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Geschichten gegen das Vergessen

 

Wer mit dem Fahrrad durch das sanfte, schier endlose Flachland des Banats fährt, sieht weite Felder bis zum Horizont und Dörfer, die im 18. Jahrhundert von habsburgischen Baumeistern auf dem Reißbrett konstruiert wurden. Ihre schnurgeraden, rechteckigen Grundrisse und die auffallend weitläufigen Straßenzüge prägen das Bild: Vor den typischen, langgestreckten Häusern erstrecken sich breite, grasbewachsene Grünstreifen, die den Orten eine ganz eigene Großzügigkeit verleihen.

 

Doch hinter dieser ländlichen Idylle verbergen sich die tiefen, oft schmerzhaften Brüche der jüngeren Vergangenheit. Sergiu Dema, Leiter des Kulturhauses in Jimbolia, steht im Schatten alter Bäume und blickt auf die Radfahrer, die an einem grenzüberschreitenden Fahrradevent teilnehmen. „Wir müssen aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen“, sagt der Theologe und Storyteller. „Nur so wissen wir, welche Entscheidungen wir in der Gegenwart für eine bessere Zukunft treffen müssen.“

 

Dema ist kein klassischer Historiker – er wurde es, wie er selbst sagt, durch seine berufliche Arbeit. Für regionale Kulturprojekte und Ausstellungen zur Regionalgeschichte betrieb er jahrelang Forschungsarbeit und spürte dabei den Biografien von ehemaligen Bewohnern des Banats nach. Das Pressemuseum in Jimbolia ist dafür eine wichtige Quelle und ein enger Kooperationspartner. Sein Ziel ist es, das historische Erbe des Banats zum Leben zu erwecken und für die Nachwelt zu erhalten. Für Dema ist Geschichte kein starres Konstrukt für Museumsregale, sondern ein lebendiger Kompass. Gerade in einer Region, in der das jahrhundertelange Zusammenleben von Rumänen, Ungarn und Deutschen durch die Ereignisse des 20. Jahrhunderts brutal zerrissen wurde, sieht er seine Arbeit als dringende Friedensmission.

 

Sein Wirken gewinnt in der heutigen Zeit eine neue, beunruhigende Relevanz: Während europäische Fördermittel und gemeinsame Radwege die physischen Grenzen abbauen, spürt Dema in den Köpfen der Menschen wieder neue, metaphorische Zäune wachsen. Angetrieben von einer spürbaren Ost-Nostalgie und moderner Desinformation gewinnen nationalistische und europafeindliche Narrative sowohl in Serbien als auch in Rumänien wieder an Boden. Genau hier setzt der Theologe an: Er will den manipulativen Mechanismen von damals und heute die nackte, ungeschönte Wahrheit entgegensetzen. Wenn er junge Menschen und internationales Publikum durch Ausstellungen führt, konfrontiert er verklärte Erinnerungen ganz bewusst mit den historischen Fakten von Enteignung, Unfreiheit und Leid während der kommunistischen Ära.

 

Die Stationen der grenzüberschreitenden Radtour nutzt Dema deshalb als Freiluftbühne, um die traumatische und oft verdrängte Geschichte der Grenzregion um Jimbolia im rumänischen Banat greifbar zu machen. Seine Erzählungen sind keine trockenen Vorträge, sondern Mahnungen; es sind historische Ereignisse, die von Hass, Propaganda und dem verzweifelten Drang nach Freiheit handeln – und von der Hoffnung, dass das Verbindende am Ende stärker ist als jede Trennung.

 

Ins sowjetische Arbeitslager (1945)

 

Die erste Geschichte spielt sich am Ende des Zweiten Weltkriegs ab. Im Januar 1945 marschierten die sowjetische Armee und rumänischen Sicherheitskräfte von Haus zu Haus, um die deutsche Bevölkerung des Banats pauschal für die Verbrechen Nazideutschlands zu bestrafen. „Nicht alle Deutschen waren Nazis“, betont Dema und verweist auf ein Denkmal in Jimbolia für sechs lokale Deutsche, die von der Wehrmacht hingerichtet wurden, weil sie sich Hitler widersetzten.

