Es sind die dunklen Tage des Spätherbstes 1989. In ganz Osteuropa wankt das kommunistische System, die Berliner Mauer ist gerade gefallen. Doch in Rumänien herrscht der Diktator Nicolae Ceaușescu weiterhin mit eiserner Faust. Für den damals 22-jährigen Calin Malinin aus Timișoara ist klar: Hier wird sich nichts ändern. Hier gibt es für ihn keine Zukunft mehr.
Er fasst den Entschluss, zu fliehen – ein Schritt, den er nicht spontan, sondern über mehrere Monate hinweg akribisch geplant hat. Wochen vor dem Ausbruch der rumänischen Revolution fährt er mit dem Auto in das Grenzdorf Lunga. Von dort aus wagen er und eine Freundin den lebensgefährlichen Weg über die rumänisch-jugoslawische Grenze zu Fuß.
Ein simpler Zaun mit tödlichem Risiko
Anders als an der innerdeutschen Grenze gab es hier zwar kein so ausgeklügeltes Sicherungssystem mit mehreren Zäunen, doch das Risiko, von den unbarmherzigen Grenztruppen erschossen zu werden, war allgegenwärtig. Calin erinnert sich: „Es war kein großer Zaun. Es war eine Art Maschendraht, an dem Signalteile angebracht waren, die Alarm schlugen, wenn man sich daran zu schaffen machte.“
Die Flucht war ein Spiel auf Leben und Tod. Nur rund 20 Meter vor der Grenze stießen die beiden auf eine Patrouille mit Wachhunden. „Als ich sie sah, legten wir uns sofort flach auf den Boden. Wir wollten den Rhythmus herausfinden, wie oft sie patrouillierten. Nach etwa 20 Minuten kamen sie wieder vorbei. Dann sagten wir uns: ‚Jetzt oder nie!‘ und rannten los.“
Calin erinnert sich, dass sie in unmittelbarer Nähe der Wohnhäuser an der Grenze gelegen haben müssen, denn die privaten Hunde der Anwohner schlugen an und bellten die ganze Zeit laut. Doch das Duo schaffte den Sprung über den Zaun. Sie waren im damaligen Jugoslawien.
Fluchthilfe ohne Gegenleistung
Von der Grenze bis nach Belgrad, wo sie um Asyl bitten wollten, war es jedoch noch ein weiter Weg. Malinin hatte allerdings einen serbischen Bekannten, den er aus Zeiten des Grenzshoppings in Rumänien kannte. „Wir tauschten uns aus und er wusste von meinen Fluchtplänen. Ohne Mobiltelefone oder konkrete Vorab-Absprache – nur mit einer Portion Glück – war der serbische Freund plötzlich da.“
„Er holte uns ab und fuhr uns nach Belgrad“, erzählt Malinin. „Er hatte schreckliche Angst, denn für ihn war das illegal. Man kann sagen, sein Job war der gefährlichste von allen. Er tat es für mich – ohne Geld, einfach nur um zu helfen.“ Malinin selbst hatte ohnehin kaum etwas bei sich: Lediglich 10 US-Dollar, die er sich mühsam im armen Rumänien zusammengespart hatte. „Ein Vermögen in Rumänien, aber fast nichts im Ausland“, lacht er heute.
In Belgrad angekommen, stellte sich das Paar der Polizei und bat um Asyl. Es folgten zwei Wochen in einem jugoslawischen Gefängnis – eine Standardprozedur für illegale Grenzgänger. Doch die Bedingungen waren erträglich: „Für mich war es dort immer noch besser als in dem großen Gefängnis Rumänien“, so Malinin. „Außerdem hatte ich gerade meinen Militärdienst abgeleistet. Und im Vergleich zur Kaserne in Rumänien war das Gefängnis in Jugoslawien Hotelstandard.“ Danach kamen die beiden in ein Asylzentrum, wo sie auf Flüchtlinge aus aller Welt trafen. „Es waren sogar Afghanen und Iraner in dem Zentrum. Auch viele deutschsprechende Menschen, also Rumäniendeutsche“, ergänzt Calin.
Die Revolution verändert alles
Während sich Malinin und seine Freundin noch mitten im Aufnahmeverfahren des Flüchtlingslagers befanden, brach in ihrer Heimat plötzlich die blutige Revolution aus. Niemand hatte damit gerechnet, dass das Regime in Bukarest so schnell kollabieren würde.
Dass er zu diesem Zeitpunkt Rumänien bereits seit Wochen verlassen hatte, sieht er pragmatisch. Die Vorstellung, er hätte im Vorfeld einfach „noch ein paar Tage warten“ können, greift für ihn zu kurz: „Niemand konnte damals ahnen oder sich auch nur vorstellen, dass das Regime innerhalb weniger Wochen zusammenbrechen würde.“ Für ihn gab es damals schlicht keine sichtbare Perspektive.
Während des Umsturzes im Dezember blieben Malinin und seine Freundin in Belgrad und demonstrierten vor der rumänischen Botschaft, um den Wandel in ihrer Heimat zu unterstützen. Nach dem Ende von Ceausescus Diktatur leerte sich das Flüchtlingslager schlagartig: Viele wurden zurückgeschickt oder von Verwandten in den Westen, vor allem nach Deutschland, geholt. Am Ende war Malinin fast der Einzige, der in der Unterkunft zurückblieb.
Rückkehr in eine neue Heimat
Im Gegensatz zu vielen anderen entschied sich Calin Malinin später, in das neue, demokratische Rumänien zurückzukehren. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut. „Es war meine Entscheidung zu fliehen, und es war meine Entscheidung zurückzukehren. Ich bin zufrieden, so wie es gelaufen ist.“
Wenn er heute hört, dass sich manche Menschen in Rumänien nach der „guten alten Zeit“ des Kommunismus zurücksehnen, hat er eine klare Botschaft: „Erinnert Euch, wie es wirklich war. Diese Menschen haben vergessen, dass es keinen Strom gab, keine Heizung, weil alles zentralisiert war. Man hatte einfach nichts.“
Für ihn war der Drang nach Freiheit damals kein reines Wirtschaftsmotiv, sondern die Suche nach einer echten Lebensperspektive: „Man muss zuerst im Kopf frei und mit sich selbst im Reinen sein. Dann kann man sich auch ein Leben aufbauen und eine Perspektive entwickeln.“ Calin Malinin erzählt, dass er in seinem Leben einiges ausprobiert hat. Heute ist der 58-Jährige als Designer für individuelle Vorhänge überwiegend in Rumänien, aber auch für Kunden in ganz Europa unterwegs.


