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Vom Auswanderer zum Banater Netzwerker

 

Das Banat ist eine historische Region im Südosten Europas, die sich von den Ausläufern der Karpaten in die weite Pannonische Tiefebene erstreckt. Nachdem die Region Anfang des 18. Jahrhunderts aus über 160 Jahren osmanischer Herrschaft befreit worden war, startete Wien ein beispielloses Modernisierungsprogramm. Das Land war weitgehend entvölkert und versumpft. Durch die sogenannten „Schwabenzüge“ strömten Zehntausende Kolonisten aus dem Rheinland, aus Schwaben, Bayern und Lothringen an die Donau. Sie trafen auf eine ohnehin diverse Bevölkerung aus Rumänen und Serben. Später kamen Ungarn, Slowaken, Bulgaren und Juden hinzu. Das Banat boomte als multikultureller, grenzenloser Wirtschaftsraum und wurde zur Kornkammer der Monarchie mit der Metropole Timișoara (Temeswar). Als nach dem Ersten Weltkrieg die Habsburgermonarchie zerfiel, wurde das Siedlungsgebiet Banat über Nacht durch neue nationale Grenzen zerschnitten – aufgeteilt zwischen Rumänien, Jugoslawien und Ungarn. Der größte Teil des historischen Banats liegt in Rumänien. Hier ist das Banat nach wie vor eine feste, stolze Kulturregion. Die Einwohner identifizieren sich als Banater, und die historische Hauptstadt Timișoara ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum dieser Region.

 

Der Deutsche Franz Jakoby lebt heute im kleinen, nahe der serbischen Grenze gelegenen Dorf Comloșu Mic. Geboren wurde er 1970 in Timișoara – in einer Region, in der seine Familie bereits in der 8. Generation tief verwurzelt ist, seit die Vorfahren um 1780 aus dem Aachener Raum auf der Suche nach einem besseren Leben hierher auswanderten. Doch die Zeiten waren für Deutsche in Rumänien im 20. Jahrhundert nicht immer einfach. Von daher war die Familie glücklich, dass sie 1986 nach Deutschland gehen konnte. „Wir wurden verkauft“, stellt Franz klar. Es gab Verhandlungen zwischen dem Auswärtigen Amt und dem rumänischen Geheimdienst Securitate, wie viele ausreisen durften. „Für Deutschland und Rumänien war es ein gutes Geschäft: Rumänien bekam 10.000 DM pro Auswanderer und Deutschland freute sich über dringend benötigte Fachkräfte, die Deutsch sprachen und gut ausgebildet waren.“

 

Der damals 16-jährige Franz lebte mit seiner Mutter im hessischen Langen, schloss die Schule ab und studierte BWL, Fachrichtung Krankenhauswesen an der Berufsakademie Mannheim. „Das Jobangebot bekam ich mit meinem Abschluss.“ Aber der inzwischen 24-Jährige wollte zurück nach Rumänien. „Meine Familie war überhaupt nicht begeistert, hatte sie doch so lange dafür gekämpft, endlich ausreisen zu dürfen.“ Franz plante zunächst ein soziales Jahr und unterstützte Hilfstransporte in das damals verarmte Rumänien für verschiedene Organisationen. Aber dabei blieb es nicht: Franz eröffnete in Rumänien einen Großhandel für Optik. „Es hat funktioniert und ich bin geblieben.“

 

1997 zog es ihn schließlich aufs Land. „Ich kaufte hier in Comloșu Mic einen Hektar Land, dann den zweiten Hektar und irgendwann bin ich in die Landwirtschaft eingestiegen.“ Er bezeichnet Landwirt als den schönsten Beruf der Welt. „Ich schätze die Freiheit und die Selbstbestimmung. Es ist ein vielseitiger und anspruchsvoller Beruf. Das ist genau das, was ich schätze.“ Die Landwirtschaft hat er als Kind bei seinem Opa entdeckt. „Wir lebten in der Stadt Timișoara und so genoss ich es als Kind, meine Großeltern auf dem Land zu besuchen.“ Heute bewirtschaftet Franz 120 Hektar Land. „Für hiesige Verhältnisse im Banat ist das klein“, kommentiert er. Zusätzlich ist er noch Geschäftsführer eines Handels für Landmaschinen.

 

„Rumänien in den 1990er Jahren war ein so spannendes Land“, erinnert er sich. „Es gab ein riesiges Entwicklungspotenzial, das ich genutzt habe.“ Er gibt aber auch zu, dass die acht Jahre Deutschland für ihn wichtig waren. Es war einerseits die gute Ausbildung, aber für viele Geschäfts- und Kooperationspartner stand sein Werdegang auch für Vertrauen, Disziplin und Seriosität. „Um erfolgreich zu sein, reichen Kompetenzen allein nicht aus. Man braucht auch immer Glück. Und das hatte ich“, reflektiert er heute.

 

Mit seiner Familie hat er sich wieder versöhnt. „Einige Jahre später ist meine Mutter auch zurück nach Rumänien gekommen. Wir lebten hier mit drei Generationen unter einem Dach.“ Franz schaut zufrieden auf seinen beruflichen und privaten Werdegang. „Ich war schon immer sozial eingestellt. Aber jetzt ist es mir ein Anliegen, der Gesellschaft, von der ich enorm profitiert habe, etwas zurückzugeben.“ Er ist Mitgründer der gemeinnützigen Organisation „Asociația Colț de Banat“, die sich für die nachhaltige Entwicklung ländlicher Gemeinden einsetzt. Zu ihren Hauptzielen gehören die Förderung der lokalen Wirtschaft, der Umweltschutz, die Bewahrung des kulturellen Erbes sowie die Verbesserung des Bildungsangebots auf dem Land. „Wir, das heißt meine Frau und ich, setzen uns für die Bildung von benachteiligten Kindern ein. Dazu gehört es zum Beispiel, das Lesen zu fördern. Im Sommer veranstalten wir regelmäßig Camps, um Kindern und Jugendlichen vom Land neue Perspektiven zu eröffnen.“ Aber auch für ältere Menschen gibt es Angebote, zum Beispiel zur Stärkung der Digitalkompetenz. Franz ist ein Netzwerker, der Menschen zusammenbringt, wo immer er Bedarf sieht.

 

Es geht dem Banater Landwirt mit seinem Engagement auch um die Stärkung der Demokratie. Für ihn gehören wirtschaftliche Unabhängigkeit, Perspektiven und Demokratie zusammen. „Die Demokratie ist das Beste auf der Welt. Und auch zur EU gibt es keine Alternative.“ Allerdings wünscht er sich, dass die EU die Vorteile, die sie für die Menschen bringt, noch viel mehr kommuniziert.

 

Foto 1: Denis Scridon