Wer entlang der Donau durch den Nationalpark Đerdap reist, blickt auf eine Landschaft von monumentaler Schönheit. Die über 100 Kilometer lange Flussschlucht – das berühmte „Eiserne Tor“ – bildet die größte und längste Flussklippenlandschaft Europas. Hier hat sich die Donau tief zwischen die steilen Felswände der Südkarpaten und des Balkangebirges eingeschnitten. Doch während der Fluss hier einst als Teil des Eisernen Vorhangs den Osten streng vom Westen trennte, bildet dieser geschützte Korridor heute ein Herzstück des European Green Belt (Europäisches Grünes Band), einem internationalen Naturschutznetzwerk, das wertvolle Lebensräume entlang der ehemaligen Grenzen verbindet.
Doch der Spagat zwischen dem Schutz einer jahrtausendealten Natur und der wirtschaftlichen Entwicklung der Region ist eine tägliche Herausforderung. Wie dieser Balanceakt in der Praxis aussieht, erklären Sara Stankovic (Biologin) und Sasa Nestorovic (Forstingenieur), die zum festen Team der Nationalparkverwaltung gehören.
Naturschutz als Wirtschaftsunternehmen
Obwohl der Schutz von Flora und Fauna eine ureigene staatliche Aufgabe ist, sieht die Realität im Nationalpark Đerdap anders aus als beispielsweise in deutschen Nationalparks wie dem Bayerischen Wald. Sasa Nestorovic weiß, wovon er spricht: Er hat den ältesten Nationalpark Deutschlands im Bayerischen Wald selbst besucht und ist über viele internationale Gremien gut in die europäische Naturschutzarbeit integriert.
95 Menschen arbeiten im 1974 gegründeten Nationalpark Đerdap, der seit 2020 Teil des ersten globalen UNESCO Geoparks Serbiens ist. „Doch wir müssen uns selbst finanzieren“, gibt der Forstingenieur zu bedenken. „Finanzielle Unterstützung vom Staat gibt es nur bei spezifischen Projekten“. Um das Budget für den Naturschutz zu sichern, agiert der Nationalpark wie ein reguläres Unternehmen mit verschiedenen Sparten wie Jagd, Waldwirtschaft und Fischerei. Der Park besteht zu etwa 80 Prozent aus Wäldern. „Die Holzwirtschaft ist also eine wichtige Einkommensquelle für uns“, erklärt Nestorovic. Um diesen Spagat zwischen wirtschaftlicher Nutzung und Naturschutz zu meistern, ist das riesige Areal, das zusammen mit dem Geopark rund 130.000 Hektar umfasst, in drei Schutzzonen unterteilt. Während in den Zonen 2 und 3 in den Bergen die kontrollierte Forstwirtschaft stattfindet und streng geregelte Auflagen gelten, ist die Zone 1 direkt am Wasser der absoluten Wildnis vorbehalten. Zusätzlich setzt die Parkverwaltung auf Eintrittsgelder und geführte Touren.
Obwohl es zu den Kernaufgaben gehört, Menschen die ökologischen Zusammenhänge zu erklären und Naturerlebnisse zu ermöglichen, reichen die touristischen Einnahmen bei weitem nicht aus. „Umso wichtiger ist es, immer wieder den überregionalen Wert des Nationalparks mit Fakten zu belegen“, ergänzt die Biologin Sara Stankovic. „Wir befassen uns intensiv mit der Erfassung der seltenen Tier- und Pflanzenwelt. Aktuell beobachten wir beispielsweise den Luchs intensiv und erforschen seltene Pflanzenarten, damit wir verlässliche Daten haben.“
Ökologische Wunden und die Rückkehr der Arten
Die Donau ist durch den Menschen stark verändert worden. Das größte ökologische Problem vor Ort ist das Wasserkraftwerk, das Ende der 1960er Jahre von Jugoslawien und Rumänien gemeinsam gebaut wurde. „Eine damals geplante Fischtreppe als Wanderhilfe für Fische aus dem Schwarzen Meer wurde bis heute nicht realisiert“, erklärt Sasa Nestorovic. Die Folgen für das Ökosystem sind fatal: „Das Wasserkraftwerk hat einige Fischsorten komplett gestoppt. Der Stör beispielsweise, der eigentlich aus dem Schwarzen Meer zum Laichen hierherkommen müsste, wandert kaum noch bis zu uns herauf. Nur ganz selten verirrt sich ein Fisch durch die Schleusen der Schiffe“, so der Experte. Vom Aussterben bedroht sind ebenfalls die Schleie (Tinca tinca), der Hecht (Esox lucius), die Rotfeder (Scardinius erythrophthalmus) und der kleine Stör (Huso ruthenus).
