Die Donau fließt ruhig an der Kleinstadt Kladovo in Serbien vorbei. Hier hat sich Sanja in ihrem Elternhaus ein kleines Paradies geschaffen, das sie mit anderen Menschen teilen möchte. Sie baut sich gerade ein kleines Unternehmen mit Gästezimmern, einer Veranstaltungslocation und Catering auf.
In den 1980er Jahren war Jugoslawien für Sanja als Kind ein riesiges, stolzes Land. Ihr Vater war ein überzeugter Kommunist, lokalpolitisch aktiv und selten zu Hause. Es war ein Haushalt, in dem sonntags nicht in die Kirche gegangen und am Esstisch nicht über Politik diskutiert wurde. Wenn der Vater den Fernseher einschaltete, um die politischen Berichte zu verfolgen, flüchtete Sanja in ihr Zimmer. Sie hasste die Politik schon damals.
Trotz der ideologischen Strenge des Vaters – der Sanja einst unter Tränen in den Russischunterricht schickte, obwohl sie unbedingt Englisch lernen wollte – bot das System der Familie auch Annehmlichkeiten. Dank der staatlichen Betriebe, in denen die Eltern arbeiteten, gab es die Möglichkeit, Urlaube im fernen Montenegro auf Ratenzahlung zu finanzieren. Da der Vater jedoch nur für die Arbeit lebte und nie mitreiste, fuhren die Mutter und die Kinder allein ans Meer. Es waren unbeschwerte Zeiten. Die Familie besaß sogar ein eigenes Auto, was damals im Ostblock keine Selbstverständlichkeit war, in Jugoslawien dank der richtigen „Verbindungen“ des Vaters aber funktionierte.
Ein ganz besonderes Abenteuer waren die Tagesausflüge ins benachbarte Rumänien, das damals unter dem Diktator Nicolae Ceaușescu litt. Für Sanja und ihre Familie waren diese Fahrten eine Mischung aus Nervenkitzel und Geschäft. Sie packten das Auto voll mit Dingen, die es in Rumänien kaum gab: Gewürze wie Vegeta, Paprikapulver, Kaugummis und vor allem Lorbeerblätter.
Auf dem Markt von Drobeta Turnu Severin, der Stadt direkt am anderen Donauufer, verkauften sie die mitgebrachten Waren. Das verdiente rumänische Geld – die Lei – gaben sie sofort wieder aus, oft für Spielzeug oder Lebensmittel. In den rumänischen Geschäften herrschte zwar gähnende Leere, doch das wenige, das es zu kaufen gab, war durch den lukrativen Tauschhandel für Sanja und ihre Familie spottbillig.
Wichtig war für die Familie vor allem, das Auto vollzutanken, erinnert sich Sanja. Es war allerdings verboten, Treibstoff im Kanister mitzunehmen. Aber die Familie fand einen Ausweg: Zuhause angekommen, wurde das Benzin aus dem Autotank umgefüllt und mit dem leeren Tank fuhr man einfach noch einmal nach Rumänien zum Tanken.
Als Kind bedeuteten diese Ausflüge vor allem Stress. Manchmal steckten sie stundenlang in der Hitze am Grenzübergang fest, weil die rumänischen Grenzer die Autos intensiv kontrollierten. „Es war immer eine angespannte Situation im Auto. Alle waren nervös, bis wir endlich wieder über der Grenze in Jugoslawien waren.“
Damals, so erinnert sich die 54-Jährige, verstanden sich alle im Land. Ob Kroaten, Montenegriner, Bosnier oder Serben – die Sprache war im Grunde dieselbe, man war ein Volk. Dass nur wenige Jahre später, ab 1991, mit der Abspaltung Sloweniens alles in einem grausamen Krieg versinken sollte, war für die normalen Menschen damals schwer zu verstehen. Für Sanja war der spätere Krieg reine Politik, gemacht von den Oberen. „Ich brauche nichts von den Kroaten“, sagt sie heute. Jeder hat doch genug Land. Und es ist doch groß genug für uns alle.“
Wenn die heute 54-Jährige an diese Zeit zurückdenkt, weiß sie, dass sie eine gute Kindheit hatte. Es fehlte ihr an nichts. Ihre Schwester und ihre Tochter leben heute in den Niederlanden. Sie genießt es sehr, dass sie heute einfach zum Flughafen nach Belgrad gehen kann, und ohne vorherigen Visaantrag nach Amsterdam fliegen kann. So kann sie regelmäßig am Leben ihrer Familie teilhaben. Aber genauso oft zieht es die Familie nach Kladovo an die Donau zurück – in den kleinen, wo man sich noch gegenseitig auf der Straße grüßt.



