Was macht es mit einer jungen Frau, wenn sie plötzlich nicht mehr in Slowenien leben kann und dafür Serbin werden soll? Die Lebensgeschichte von Milena Vasić ist untrennbar mit den geopolitischen Umbrüchen und traumatischen Konflikten des ehemaligen Jugoslawiens verbunden. Die Jugoslawienkriege haben ihr die Jugend geraubt, resümiert sie heute.
Milenas Eltern stammten ursprünglich beide aus Serbien. Ihr Vater trat jedoch 1969 in die jugoslawische Volksarmee ein und wurde im Zuge dessen nach Slowenien versetzt. Milena kam 1974 in Ljubljana zur Welt, verlebte dort ihre gesamte Kindheit und schloss sowohl die Grundschule als auch die ersten Jahre der weiterführenden Schule ab. Für Milena und ihre Familie spielte es damals keine Rolle, ob sie in Slowenien oder Serbien lebten – es war alles ein gemeinsames Land, Jugoslawien. Die Sommerferien verbrachten sie regelmäßig bei den Großeltern in Westserbien. Dort bauten sich ihre Eltern auch Ende der 1980er-Jahre ein kleines Wochenendhaus auf.
Als Milena 16 Jahre alt war, bot man ihr in Slowenien an, die slowenische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Da sie noch minderjährig war, hätte ihr Vater der Entscheidung zustimmen müssen. Doch er wollte dem nicht vorgreifen: Sie solle warten, bis sie die Volljährigkeit erreicht hat, um dann ganz unabhängig und selbstbestimmt zu entscheiden. Zu dieser eigenen Wahl kam es jedoch nicht mehr – die Geschichte holte die Familie ein.
Dieses Wochenendhaus wurde 1991 von einem Tag auf den anderen zu ihrem dauerhaften Zufluchtsort. Mit dem Ausbruch des slowenischen Unabhängigkeitskrieges geriet die Familie in eine existenzielle Krise. Da der Vater als serbischer Offizier in der Armee bleiben wollte, war ein Verbleib im sich abspaltenden Slowenien unmöglich. Innerhalb kürzester Zeit musste die damals 17-jährige Milena zusammen mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester das Land verlassen. Dank des bereits existierenden Wochenendhauses entgingen sie dem Schicksal unzähliger anderer Kriegsflüchtlinge aus allen Teilen des zerfallenden Jugoslawiens, die alles verloren hatten und über Jahrzehnte hinweg obdachlos blieben. Dennoch wog der plötzliche Verlust der gewohnten Heimat und des gesamten bisherigen Lebens schwer.
Identitätskrise und psychische Belastungen
Nach der Flucht begann für die 17-Jährige eine Zeit extremer Ungewissheit und Isolation. Ihr Vater wurde direkt an die Front in den Krieg zwischen Serbien und Kroatien geschickt. Über sechs Monate hinweg hatte die Familie keinerlei Kontakt zu ihm und wusste nicht, ob er noch am Leben war.
Zusätzlich zur ständigen Todesangst um den Vater kam eine enorme familiäre Verantwortung auf Milena zu: Ihre Mutter war kurz vor der Flucht an Krebs operiert worden, litt unter schweren Depressionen und war traumatisiert. Milena musste für die weiterführende Schule in die nächstgrößere Stadt zur Tante ziehen, fühlte sich jedoch völlig entwurzelt. Sie befand sich in einer tiefen Identitätskrise: In Slowenien galt sie als Serbin, in Serbien fühlte sie sich nicht zugehörig. „Am Anfang konnte ich überhaupt nicht sagen, dass ich aus Slowenien stamme, aber da ich noch keine neuen Wurzeln hatte, konnte ich auch nicht sagen, dass ich aus Serbien bin“, beschreibt sie ihre Zerrissenheit.
In der neuen Umgebung fand sie kaum Freunde. Sie versuchte, zu funktionieren und möglichst nicht aufzufallen, da sie den großen Druck spürte, ihren Eltern nicht noch zusätzlichen Kummer zu bereiten. Aber die seelische Last wurde schließlich zu groß. Sie musste ihr anschließendes Universitätsstudium der Wirtschaftswissenschaften in Belgrad für ein Jahr unterbrechen – ein Umstand, für den sie sich damals schämte. An professionelle psychologische Hilfe war in den Wirren der Nachkriegszeit für die traumatisierten Jugendlichen nicht zu denken. Und auch ihre Eltern konnten aufgrund ihrer eigenen Überforderung nicht helfen.
Schließlich fand sie jedoch die Kraft, ihr Studium fortzusetzen und erfolgreich abzuschließen. „Ich wollte meine Jugend diesem Kriegstrauma nicht opfern. Stattdessen verspürte ich den Willen, mein Leben zu gestalten. Das hat mir Kraft gegeben, mich langsam aus dieser Situation herauszuarbeiten“, erinnert sie sich. „Aber es war ein langer und schwieriger Kampf.“
Als der Vater nach anderthalb Jahren traumatisiert und stark verändert aus dem Krieg heimkehrte, fand er keinen Platz mehr in der Armee und ging vorzeitig in den Ruhestand. „Über seine Erlebnisse an der Front sprach er nie, er war jedoch psychisch permanent im Alarmmodus“, so Milena. Um sich eine neue Existenz aufzubauen, gründeten die Eltern eine kleine, professionelle Landwirtschaft und bauten Himbeeren an. Milena glaubt, dass die gemeinsame körperliche Arbeit ihren Eltern geholfen hat, mit ihrem eigenen Trauma fertig zu werden.
