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Zwischen Stacheldraht und Sommerfrische

 

Ein verstecktes Dorf direkt am Rande Bulgariens, dort, wo die Straße gefühlt am Ende der Welt angekommen ist. Das Dorf Bankya schmiegt sich an die serbische Grenze – weit weg vom gleichnamigen Kurort bei Sofia. Wer hierher kommt, sucht die absolute Stille, das klare Quellwasser und die unberührte Natur. Auf der Terrasse ihres Hauses inmitten eines blühenden Gartens sitzt Boyanka, die von allen nur „Bobi“ genannt wird. Die 73-jährige Rentnerin folgt mir zu meiner Unterkunft, weil sie kein Internet hat und das Übersetzungsgerät darauf angewiesen ist. Boyanka erzählt, wie aus einer streng bewachten Grenzzone ein friedlicher Rückzugsort für Großstädter wurde.

 

Das Grenzdorf im Kommunismus

 

Das Leben in Bankya war während des kommunistischen Regimes von einem tiefen Widerspruch geprägt. Einerseits war das Dorf streng abgeriegelt. Wer hierher wollte, stieß oben an der einige Kilometer entfernten Straßengabelung auf einen Kontrollpunkt mit einer Schranke, einer Betonmauer und einer Wachtbude. „Wir ständigen Bewohner hatten einen speziellen Stempel im Pass, der uns als Berechtigte für die Grenzzone auswies“, erinnert sich Bobi. „Verwandte, Gäste oder Touristen, die es so gut wie nicht gab, durften nicht einfach so passieren – sie benötigten einen offenen Passierschein.“

 

Im Dorf selbst war das Militär allgegenwärtig. „Eine Kaserne beherbergte etwa 30 bis 40 Grenzsoldaten, angeführt von einem Feldwebel und einem Kommandanten. Heute ist von der Kaserne nichts mehr übrig außer ein paar verfallenen Gebäude. Das Gelände ist völlig mit Bäumen und hohem Gras zugewachsen.“ Ein altes, verrostetes Tor mit einem Stoppschild erinnert an die einstige Absperrung.

 

Und doch war Bankya schon damals ein Sehnsuchtsort. Bobi, die ihr ganzes Berufsleben in Sofia in der Lohnbuchhaltung arbeitet, kehrte jeden Sommer in den Ferien mit ihren Kindern hierher zurück – genau dorthin, wo sie schon als kleines Kind mit ihren Eltern die Sommer verbracht hatte. Das Herzstück des Dorflebens war damals wie heute das Schwimmbecken mit frischem, warmem Quellwasser. Hier vermischte sich der militärische Alltag des Kalten Krieges mit sommerlicher Idylle auf fast skurrile Weise: Nach dem Dienst sprangen die Grenzsoldaten der Kaserne ganz normal in Badehose zu den Dorfbewohnern und Urlaubskindern in den Pool, um sich abzukühlen. Die Grenze und die Soldaten störten die Sommerfrischler kaum, man genoss gemeinsam die gute Luft und das Wasser.

 

Auf Besuch im Jeep

 

Während Westeuropäer die Grenzen des Ostblocks oft als hermetisch abgeriegelte Todeszonen im Kopf haben, beschreibt Bobi eine überraschende, lokale Normalität an der jugoslawischen Grenze. Während die große Politik zwischen Sofia und Belgrad oft eisig war, schlug das Prinzip der guten Nachbarschaft vor Ort die Ideologie. Die Feindseligkeit, die man vermuten würde, gab es im Alltag einfach nicht: „Serbische Soldaten sind damals einfach mit ihren Jeeps über die Grenze zu uns ins Dorf gefahren“, erzählt Bobi lächelnd. „Sie kamen her, um mit unseren Soldaten und den Kommandanten unserer Kaserne ganz normal Kontakt zu halten und zu kommunizieren.“

 

Die Grenze zog ohnehin absurde Linien durch die Geografie der Region. Das letzte Haus im Dorf stand so dicht an der Demarkationslinie, dass sich der dazugehörige Garten bereits auf serbischem Staatsgebiet befand – die Eigentümer nutzten ihn trotzdem jahrzehntelang ohne größere Probleme. Bobi erzählt vom Nachbardorf Bogoyna/Petachintsi, das bei der historischen Grenzziehung 1919 geteilt wurde. Eine Hälfte liegt seitdem in Serbien, die bulgarische Hälfte wurde in Bogoyna umbenannt. Durch den Eisernen Vorhang wurde die Trennung des Dorfes endgültig.

