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Der Guerilla-Keeper am Grünen Band

 

In Negotin, einer Kleinstadt im Osten Serbiens, betreibt Boyan Stanisavljević das „Base Camp Urban Guerilla“. Sein Camp ist weit mehr als nur ein Rastplatz für Radreisende auf dem EuroVelo 13 – es ist ein Knotenpunkt internationaler Lebenswege, ein Ort gelebter Utopie und ein Spiegelbild der wechselvollen Geschichte des Balkans.

 

Wer das „Base Camp Urban Guerilla“ im serbischen Negotin betritt, verlässt die klassische Welt des Tourismus und betritt Boyans Kosmos. Das Gelände, auf dem heute Radfahrer aus aller Welt ihre Zelte aufschlagen oder in einem kleinen Holzbungalow übernachten, atmet Familiengeschichte. „Das hier ist das Haus meines Großvaters aus dem Jahr 1924“, erzählt Boyan Stanisavljević. 2016 begann er gemeinsam mit seinem Bruder, der eigentlich in Belgrad lebt, das Anwesen umzubauen. Es entstand ein Ort, der heute auf den Landkarten von Langstreckenradlern auf der ganzen Welt rot markiert ist.

 

Boyan, 59 Jahre alt, Outdoorsportler, ehemaliger Tennislehrer und heute Gastgeber aus Überzeugung, verkörpert eine fast trotzige Gelassenheit. Sein Camp betreibt er nicht als kommerzielles Business, sondern als Lebensphilosophie. „Wer kein Geld hat, muss nicht bezahlen“, sagt er schlicht. „Es ist mehr ein Lebensstil als ein Geschäft. Viele Leute, die mit einem größeren Budget reisen, geben mir oft extra Geld für diejenigen, die nichts haben. Die Community erkennt, was gebraucht wird.“ Geld ist für ihn Nebensache: „Wenn ich genug Geld hätte, würde ich das alles komplett umsonst machen. Es geht mir um die Menschen.“

 

Ein anderer Eiserner Vorhang

 

Das Camp liegt direkt am EuroVelo 13, dem „Iron Curtain Trail“, der entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs quer durch Europa führt. Doch die Erinnerung an diese Grenze ist hier, im Dreiländereck von Serbien, Bulgarien und Rumänien, von ganz eigenen historischen Nuancen geprägt. Während der Eiserne Vorhang für die Menschen in den osteuropäischen Diktaturen eine unüberwindbare, oft tödliche Barriere nach Westen darstellte, sah die Realität für Boyan und die Menschen im ehemaligen Jugoslawien ganz anders aus. „Die Leute im Dorf sind sich des Eisernen Vorhangs oft gar nicht so bewusst, weil er für uns in Jugoslawien so nicht existierte. Der Eiserne Vorhang war drüben in Bulgarien“, erklärt Boyan. Während Bulgarien und Rumänien fest im sowjetisch dominierten Ostblock verankert waren, ging das sozialistische Jugoslawien unter Josip Broz Tito einen blockfreien Sonderweg. „Wir waren wie der Westen zwischen den Welten. Mit dem jugoslawischen Reisepass konnte man damals überallhin reisen. Jeder wollte diesen Pass haben.“

 

Boyan erinnert sich an die wirtschaftlichen Unterschiede jener Tage: „In Bulgarien konnte man damals fast nichts kaufen. Wenn man aus Jugoslawien mit zwei Packungen Kaugummi und fünf Paar Damenstrumpfhosen auf den Markt nach Sofia fuhr, konnte man von dem Erlös einen Monat im Hotel leben.“ Die Grenze zu Bulgarien und Rumänien sei von jugoslawischer Seite aus fast immer offen gewesen. Doch für DDR-Bürger, die über Bulgarien in den Westen fliehen wollten, wurde die Donauregion oft zur Schicksalsfrage. Manche schafften es schwimmend über den Fluss nach Jugoslawien. „Sie blieben dann hier in Negotin ein paar Tage im Gefängnis, bevor man sie nach Westdeutschland ausflog. Die jugoslawische Polizei hat da ihren Job gemacht“, erzählt Boyan schmunzelnd. Dass der „Knast“ hier oft nur die letzte Zwischenstation in die Freiheit gewesen sei, erzählt er im Rückblick allerdings etwas beschönigend.

 

Der demografische Wandel und die Prachthäuser der Vlachen

 

Heute kämpft die Region Negotin mit den typischen Problemen des Balkans: Abwanderung und demografischer Wandel. „Vor zwanzig Jahren gab es hier noch 50 Prozent mehr junge Menschen“, berichtet Boyan wehmütig. Viele arbeiten heute in Österreich, Deutschland oder der Schweiz. Doch wer durch die Dörfer um Negotin fährt, stößt überraschend auf riesige, palastartige Villen, die fast surreal in der Landschaft stehen.