Vom Suchen und Finden
Obwohl sie Wirtschaftswissenschaften studiert hatte, schlug Milena zunächst eine Laufbahn im Bildungswesen ein. „Schon als Kind half ich meinen Mitschülern beim Lernen. Dieses Talent entdeckte ich schon früh. Von daher war Lehrerin mein Traumberuf.“
Bis zum Jahr 2022 arbeitete sie mit großer Leidenschaft an einer Schule. Sie liebte die Arbeit mit jungen Menschen und war stolz auf deren spätere Erfolge im Leben. In dieser Zeit gründete sie auch ihre eigene Familie und heiratete einen Serben aus Ostserbien. Erst durch diesen Schritt und das gemeinsame Leben fand sie nach den langen Jahren der Zerrissenheit endlich emotionalen Halt. „Als ich meine eigene Familie hier in Serbien gründete, konnte ich akzeptieren, dass ich Serbin bin“, sagt sie heute rückblickend. Ihre tiefe Identitätskrise löste sich damit auf.
Im Jahr 2022 folgte dann eine erneute, diesmal jedoch selbstbestimmte Wende in ihrem Leben. Die Familie kaufte sich in der ostserbischen Heimat ihres Mannes – mitten im Nationalpark Đerdap bei Dobra – ein Stück Land direkt an der Donau und baute dort den Campingplatz „Asin“ auf. Da sich ein solches Projekt aus der Ferne von Belgrad aus kaum professionalisieren ließ, traf Milena eine mutige Entscheidung: Sie kündigte ihren sicheren Job an der Schule und übernahm das Management des Platzes. Für sie schließt sich hier ein Kreis: Der mächtige Fluss, der in ihrer Jugend eine scharfe Trennlinie und Grenze war, ist für sie heute zu einem Ort der friedlichen Begegnung für Menschen aus aller Welt geworden.
Heute verbringt Milena sechs Monate im Jahr auf dem Campingplatz inmitten der Natur im Nationalpark Đerdap. Sie ist die gute Seele des Platzes und immer um das Wohl ihrer Gäste bemüht. Manchmal empfindet sie die Arbeit im Sommer als einsam und intensiv, da sie sieben Tage die Woche als Gastgeberin präsent sein muss und kaum Zeit für eigene Hobbys wie Radfahren oder Wandern findet. „Jeder, der hier ankommt, soll herzlich empfangen werden und nicht warten müssen“, formuliert sie ihren Anspruch. „Dafür wache ich morgens mit Vogelgesang auf und habe Menschen von allen Kontinenten der Erde zu Gast.“
Die Wintermonate verbringt Milena in Belgrad. Dort genießt sie, es Zeit zu haben – für sich, für die Familie, für Freunde und zum Kraft tanken für die nächste Sommersaison an der Donau.
Geschichte und die Ursachen des Konflikts
Auf die heutige politische Situation blickt Milena differenziert. Sie bedauert den Zerfall Jugoslawiens, da ihre Generation in dem gemeinsamen Staat wirtschaftlich und sozial sicherer gelebt habe. Wenn Milena heute nach den Gründen für den Ausbruch des Krieges sucht, sieht sie eine Mischung aus wirtschaftlichen Gefällen, historischen Wunden und einem Mangel an politischer Führung. Slowenien war historisch – auch durch den österreichisch-ungarischen Einfluss – wirtschaftlich deutlich weiter entwickelt, disziplinierter und besser organisiert als beispielsweise der Süden Serbiens oder Mazedonien. Da im sozialistischen Jugoslawien alle Republiken in denselben Haushalt einzahlten, aus dem wiederum die ärmeren Regionen subventioniert wurden, entstand auf slowenischer Seite zunehmend Unmut. Man wollte diese finanzielle Last nicht mehr tragen und strebte nach Unabhängigkeit. Erschwerend kam hinzu, dass die damaligen Präsidenten der Teilrepubliken keine gemeinsame, tragfähige Zukunftsvision entwickelten. Statt die Konflikte – wie etwa die Kosovo-Frage – politisch zu lösen, ließen die Machthaber den Staat kollabieren, angetrieben von den mächtigen Interessen einzelner Parteien.
Für die Zukunft plädiert sie dafür, dass die Nachbarländer des Balkans einen Weg des Respekts finden: „Wir müssen uns nicht lieben, aber wir müssen uns respektieren.“ Bezüglich eines EU-Beitritts Serbiens äußert sie sich zurückhaltend, betont jedoch, dass Serbien geografisch und kulturell absolut zu Europa gehört. Die Donau sieht sie heute als verbindendes Element zwischen zehn Ländern, das die Menschen dazu zwingt, Toleranz zu üben und gemeinsam ökologische Verantwortung zu übernehmen. Dazu versucht sie auf ihrem Campingplatz jeden Tag einen Beitrag zu leisten.
Milenas wichtigste Botschaft aus ihrer eigenen Lebensgeschichte ist von großer Resilienz geprägt: „Von einem Tag auf den anderen kannst du alles verlieren, was dir Sicherheit gibt. Man weiß nie, was am nächsten Tag passiert. Deshalb muss man dankbar und zufrieden sein, wenn man gesund ist und eine gesunde Familie hat.“