 

Flüchtlinge zwischen Bulgarien und Serbien

 

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus fiel der Eiserne Vorhang auch in Bankya. Die Kasernen wurden geschlossen, die Zäune und Absperrungen komplett abgebaut. Heute markiert nur noch eine steinerne Pyramide die Grenze: Auf der einen Seite steht Republik Bulgarien, auf der anderen Republik Serbien. Aber die Grenze bleibt in den Köpfen der Menschen. Bobi betont immer wieder: Wir respektieren diese Grenze und setzen keinen Fuß nach Serbien – nur bei den offiziellen Grenzübergängen, aber nicht im Wald.

 

Doch in den Jahren 2015 und 2016 rückte das Dorf wieder in den Fokus der Geopolitik, als die Balkanroute zu einem zentralen Weg für Geflüchtete und Migriant*innen wurde. Bobi erinnert sich: „Plötzlich tauchten Gruppen von Geflüchteten aus Syrien und dem Irak in den dichten Wäldern rund um Bankya auf. Viele von ihnen wussten gar nicht, wo sie waren. Man hatte sie belogen und ihnen erzählt, sie seien in Serbien“, berichtet Bobi. Da in dem abgelegenen Ort nur noch wenige Menschen leben, fiel jeder Fremde sofort auf. Die Dorfbewohner reagierten mit einer Mischung aus Wachsamkeit und Hilfsbereitschaft: „Wir haben sofort die Grenzpolizei gerufen, aber wir haben den Menschen auch geholfen und ihnen zum Beispiel Brot und Wasser gegeben, bis die Beamten kamen.“

 

Ein Refugium für die Seele

 

Heute ist die Aufregung vergangen und die Grenzkontakte zwischen den verbliebenen Sicherheitskräften dienen vor allem der Absprache, um illegale Grenzübertritte im unwegsamen Gelände zu verhindern. Offiziell leben heute noch fünf Personen in Bankya. An Wochenenden und im Sommer sind es mehr. Viele Häuser werden als Zeitwohnsitz genutzt. Manche sind nach wie vor in Familienbesitz, manche Städter haben sich hier ein Haus gekauft. Auch Bobi zieht es von April bis November wie viele andere Großstädter aus Sofia hierher zurück. „Die Luft, die Ruhe, das gute Wasser, das Schwimmbad und die herrliche Natur“, schwärmt sie.

 

Das Dorf ist heute Ausgangspunkt für Wanderungen in eine unberührte, wilde Natur mit Wasserfällen und Schluchten geworden. Ein beliebter Wanderweg führt von hier aus über das ehemals geteilte Grenzdorf Bogoyna direkt in die spektakuläre Erma-Flussschlucht mit ihren tiefen Tunneln und tosenden Wasserfällen.

 

Bobi selbst kann wegen ihrer Beine nicht mehr gut wandern, aber missen möchte sie ihre Zeit in Bankya um nichts in der Welt. Auf die Frage, wie die politische Wende von 1989 ihr Leben im Dorf verändert hat, antwortet sie mit einem Schulterzucken: „Ich spüre keinen großen Unterschied, weder positiv noch negativ. Das Leben läuft einfach normal weiter.“ Die Soldaten sind weg, die Zäune sind verschwunden – geblieben sind das heilende Quellwasser, die reine Luft und ein Ort, an dem Menschen Ruhe und Erholung finden.