Wer auf die Landkarte blickt, vermutet hinter dem rumänischen Dorf Beba Veche schnell das sprichwörtliche Ende der Welt. Es ist das westlichste Dorf Rumäniens, gelegen im Dreiländereck, wo Rumänien, Serbien und Ungarn aufeinandertreffen. Doch für die Menschen, die hier leben, verschieben sich die Perspektiven. Für Ivana Pescar ist Beba Veche keineswegs das letzte Dorf Rumäniens – für sie ist es das erste. „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll“, überlegt die 35-Jährige. „Seit dem Beitritt zur Europäischen Union hat sich vieles verändert. Für uns ist der Unterschied groß. Heute fühlen wir uns den Menschen in Ungarn vielleicht sogar näher als denen in Serbien“.
Beba Veche ist kein Ort der Isolation mehr, sondern das Tor zu zwei Nachbarwelten. Durch die Grenznähe hat Ivana, die beruflich als Ärztin im Krankenhaus im nahegelegenen Sânnicolau Mare arbeitet, unglaublich viele Möglichkeiten. Zum Einkaufen fährt die Familie nach Timișoara, zum Essengehen zieht es sie und ihre Familie oft über die nahe Grenze nach Ungarn – aus einem ganz pragmatischen Grund: „Weil das Essen dort einfach besser ist“. Und auch Szeged, die ungarische Großstadt, liegt für die Dorfbewohner mit nur rund 20 Kilometern Entfernung quasi vor der Haustür.
Ein Schmelztiegel der Kulturen
Dass Herkunft in diesem Zipfel des Balkans eine fließende Eigenschaft ist, zeigt schon Ivanas eigener Name. „Ivana – das ist eigentlich ein serbischer Name“, erzählt sie. Ihre Familie hat serbische Wurzeln, und jetzt lebt sie in Rumänien an der Grenze zu Ungarn und Serbien.
Diese Mischung prägt das Leben im Dorf seit jeher. Seit Generationen teilen sich Serben, Ungarn und Rumänen den Raum; selbst eine deutsche Minderheit gab es hier, von der heute allerdings kaum noch jemand übrig ist. Die unzähligen historischen Grenzverschiebungen haben die Menschen zusammengeschweißt, statt sie zu trennen.
„Das Zusammenleben mit den verschiedenen Volksgruppen ist eine echte Bereicherung. Wir haben die Kultur der anderen ganz selbstverständlich angenommen. Wir mögen ihr Essen und wir feiern viele Feste gemeinsam. Wir leben in Frieden und sind Freunde“, beschreibt Ivana das Miteinander. Wenn die verschiedenen Nachbarn im Dorf aufeinandertreffen, ist Rumänisch die gemeinsame Brücke, auch wenn jeder im Privaten seine eigene Muttersprache pflegt.
Die dunklen Schatten der Vergangenheit
Doch der Frieden und die gefühlte Mitte Europas, die das Dorf heute prägen, waren keineswegs immer selbstverständlich. Ivana kennt aus den Erzählungen ihrer Eltern und Schwiegereltern noch die düsteren Zeiten des Kommunismus, als die Grenzen zu Ungarn und dem damaligen Jugoslawien dicht waren. „Es war eine sehr harte Zeit. Wir waren im Dreiländereck von Grenzen umgeben und quasi eingeschlossen. Wir konnten uns nur in eine einzige Richtung bewegen“, erzählt sie. „Außerdem gab es kaum Möglichkeiten und Perspektiven, sich persönlich nach seinen eigenen Vorstellungen zu entwickeln“.
Als Landwirte hatten die Dorfbewohner zwar meist genug zu essen, doch das Leben war von Mangel und Angst geprägt. Stromausfälle und fehlende Heizung im Winter waren an der Tagesordnung. Am schlimmsten aber wog die permanente Überwachung. Das Militär war allgegenwärtig. „Diese Präsenz war für uns einschüchternd“, erinnert sich Ivana an die Berichte. „Man wurde ständig kontrolliert und hatte nicht die Freiheit, den Mund aufzumachen“.
Selbst der Glaube musste im Verborgenen gelebt werden. Die Kirchen im Ort waren offiziell geschlossen, gebetet wurde heimlich am Küchentisch oder verbotenerweise heimlich in der Kirche. „Die Menschen haben ihre Kinder damals unter absoluter Geheimhaltung taufen lassen“, erzählt Ivana. Auf die Frage, ob die Soldaten im Dorf nichts davon wussten, lächelt sie: „Ich denke, sie wussten es. Aber vielleicht nicht alle. Die niederen Ränge haben wohl weggeschaut“, schmunzelt sie.
Wiederaufbau und der Blick nach vorn
Erst nach der rumänischen Revolution von 1989 kehrte die Freiheit zurück – doch der Wiederaufbau der traumatisierten Gemeinschaft dauerte Jahrzehnte. Lange Zeit fehlte das Geld, um die verfallenen Gotteshäuser zu restaurieren. Ivanas Ehemann, der als orthodoxer Geistlicher die Gemeinde in Beba Veche betreut, übernahm schließlich im Jahr 2020 die Initiative. Mit privaten Spenden und staatlicher Unterstützung wurde die historische Kirche renoviert, die heute wieder das Dorfbild prägt.
Trotz des wiedergewonnenen Stolzes kämpft das Dreiländereck mit den typischen Problemen ländlicher Regionen auf dem Balkan: der Abwanderung. Auf dem Papier zählt die Gemeinde zwar noch rund tausend Einwohner. „In der Realität sind es weniger“, gibt Ivana zu. „Die Einwohnerzahl sinkt“. Viele junge Menschen zieht es in die großen Städte oder ins Ausland. Dank staatlicher Stipendien haben Jugendliche zwar heute gute Bildungschancen und können Universitäten besuchen – ob sie danach jedoch in das kleine Grenzdorf zurückkehren, bleibt die große Frage.
Für Ivana ist Beba Veche ein Ort, der zeigt, wie sich das Leben im Dreiländereck gewandelt hat. Wo die ältere Generation noch in Angst und Armut mit Wachtürmen und Militär lebte, wächst heute eine Gemeinschaft heran, in der Herkunft und Grenzen im Alltag kaum noch eine Rolle spielen.
Selbst die modernen Grenzzäune, die Ungarn in den letzten Jahren wieder hochgezogen hat, um die Balkanroute der Migranten zu schließen, lösen bei Ivana keine Beklemmung aus. „Obwohl die Zäune sehr einschüchternd wirken, machen sie uns Rumänen keine Angst – wenn man bedenkt, dass wir so viele Jahre lang von den ‚unsichtbaren Zäunen‘ des Kommunismus umgeben waren“, erklärt sie. Für Ivana zeigt sich hier auch der unerschütterliche Humor der Region: „Ich glaube, wir Menschen vom Balkan haben ein bisschen Verrücktheit in uns und sehen auch die komische Seite der Dinge. Als diese Zäune zwischen Serbien und Ungarn gebaut wurden, stellten die Serben aus den umliegenden Dörfern Schilder mit der Aufschrift ‚Zoo‘ auf – so als ob Ungarn eingezäunt wäre, weil es ein einziger großer Zoo ist.“





