Dragan kommt gerade vom Schwimmen in der Donau. „Das mache ich täglich mehrmals“, freut er sich, dass er den Donaustrand direkt über seine Gartenpforte erreichen kann. „Das Wasser ist bestens“, erklärt er. Er zeigt auf die Fabrikanlagen und Hafenbauten direkt gegenüber, auf der rumänischen Seite in Drobeta Turnu Severin.
„Das war reine Symbolik“, erklärt Dragan mit leichtem Wiener Einschlag in der Stimme. Er ist 1963 geboren und hat fast sein ganzes Berufsleben als Großhandelskaufmann in Österreich verbracht. „Unter Diktator Ceaușescu wurden am rumänischen Donauufer ganze Dörfer plattgemacht und die Menschen ins Hinterland umgesiedelt, nur um uns Jugoslawen direkt am Flussufer eine mächtige Industrie zu demonstrieren. Tag und Nacht jaulten die Sirenen, als wären wir im Krieg. Heute steht die Fabrik still, die Kulisse ist geblieben.“
Für Dragan und die Menschen in der Region war die Donau damals nicht nur ein Fluss, sondern eine scharfe Trennlinie zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite das verarmte, totalitäre Rumänien des Warschauer Paktes; auf der anderen Seite das blockfreie Jugoslawien unter Tito – ein „weicher“ Kommunismus, in dem die Uhren völlig anders tickten.
„Bei uns war das Leben nicht schlecht“, erinnert sich Dragan. Während in Rumänien alles verstaatlicht war und die Bauern in Kolchosen arbeiten mussten, gab es in Jugoslawien private Landwirtschaft. Er erzählt von seinen Großeltern, die ein Stück Land besaßen, Gemüse und Obst anbauten. Geld war zwar knapp, aber man tauschte Ware gegen Ware: Gemüse gegen Obst, oder man reparierte im Gegenzug ein Auto.
Doch Jugoslawien hatte noch ein anderes Ventil, das Rumänien strikt verwehrt blieb: die offenen Grenzen nach Westen. Dragans Eltern, die während des Zweiten Weltkriegs geboren wurden, hatten keine höhere Schulausbildung und fanden in den heimischen Fabriken keine Arbeit. Also gingen sie Ende der 1970er Jahre als sogenannte Gastarbeiter nach Österreich. Eigentlich wollten sie nur für drei, vier Monate bleiben, um etwas Geld zu verdienen. Aus Monaten wurden Jahre, aus Jahren ein ganzes Leben. Dragan blieb zunächst bei seinen Großeltern im Dorf und zog erst als Teenager nach Wien nach. Dort besuchte er eine der jugoslawischen Abendschulen, die es damals wegen der vielen Einwanderer in Österreich gab. Es folgten Ausbildung und ein intensives Berufsleben. „Aber die Verbindung zur Heimat haben wir immer gehalten“, betont Dragan.
Diese Abwanderung von Arbeitskräften entwickelte sich für die Heimatregionen zu einem regelrechten Konjunkturprogramm. Die „Gastarbeiter“ verbrachten nicht nur ihre Urlaube zu Hause bei Freunden und Familie, sie investierten auch einen Teil ihres Einkommens in ihrer Heimat. Überall in den Dörfern und Städten entstanden neue, stattliche Häuser. Man wollte ja auch zeigen, dass man es im Ausland zu etwas gebracht hat. Von diesem privaten Bauboom und dem stetigen Geldfluss profitierte schließlich auch die öffentliche Hand: Es konnte sichtbar in die lokale Infrastruktur investiert werden, was der gesamten Region einen Modernisierungsschub verpasste.
Den Eisernen Vorhang gab es nur in Rumänien, stellt Dragan klar. Aber er erinnert sich, dass man damals von jugoslawischer Seite aus mit einer Mischung aus Mitleid und Schrecken auf das Nachbarland blickte. Dragan erzählt von den verzweifelten Versuchen der Rumänen, im Winter über die gefrorene oder eiskalte Donau ins freiere Jugoslawien zu fliehen. „Viele sind durch die Kälte gestorben“, sagt er. Die rumänischen Grenzsoldaten schossen unbarmherzig auf ihre eigenen Leute. Manchmal ging die Brutalität noch weiter: Die rumänische Securitate-Geheimpolizei überquerte heimlich die Grenze, um Flüchtlinge in den serbischen Wäldern und Bergen zu jagen und zu töten. Wenn es ein Flüchtling jedoch lebend nach Kladovo schaffte, halfen die Einheimischen. Sie brachten die Menschen in Auffanglager, von wo aus viele später nach Amerika auswanderten.
Als in Rumänien 1989 die Revolution ausbrach, sammelten jugoslawische Schulkinder Süßigkeiten und andere Hilfsgüter, um den Nachbarn in der Not beizustehen. Heute hat sich das Blatt paradoxerweise gewendet. Rumänien ist Teil der Europäischen Union, während Serbien außen vor bleibt. Ein Umstand, der laut Dragans einheimischen Freunden zu einer neuen Arroganz auf der anderen Flussseite geführt hat. „Früher waren die Rumänen ganz klein und wurden bemitleidet. Seit sie in der EU sind, tragen manche die Nase weit oben. Aber im Grunde ist Serbien noch immer weiter entwickelt“, sagt er stolz.
Den Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren erlebte Dragan aus der sicheren Distanz in Wien. Selbst in Kriegszeiten verbrachte er seinen Urlaub in Serbien. „Hier im Osten haben wir vom Krieg wenig gespürt. Als Walache – eine rumänischsprachige Minderheit in Ostserbien – hatte er ohnehin immer eine vielschichtige Identität. Historisch gesehen war die walachische Identität in der Tito-Ära im offiziellen Leben kaum sichtbar; aus Pragmatismus gab man sich meist als Serbe aus. Dragans Großeltern sprachen zu Hause jedenfalls ausschließlich Rumänisch, er selbst fließend Serbisch und Deutsch.
Auch Dragan hat in Kladovo ein Grundstück erworben und sich vor gut 20 Jahren eine repräsentative Villa direkt am Donaustrand gebaut. Sein Motorboot, mit dem er die Donau erkundet, liegt ganz in der Nähe in einem Hafen. Heute nutzt Dragan, der inzwischen in Pension ist, das Beste aus beiden Welten. Den Sommer verbringt er in Kladovo und genießt die heißen Sommer und das entspannte Leben auf dem Balkan. Im Winter kehrt er wegen der Enkelkinder und der österreichischen Rente nach Wien zurück.
Was er an Serbien schätzt, ist der unerschütterliche Zusammenhalt der Familien, der im Westen oft verloren gegangen ist. Seine hochbetagten Eltern leben noch immer im alten Dorf, versorgt von seinem Bruder und einer bezahlten Pflegekraft im selben Haus. „In Österreich ziehen die Kinder mit 18 aus, man sieht sich sonntags für eine Stunde. Bei uns lebt man zusammen, hält zusammen, wirft alles in einen Topf. Das ist es, was das Leben hier ausmacht.“