Zum Glück seien die Populationen anderer Arten wie Wels und Hecht weiterhin stabil. Bedrohte Donaufische sind heute streng geschützt und dürfen nicht gefangen werden. Da es in der unmittelbaren Region kaum Industrie gibt, hält sich die lokale Verschmutzung in Grenzen. „Das Problem liegt weiter flussaufwärts“, so die beiden Nationalparkmitarbeiter. Der gesamte Dreck aus den großen Metropolen von Wien über Budapest bis Belgrad und Novi Sad sammelt sich durch die Staustufe im Schlamm des Grundes an.
Diese Sedimente sinken durch die geringe Fließgeschwindigkeit zu Boden und verwandeln das Staubecken in eine Art riesige Klärwanne. Das hat eine paradoxe Folge: „Hinter dem Kraftwerk ist das Wasser wieder deutlich sauberer, weil der Damm wie ein riesiger Filter wirkt“, erklärt der Forstwissenschaftler. Doch der belastete Schlamm bleibt am Grund zurück und verändert das dortige Ökosystem dauerhaft.
Kein Massentourismus
Der Tourismus in der Region wächst sprunghaft – in den letzten Jahren verzeichnete der Park jährlich ein Besucherplus von 10 bis 15 Prozent. Die Werbung funktioniert in erster Linie durch Mundpropaganda und soziale Medien. Während die etwa 60 Kilometer entfernte mittelalterliche Burg in Golubac jährlich rund 200.000 Menschen anzieht und die archäologische Fundstätte Lepenski Vir mit den Relikten einer rund 10.000 Jahre alten Steinzeitsiedlung rund 60.000 Besucher zählt, kommen direkt über den Wasserweg per Kreuzfahrtschiff ebenfalls etwa 60.000 Touristen an.
Ein Konflikt zwischen Naturschutz und Tourismus wird im Park im Moment nicht gesehen. Im Gegenteil: „Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft, und die Region wünscht sich, dass noch mehr Menschen diese einmalige Landschaft erleben“, so Sasa Nestorovic. Er stellt aber auch klar: „Wir wollen hier keinen Massentourismus wie in der Postojna-Höhle in Slowenien, wo eine Million Menschen durchgeschleust werden. Unsere Zielgruppe sind Individualtouristen – Wanderer, Naturbegeisterte und Fahrradfahrer, die bereit sind, auch mal fünf Kilometer zu Fuß zu einem Aussichtspunkt zu laufen. So bleibt die Natur geschützt.“
Kooperation entlang der Donau
Das Besondere am Nationalpark Đerdap ist die Symbiose aus Natur und jahrtausendealter Kultur. Auf der serbischen Seite gilt der strenge Schutzstatus des Nationalparks bis zur Flussmitte. Direkt gegenüber, auf der rumänischen Seite, liegt ebenfalls ein Naturpark – allerdings mit deutlich weniger strengen Auflagen und einer sichtbar dichteren Bebauung am Ufer.
Die Idee des gemeinsamen Green Belts hinkt der Realität hier noch etwas hinterher. Sasa Nestorovic erinnert sich zwar, dass es vor rund 20 Jahren schon einmal erste Konferenzen und Initiativen zum Grünen Band vor Ort gab. Doch bis heute ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit ausbaufähig: Es gibt vor allem offizielle Treffen und gegenseitige Einladungen, aber noch keine tiefgreifenden, gemeinsamen Projekte zum Schutz des Flusses. Ein großes Ziel der Parkverwaltung bleibt es daher, die Kooperation der zehn Donauanrainerstaaten – von Deutschland bis zum Schwarzen Meer – enger zu verzahnen, um touristische und ökologische Informationen fließend weiterzugeben.
Ein riesiger Katalysator für die gesamte Region könnte die Weltausstellung EXPO 2027 in Belgrad sein. Reiseagenturen arbeiten bereits unter Hochdruck daran, die verschiedenen Highlights entlang des Flusses zu mehrtägigen Ausflugspaketen zu verknüpfen. Die Park-Verantwortlichen hoffen, dass dieser Impuls einen nachhaltigen, sanften Tourismus-Boom auslöst, von dem die Region und der Nationalpark dauerhaft profitieren.