 

Dennoch ordnete Stalin die Deportation von rund 70.000 Deutschen in sowjetische Arbeitslager an. Dema teilt die Erinnerungen von zwei verschiedenen Kindern aus jener Zeit. Ein Augenzeuge war der junge Josef Koch, der mitansehen musste, wie seine Mutter abtransportiert wurde. Sie überlebte das Arbeitslager in Dnipropetrowsk in der heutigen Ukraine nicht, hinterließ jedoch einen Abschiedsbrief an ihre Schwester, den sie aus dem Waggonfenster warf und der noch heute existiert: „Bitte kümmere dich um meine beiden Jungs...“

 

Deportation in die Bărăgan-Steppe (1951)

 

Nur sechs Jahre später traf es die nächste Gruppe. Im Jahr 1951 eskalierte der Konflikt zwischen Stalin und dem jugoslawischen Staatschef Tito. In den rumänischen Zeitungen lief eine bizarre Propaganda-Kampagne, die Tito als „Neo-Nazi“ mit Dollarzeichen und Hakenkreuzen auf der Militärmütze zeigte.

 

Aus Angst vor einem Krieg deportierte das rumänische Regime über Nacht mehr als 40.000 Menschen aus dem 25-Kilometer-Grenzstreifen zum damaligen Jugoslawien. Dema schätzt, dass das ein Zehntel der gesamten Bevölkerung in der Region gewesen sein könnte. Betroffen waren Serben, Rumänen, verbliebene Deutsche und andere Ethnien. Sie wurden in die karge, glühend heiße Bărăgan-Steppe verschleppt – ein weites Ödland, das sich nur für den Anbau bestimmter Kulturpflanzen eignet. Man setzte sie im Nirgendwo aus. Wer Glück hatte, baute sich aus dem wenigen Hab und Gut wie vier mitgebrachten Stühlen und einer Plane ein erstes Dach; andere gruben sich wie Tiere in die Erde, um Schutz zu suchen. Am Ende bauten sich alle Erdhütten und fingen danach an, Häuser aus Lehm zu errichten.

 

Die tödliche Grenze (1970er/1980er)

 

Die letzte Story beschreibt die Jahre, in denen Rumänien unter Ceaușescu zu einem hermetisch abgeriegelten Gefängnis für die eigenen Bürger wurde. Wer eine Kostprobe der Freiheit wollte, und sei es nur der Geschmack einer Coca-Cola im nahen Jugoslawien, musste sein Leben riskieren.

 

„Die Menschen versuchten alles, um zu entkommen“, berichtet Dema. Einige versteckten sich im Korntank von Erntemaschinen und warteten, bis die Maschine nahe genug an der Grenzlinie war, um dann herauszuspringen und in Richtung Jugoslawien zu rennen. Zehn Arbeiter der Ziegeleifabrik in Jimbolia kaperten sogar die werkseigene Lokomotive und rammten sich damit über die Grenze. Viele Grenzgänger wurden von rumänischen Soldaten kaltblütig erschossen, andere in jugoslawischen Lagern inhaftiert und an Rumänien ausgeliefert. Dort wartete brutale Folter: Dema berichtet von Häftlingen, die nackt in Kisten mit Mäusen gesperrt wurden, damit die Tiere sie vor Angst bissen.

 

Am Ende der Tour richtet Sergiu Dema einen eindringlichen Appell an die Gruppe. Er verbindet die Vergangenheit direkt mit der Gegenwart: „Wir müssen uns der Frage stellen: Wer sind wir, warum sind wir heute hier und wie kommt es, dass wir überhaupt so friedlich zusammenkommen können? Wir müssen die Gründe kennen, die uns verbinden.“

 

Er fordert die Teilnehmenden auf, diesen Dialog fortzusetzen und sowohl in Rumänien als auch in Serbien offen über die eigene Geschichte zu sprechen. Zum Schluss erzählt er von spanischen Gästen, die ihm Fotos von der traditionellen Wurstherstellung in ihrer Heimat zeigten: „Es war exakt dieselbe Art, wie wir im Banat Würste machen. Natürlich gibt es Unterschiede – ich bin Rumäne, ich verstehe nicht alles, was ein Spanier sagt. Aber es gibt so viele Gemeinsamkeiten. Wir müssen uns auf das Verbindende konzentrieren, denn wenn wir nicht aufeinander zugehen, geben wir dem Hass wieder eine Chance, Wurzeln zu schlagen. Und ich glaube nicht, dass das hier irgendjemand will.“