 

Boyan kennt die Hintergründe: „Das sind die Dörfer der Vlachen. Sie machen etwa 50 Prozent der Bevölkerung dieser Region aus.“ Die Vlachen oder Walachen sind eine ethnische Minderheit, die eine dem Rumänischen sehr nahestehende Sprache spricht, sich selbst aber nicht als Rumänen versteht. „In den 1960er Jahren waren die serbischen Dörfer wohlhabender als die vlachischen Dörfer und die Menschen hatten kein Interesse, nach Europa zu gehen. Viele Menschen aus den vlachischen Dörfern hingegen waren sehr arm und gingen deshalb als Gastarbeiter nach Europa.“ Aus dem Bedürfnis heraus, den daheimgebliebenen Nachbarn den mühsam erarbeiteten Wohlstand zu beweisen, entstanden diese enormen, oft leerstehenden Paläste, die heute meist nur noch in den Ferienzeiten belebt sind.

 

Das Geld aus dem Westen hält die Region am Leben. „In Negotin gibt es an jeder Ecke Wechselstuben – mehr als zwanzig insgesamt“, erzählt Boyan. Die Renten und Ersparnisse aus Deutschland und Österreich fließen direkt in die lokale Wirtschaft.

 

Low-Budget-Trends bei den Globetrottern

 

Durch diese kontrastreiche Landschaft rollen nicht nur die Radtouristen des Iron Curtain Trails, sondern auch des Donauradwegs. Aber auch der über 3.000 Kilometer lange Balkan Green Belt Trail, der die Natur entlang des ehemaligen Grenzstreifens zwischen Serbien, Bulgarien und Nordmazedonien erlebbar macht, kommt hier vorbei.

 

Boyan beobachtet seine Gäste genau und bemerkt seit der Pandemie und dem Ukraine-Krieg einen Wandel: „Die Budgets werden immer kleiner. Früher fragten die Radler nach dem besten Restaurant, heute kocht fast jeder selbst oder sucht die billigste Unterkunft.“ Auch die Ausrüstung leidet: „Letztens kam ein Deutscher an, dessen Rad fast auseinanderfiel. Wir mussten erst mal in die Werkstatt meines Kumpels.“ Alles sei teurer geworden. Doch Boyan sieht darin nicht nur eine Krise, sondern einen Lifestyle: Wer monatelang bis nach Kirgistan oder Indien reist, muss schlicht haushalten.

 

Um diesen Individualtouristen zu helfen, hat Boyan vor einigen Jahren erfolgreich 12.000 Euro an EU-Fördergeldern über ein Projekt der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) beantragt, um Leihräder und Campingausrüstung anzuschaffen. Er bedauert, dass diese Förderperiode für grenzüberschreitende Infrastrukturprojekte beendet sei. Im Moment sei es schwierig, an Fördergelder zur Stärkung des Tourismus zu kommen.

 

Das „Grüne Band“ als Zukunftschance

 

Trotz der politischen Herausforderungen und Boyans kritischem Blick auf die Umweltprobleme der Region – er sorgt sich um mangelndes Recycling und eine geplante Verbrennungsanlagen für medizinischen Müll – bleibt er Optimist. Das Konzept des „Grünen Bandes“ (Green Belt), das den ehemaligen Todesstreifen in ein europäisches Naturschutzreservat verwandeln soll, fasziniert ihn, auch wenn die offiziellen Organisationen vor Ort kaum präsent sind. „In den letzten 10 bis 20 Jahren haben immer weniger Menschen Landwirtschaft betrieben. Die Felder verwandeln sich von selbst wieder in Wälder und Blumenwiesen. Die Natur wächst einfach.“

 

Für Boyan ist sein Base Camp ein Ort, an dem diese Natur und die Menschen zusammenkommen. Er erzählt von Musikern, Lebenskünstlern und Globetrottern aus verschiedenen Kontinenten. „Einmal war ein Violinist des London Philharmonic Orchestra hier, ein anderes Mal ein Schweizer Kabarettist mit einem ausziehbaren Alphorn im Gepäck. Er hat ein kleines Konzert für die Kinder gegeben. Ich genieße das immer.“

 

Wenn Boyan von seinen Gästen schwärmt, mit denen er abends oft zusammensitzt, wird klar, dass er Negotin zu einem kleinen Mittelpunkt der Welt gemacht hat. Er reist nicht mehr viel, aber die Welt kommt zu ihm. „Ich verbinde mich mit der Welt, ohne wegzugehen“, sagt er. Und in der Welt wird man von Boyan und seinem „Base Camp Urban Guerilla“ in Ostserbien nahe dem Dreiländereck Rumänien-Bulgarien-Serbien erzählen.