Wer Gino Rado heute in den Räumen des Memorialul Revoluției (Revolutionsgedenkstätte) in Timișoara erlebt, trifft auf einen Mann, dessen Lebensweg untrennbar mit der jüngsten Geschichte Rumäniens verwoben ist. Als Historiker, Buchautor, Präsident der von Memorialul Revoluției und Leiter eines einzigartigen Dokumentations- und Forschungszentrums widmet er sein Leben der Erforschung und Bewahrung der Erinnerung an die rumänische Revolution von 1989. Doch Rados Weg in die Geschichtswissenschaft war alles andere als vorgezeichnet: Vor über 35 Jahren reparierte er noch schwere Traktoren.
Die Transformation vom gelernten Landmaschinenmechaniker zum Hüter des kollektiven Gedächtnisses einer Nation zeigt, wie der Sog der Geschichte im Dezember 1989 ganz Rumänien erfasste und Lebensläufe über Nacht neu schrieb.
Der Funke von Timișoara
Dass die Revolution gegen das brutale Ceaușescu-Regime ausgerechnet in Timișoara ihren Anfang nahm, war für Gino Rado kein Zufall. Die Stadt im Banat war durch ihre geografische Nähe zu Jugoslawien und Ungarn schon immer ein Fenster zum Westen. In Timișoara habe es damals weniger Stromabschaltungen und vor allem mehr Durchblick als im Rest des Landes gegeben, erklärt er. Die Menschen empfingen jugoslawisches Fernsehen, sahen die Bilder vom Fall des Eisernen Vorhangs in Mitteleuropa. Ein weiterer Vorteil war zudem der sogenannte „Kleine Pass“ (Micul Trafic): Wer wie Rado in der Grenzzone lebte, besaß dieses Dokument für den kleinen Grenzverkehr und durfte regelmäßig nach Jugoslawien reisen. „Wir wussten genau, wie die Menschen im Westen lebten“, erinnert sich Rado, „und wir wollten dieses Leben auch.“ Dieses Wissen um die Freiheit im Ausland wirkte in Timișoara wie ein Beschleuniger.
Als das Regime Mitte Dezember beschloss, den unbequemen reformierten Pfarrer László Tőkés zwangsweise zu versetzen, formierte sich offener Protest. Am 16. Dezember blockierten Demonstranten die Straßenbahnen in der Nähe der Kirche. Ein junger Mann stieg aus der Bahn und rief laut, was bis dahin nur im Verborgenen geflüstert wurde: „Freiheit! Nieder mit dem Kommunismus!“ Es war das erste Mal, dass dieser Ruf laut über die Straßen hallte.
Gino Rado, damals ein junger Mann Anfang 20, der in einem nahegelegenen Dorf lebte, hörte am darauffolgenden Montag über das Radio von den Unruhen und fuhr sofort in die Stadt. Was er dort sah, veränderte sein Leben für immer: Militär, Panzer auf den Straßen und Soldaten, die auf das eigene Volk schossen. „Es war mein Land, mein Volk, meine rumänischen Soldaten, die auf unsere Leute schossen“, schildert er das Trauma und die gleichzeitige Solidarität dieses Moments. Rado schloss sich den Demonstranten an. Die Todesangst war real, doch der tief sitzende Wunsch nach Gerechtigkeit und Freiheit, den er schon als Kind beim Lesen von Heldengeschichten verspürt hatte, war stärker.
Am 20. Dezember schrieben die Arbeiter von Timișoara Geschichte: Sie legten die Fabriken lahm, zwangen die Armee zum Rückzug in die Kasernen und erklärten Timișoara zur ersten Kommunismus freien Stadt Rumäniens.
Doch die Gefahr war nicht vorbei. Selbst an Weihnachten 1989, als Ceaușescu bereits gestürzt und hingerichtet war, patrouillierte der 22-Jährige mit einem Maschinengewehr in der Hand, um seinen Betrieb vor mutmaßlichen Terroristen der berüchtigten Geheimpolizei Securitate zu schützen. Eine Zeit der extremen Manipulation und Paranoia.
Vom Traktor zur Zeitgeschichte
Nach dem Sturz Ceaușescus kehrte Rado der Mechanik dauerhaft den Rücken. Die neue Freiheit brachte jedoch zunächst Enttäuschung: Die Macht wurde von ehemaligen Zweite-Reihe-Kommunisten übernommen, die das System nur oberflächlich reformieren wollten. Rado engagierte sich daraufhin in der Bürgerrechtsbewegung Alianța Civică, der größten zivilgesellschaftlichen Organisation des Landes, und leitete jahrelang deren Sektion in Timișoara.
