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Mit dem Fahrrad durch die Geschichte

 

Für die meisten Menschen bedeutet EU-Bürokratie trockene Aktenberge. Für Monica Ivan ist sie der Schlüssel, um die verborgenen Schätze ihrer Heimat zum Leben zu erwecken. Im Kreis Timiș verwandelt sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Eva Fenyvesi europäische Fördergelder in lebendige Geschichte. Für eine grenzüberschreitende Radtour zwischen Rumänien und Serbien kamen an einem heißen Samstag etwa 40 Menschen mit Rad, um ihre Heimat besser kennenzulernen.

 

Eine Region, die durch Geschichten glänzt

 

Mit Begeisterung verlässt sie ihr Büro in der Kreisverwaltung, organisiert zum Beispiel Radtouren und bringt Menschen zusammen. Für sie ist es kein gewöhnlicher Verwaltungsjob. „Es ist tatsächlich eine Leidenschaft, denn ich liebe das Radfahren“, erzählt die 53-jährige, die sich selbst als PR-Expertin bezeichnet. „Meine Kollegin und ich, wir lieben unsere Region und glauben, dass sie es verdient, entdeckt zu werden. Und der beste Weg, eine Region zu entdecken, ist, mit dem Fahrrad durch sie hindurchzufahren.“

 

Dabei ist das Banat – eine historische Region im Westen Rumäniens – auf den ersten Blick kein klassisches Postkarten-Idyll. Es gibt hier keine spektakulären Bergketten und die touristische Infrastruktur steckt noch in den Kinderschuhen. Stattdessen prägen endlose Felder und schachbrettartig angelegte, weitläufige Dörfer das Landschaftsbild. Doch genau hier setzen Monica und ihr Team an. Sie verwandeln die vermeintlichen Schwachstellen der Region in ihre größten Stärken.

 

„Wir haben lokale Geschichten, engagierte Menschen und multikulturelle Gemeinschaften“, erklärt Ivan. Statt künstliche Attraktionen zu schaffen, aktivieren sie die Menschen vor Ort. Die Dorfgemeinschaften werden ermutigt, selbst ins Rampenlicht zu treten und zu Botschaftern ihrer eigenen Geschichte zu werden. Für Monica steht fest: „Geschichten können als eine Art Infrastruktur betrachtet werden. Sie bringen die Menschen dazu, anzuhalten und die lokale Atmosphäre zu erleben.“

 

Erinnerungskultur auf zwei Rädern

 

Wie erfolgreich dieser Ansatz ist, bewies das kürzlich abgeschlossene EU-Projekt „Inclusive Border Cycling“ (IBC). Entlang des rumänischen Abschnitts des Iron Curtain Trails/EuroVelo 13 wurden die bewegenden Geschichten der Grenzgemeinden dokumentiert. Es geht zum Beispiel um Deportationen in die Bărăgan-Steppe, illegale Grenzdurchbrüche während des Kommunismus und das friedliche Zusammenleben verschiedener Ethnien.

 

Bei vier geführten Touren rund um Jimbolia kamen die Radfahrer direkt mit Zeitzeugen ins Gespräch. „Wir hatten lokale Bewohner, die von Ereignissen erzählten, die sie selbst erlebt haben“, erinnert sich Monica Ivan. „Eine ältere Dame, deren Familie deportiert wurde, oder ein Mann, der zu kommunistischen Zeiten illegal die Grenze überquerte und im Gefängnis landete. Die Menschen kamen und teilten ihre persönlichen Erfahrungen.“

 

Für Monica ist dieses Projekt eine Herzensangelegenheit, da sie die Entbehrungen während des kommunistischen Regimes noch selbst miterlebt hat: „Ich erinnere mich noch daran, wie ich stundenlang für etwas zu essen anstehen musste. Es ist sehr wichtig, diese Zeiten nicht zu vergessen und wertzuschätzen, was wir heute haben.“ Diese generationenübergreifende Erinnerungskultur hat auch international für Aufsehen gesorgt: Das IBC-Projekt wurde als europäisches „Flaggschiff-Projekt“ für den Zeitraum 2025–2026 ausgezeichnet und auf der Velo-city 2026-Konferenz als Best-Practice-Beispiel präsentiert. Die gesammelten Berichte und Geschichten wurden außerdem in einem Buch und auf der Online-Plattform www.velotimis.ro/en veröffentlicht.

 

Für Monica geht nachhaltiger Tourismus weit über den Bau von Radwegen hinaus; es ist ein Werkzeug der Erinnerungskultur und der Völkerverständigung. So sind auch zwei Gedenkorte direkt an der Route Teil des Konzeptes. Einer erinnert an all jener, die während des kommunistischen Regimes unter Einsatz ihres Lebens die Flucht in die Freiheit wagten. Der andere zeigt die wechselvolle Geschichte und die kulturelle Vielfalt der Region.

 

Neue Wege für die Region

 

Der Erfolg des ersten Projekts war jedoch erst der Anfang. Seit August 2025 läuft bereits die nächste Initiative: das rumänisch-serbische Grenzübergangsprojekt Cycling ROSE“. Hierbei geht es darum, das Radverkehrsnetz der Region strategisch auszubauen und wirtschaftliche Impulse für die ländlichen Räume zu setzen.  

 

So entstehen fünf neue Radrouten, die direkt an den europäischen EuroVelo 13-Radweg anknüpfen und Touristen dazu einladen, ihren Aufenthalt in der Region zu verlängern. Ein Themen- und Bildungsweg ist entlang des Bega-Kanals, der den rumänischen Fluss Bega mit der serbischen Fluss Theiß verbindet. Hier soll es um die regionale Geschichte und Ökologie gehen. Ein anderer Themenweg wird die Ära des Kommunismus beleuchten. Neben der Schaffung von Infrastruktur durch moderne Rastplätze für Radfahrer setzen die Projektverantwortlichen auch auf eine fundierte Datengrundlage. An Schlüsselpositionen installierte Fahrradzähler sollen präzise Daten liefern, mit denen Monica und ihr Team den Entscheidungsträgern schwarz auf weiß beweisen wollen, dass der Radtourismus ein relevanter Wirtschaftsfaktor ist, der bei zukünftigen Investitionen priorisiert werden muss.

 

Besonders am Herzen liegt Monica dabei die Unterstützung der lokalen Erzeuger. Während Länder wie Deutschland oder Österreich eine lange Tradition in der Direktvermarktung haben, müssen die Produzenten im Banat oft erst lernen, ihre Dienstleistungen und Produkte effektiv zu bewerben. Auch hier soll die digitale Plattform velotimiș künftig als zentraler Wegweiser dienen, der Routen, Sehenswürdigkeiten, lokale Geschichten und kleine Betriebe an einem Ort bündelt.

 

„Für die Menschen in den ländlichen Regionen, in denen es oft nicht viele Einkommensquellen gibt, kann der Fahrradtourismus einen echten finanziellen Aufschwung bedeuten“, ist sich Monica sicher. Mit ihrem unermüdlichen Einsatz beweist sie, dass europäische Projekte weit mehr sein können als reine Bürokratie: Sie sind ein Werkzeug, um Menschen über Ländergrenzen hinweg zu verbinden, Identität zu stiften und die eigene Heimat mit Stolz europaweit sichtbar zu machen.