabhängigkeit als eigener Nationalstaat. Doch ein jahrzehntelanger, erbitterter Namensstreit mit Griechenland blockierte den Beitritt des Landes zur NATO und zur EU. Die Folge war das Prespa-Abkommen (2018), das die offizielle Umbenennung in Republik Nordmazedonien erzwang.

 

Im Alltag der Menschen hinterlässt diese politische Entscheidung tiefes Unverständnis und Schmerz. Jasminka bringt diese Absurdität im Interview auf den Punkt: Sie empfindet den neuen Namen in der täglichen Kommunikation als unnatürlich und weigert sich, ihn im Ausland zu benutzen. „Nordmazedonien steht nur in meinem Pass. Ich spreche immer von Mazedonien“, so Jasminka. „Wir wurden politisch gezwungen, ihn zu akzeptieren.“ Ironischerweise hat dieser äußere Druck das mazedonische Nationalgefühl und den Stolz auf die eigenen Wurzeln nur noch weiter verstärkt: „Wir sind Mazedonier. Unsere Eltern und Vorfahren waren Mazedonier. Wir sind es auch.“

 

Das große Opfer, das die Menschen in Nordmazedonien für ihre europäische Zukunft brachten, nämlich die Änderung ihres Staatsnamens, entwickelte sich bald zu einer bitteren Enttäuschung. Die Hoffnung, dass der Weg in die EU nun endlich frei sei, wurde jäh zerschlagen. Diesmal kam das Veto aus dem direkten Nachbarland Bulgarien.

 

In diesem Konflikt geht es nicht mehr um Geografie, sondern um die Hoheit über Geschichte, Sprache und Identität. Die bulgarische Regierung blockiert den EU-Beitrittsprozess Nordmazedoniens und fordert unter anderem, das Land müsse anerkennen, dass die mazedonische Sprache historische bulgarische Wurzeln hat (sie wird in Bulgarien oft als bulgarischer Dialekt betrachtet) und dass gemeinsame historische Helden eigentlich Bulgaren waren. Zudem fordert die bulgarische Politik die offizielle Aufnahme einer bulgarischen Minderheit in die nordmazedonische Verfassung.

 

Für die Menschen in Nordmazedonien fühlt sich dies wie eine endlose Demütigung an: Nachdem sie ihren Namen ändern mussten, wird nun von außen an den Fundamenten ihrer historischen Existenz gerüttelt.

 

Während die offizielle Politik Identitäten beschneidet, Namen ändert und Blockaden errichtet, zeigt die Basis der Region einen völlig anderen Ausweg. Aktivistinnen wie Sofia auf der bulgarischen und Jasminka auf der nordmazedonischen Seite arbeiten in NGOs und europäischen Projekten gezielt daran, die alten, historisch gewachsenen Verbindungen wiederzubeleben.

 

Dabei lassen sie sich von den nationalistischen Debatten der Regierungen nicht beirren:

 

Sofia betont, dass sie die politischen Fragen bewusst nicht auf den Tisch bringt. Für sie zählen die menschliche Nähe, die Freundschaft und die Tatsache, dass man sich dank des lokalen Dialekts problemlos versteht und denselben Kulturraum teilt. Jasminka sieht im Naturschutz ein direktes Werkzeug, um die Menschen wieder zusammenzubringen, gemeinsame Geschichten zu erzählen und das kulturelle Erbe der Region zu bewahren.

 

Gemeinsam engagieren sie sich für das Europäische Grüne Band (European Green Belt). Sie schützen die uralten Kastanienwälder des Belasiza-Gebirges, revitalisieren traditionelle Obstsorten, die auf beiden Seiten der Grenze wachsen, und kartieren grenzüberschreitende Rad- und Wanderwege. Denn wie Sofia sagt: „Die Natur kennt keine Grenzen.“