1994 begann das Mammutprojekt, das zu seiner Lebensaufgabe werden sollte. Schritt für Schritt baute Rado ab 1996 – zunächst als Vizepräsident, heute als Leiter – das Memorialul Revoluției auf. Aus bescheidenen Anfängen entstand ein nationales Dokumentationszentrum und ein eigener Verlag. Das Team sammelte Justizakten, rettete Dokumente und hielt die Augenzeugenberichte von Revolutionären fest. Parallel zu diesem unermüdlichen zivilgesellschaftlichen Einsatz holte Rado seine akademische Ausbildung nach, machte seinen Highschool-Abschluss und arbeitet heute, im Alter von 59 Jahren, an seiner Promotion in Geschichtswissenschaften. Das Thema seiner Doktorarbeit: Die rumänische Revolution im kollektiven Gedächtnis.
Erinnerung und Verpflichtung
Rados akademische und museale Arbeit rührt an einen wunden Punkt der rumänischen Gesellschaft: das oft widersprüchliche und komplizierte kollektive Gedächtnis. Er stellt fest, dass heute selbst unter denjenigen, die damals unter der bitteren Armut, dem Hunger und der totalen Unterdrückung litten, eine Form der Verklärung der kommunistischen Ära existiert. „Unsere Erinnerung ist sehr kompliziert“, erklärt er mit Blick auf psychologische Verdrängungsmechanismen.
Genau hier sieht die Gedenkstätte ihre wichtigste Verpflichtung. In Rumäniens Schulbüchern wird die jüngste Geschichte und die Revolution oft nur auf wenigen Seiten abgehandelt. Rados Institution füllt diese Lücke durch Bildungsarbeit für Schulklassen und internationale Besucher. In Ausstellungen thematisiert das Gedenkstättenteam Deportationen (wie die Verschleppung von 40.000 Menschen aus dem Banat in die Bărăgan-Steppe im Jahr 1951), die Zwangskollektivierung und die Verbrechen der Securitate.
Besonders drastisch schildert das Museum auch das Schicksal derjenigen, die versuchten, über die Donau nach Jugoslawien zu fliehen. Rado berichtet von den grausamen Abkommen jener Zeit: Gefasste rumänische Flüchtlinge wurden von den jugoslawischen Behörden im Tausch gegen rumänisches Salz aus den Minen wieder an das Ceaușescu-Regime ausgeliefert – viele wurden an den Grenzen erschossen.
Für Rado ist diese historische Aufklärung kein Selbstzweck, sondern ein Schutzschild für die Demokratie in einer Zeit, in der ganz Europa vom Rechtsextremismus und Populismus bedroht wird. „Wenn man die Vergangenheit nicht versteht, kann man nicht erkennen, wenn man in der Gegenwart in die falsche Richtung läuft. Wer keine historischen Grundlagen hat, ist extrem leicht zu manipulieren.“
Freiheit ist nicht umsonst
Trotz der enormen Bedeutung ist die Arbeit des Gedenkzentrums ein täglicher Überlebenskampf. Mit einem jährlichen Budget von umgerechnet gerade einmal rund 200.000 Euro leiten Rado und seine zwölf Mitarbeiter die Institution am Rande des Möglichen. Die Anerkennung ist international groß – es bestehen enge Partnerschaften mit Museen und Stiftungen in Berlin, Budapest, Tirana und Chișinău –, doch die lokale politische Unterstützung im eigenen Land bleibt spärlich. Dennoch weigert sich Rado, den Eintritt für bedürftige Einheimische oder Schulklassen drastisch zu erhöhen.
35 Jahre nach den Ereignissen zieht Gino Rado eine realistische Bilanz. Zwar seien die utopischen Erwartungen von 1989 in der Realität nicht vollständig erfüllt worden, und das Land habe durch die Abwanderung von Millionen Menschen – darunter die am besten ausgebildeten Ärzte und Akademiker – einen hohen Preis gezahlt. Doch der Gewinn an Freiheit und Demokratie sei unbezahlbar.
Hoffnung schöpft der überzeugte Optimist aus zwei Entwicklungen: Zum einen kehren vermehrt Rumänen aus dem westlichen Ausland zurück und bringen neue, europäische Mentalitäten und Gründergeist mit. Zum anderen sieht er den einzig richtigen Weg für sein Land in einer noch engeren Kooperation innerhalb der Europäischen Union. Gino Rados Motivation bleibt dabei unerschüttert: Den jungen Generationen, die die Freiheit von heute als selbstverständlich erachten, vor Augen zu führen, welches Privileg sie genießen – und welchen Preis die Helden von 1989 dafür bezahlt haben.







