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Der Farbrausch Bulgariens

 

Verklärte Gesichter verschmelzen mit Blumen, Früchten und Landschaft. Die Modelle passen sich ihrer Umgebung an oder umgekehrt. Die Farben der Blumen harmonieren mit den Gesichtern und der bulgarischen Tracht. Es sind die Farben seines Heimatlandes, die der bulgarische Maler Vladimir Dimitrov auf die Leinwand bringt.

 

Diese visuelle Wucht ist in Kyustendil, einer Stadt im Südwesten Bulgariens, zu erleben. Hier steht das ihm gewidmete Museum, ein markanter Bau, der in den 1970er-Jahren errichtet wurde. „Dieses Museum ist nicht nur für unsere Stadt bedeutend, sondern für das ganze Land“, erklärt Nikolay Nikolchev. Er arbeitet hier als Museumsguide und bringt jahrzehntelange Erfahrung aus der bulgarischen Kulturszene mit. Das Licht, das durch die Deckenfenster der Galerie fällt, verändert sich ständig. „Je nachdem, ob die Sonne scheint oder Wolken aufziehen, wirken die Bilder jeden Tag anders“, beobachtet Nikolay und drückt damit seine Begeisterung für seine Arbeit und die Kunst, die ihn täglich umgibt, aus.

 

Ein Leben geprägt von Flucht und Spiritualität

 

Hinter den leuchtenden Farben Dimitrovs verbirgt sich eine bewegte Lebensgeschichte, die in den geopolitischen Umbrüchen des Balkans verwurzelt ist. Geboren wurde der Künstler 1882. Seine Eltern mussten Ende der 1870er-Jahre als Flüchtlinge aus der mazedonischen Region des damaligen Osmanischen Reiches fliehen und fanden in Kyustendil eine neue Heimat.

 

„Ein wichtiger Aspekt in seinem Leben war die Spiritualität“, weiß Nikolay zu berichten. „Sein Vater hatte Theologie studiert. Obwohl er den Beruf des Priesters wegen der ständigen Fluchtbewegungen nie ausübte, prägte dieses spirituelle Denken und der Lebensstil die Erziehung des Künstlers nachhaltig.“

 

Dimitrov entwickelte eine tiefe Verbundenheit zu den einfachen Menschen. Er zog in das nahegelegene Dorf Shishkovtsi, wo er rund 25 Jahre lang lebte und arbeitete. Dort fand er die Motive, die ihn berühmt machten: die Bauern, die Ernte, das ländliche Leben. Seine Kunst fand internationale Beachtung. Bereits in den 1920er-Jahren wurde er jahrelang finanziell von einer wohlhabenden amerikanischen Familie unterstützt, die seine Werke erwarb.

 

Doch trotz des großen Erfolgs blieb Dimitrov bescheiden: Er signierte seine Bilder oft gar nicht. „Er betrachtete sein Talent als ein Geschenk Gottes, das er einfach an die Menschen weitergeben wollte“, erklärt Nikolay. „Er verwendete die Erlöse aus den Verkäufen seiner Werke nicht für sich selbst, sondern spendete das Geld an die Dorfgemeinschaft und an junge Menschen.“

 

Zwischen den Fronten der Ideologien

 

Dimitrovs Werk überdauerte Weltkriege – in denen er auch als Kriegsmaler dienen musste – und den Einzug des Kommunismus in Bulgarien ab den späten 1940er-Jahren. Das neue sozialistische Regime erkannte die Kraft seiner Bilder und versuchte, den beachteten Künstler für seine Zwecke zu nutzen.

 

Im August 1948 schickte die Staatsführung Dimitrov zum „Weltkongress der Intellektuellen zur Verteidigung des Friedens“ nach Warschau. Dort traf er auf Größen wie Pablo Picasso, der seine berühmte Friedenstaube präsentierte. Das Regime schmückte sich mit dem bulgarischen „Maistora“ (Meister), doch hinter den Kulissen kollidierte Dimitrovs Kunstwelt zunehmend mit den Vorgaben des staatlich verordneten Sozialistischen Realismus.

 

Die Zwangssozialisierung der Landwirtschaft entzog Dimitrovs Kunst ihr eigentliches Fundament. Das, was er zeit seines Lebens gesucht und geschätzt hatte – die Verbundenheit zwischen den einfachen Menschen, ihrer traditionellen Arbeit und der unberührten Landschaft –, existierte so nicht mehr. Die Bauern verloren ihr Land an die Kolchosen. Nikolay deutet auf ein späteres Werk an der Wand, das die Ernte darstellt: „Man sieht den Unterschied. Früher herrschte in den Bildern pure Harmonie. Auf den späteren Bildern gibt es diese Harmonie nicht mehr. Das Gesicht der gezeigten Person wirkt schwerer, die Arbeit mühsamer. Die Menschen mussten nun für den Staat arbeiten und nicht mehr für sich selbst. Die Modelle hörten auf, glücklich zu sein.“

 

Das unbezahlbare Erbe und die Einordnung der Kunst

 

Über 1.100 Werke Dimitrovs hütet das Museum in Kjustendil heute, rund 500 in der ständigen Ausstellung, weitere 600 im Depot. Kunsthistorisch entwickelte der „Maistora“ einen völlig eigenständigen Stil, der die europäische Avantgarde seiner Zeit aufgriff, ohne seine eigenen Wurzeln zu verleugnen. Seine großflächige Verwendung von leuchtenden, fast grellen Farben und die dekorative, rhythmische Anordnung der Naturmotive spiegeln den Aufbruch der klassischen Moderne wider. Kombiniert mit den traditionellen Mustern bulgarischer Trachten und den ikonenhaften, madonnengleichen Gesichtern der Bäuerinnen, schuf er eine einzigartige Synthese aus internationaler Kunstbewegung und tief verwurzelter nationaler Identität. Für Nikolay, der nach vielen Jahren in der Hauptstadt Sofia in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist, ist die Faszination ungebrochen. Eines seiner Lieblingsbilder ist das Porträt einer älteren Frau in Gelb. „Am Anfang fand ich ihr Gesicht seltsam und verstand es nicht“, gibt er zu. „Aber nach einer Weile erschloss sich das Bild für mich. Man erkennt darin die tiefe Fürsorge dieser Frau für die jüngere Generation.“

 

Ein besonderes Highlight der Sammlung ist das Gemälde einer Frau in Grün, das bei der Weltausstellung in Brüssel 1958 von Kritikern als „Bulgarische Madonna“ gefeiert wurde. Wenn man Nikolay nach dem materiellen Wert dieser Gemälde fragt, schüttelt er nur den Kopf: „Für uns hier sind diese Werke absolut unbezahlbar – ganz im Sinne des  Maistora, der sein Talent als Geschenk betrachtete.“