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Narben des Krieges und der Duft von Wein

 

Die Region Baranja, gelegen im Dreiländereck zwischen Kroatien, Ungarn und Serbien, gilt als gastronomisches Juwel, berühmt für deftige, würzige Küche und historische Weinkeller. Doch hinter der friedlichen Fassade des „Amazonas von Europa“ liegen tiefe historische Wunden. Die Region war im Jugoslawienkrieg (1991–1995) heftig umkämpft und jahrelang besetzt.

 

Matej Perkušić, heute Direktor des Tourismusverbandes der Baranja, war damals ein Teenager. Er lebt bis heute im nahegelegenen Osijek. Im Gespräch blickt er zurück auf eine Jugend im Ausnahmezustand, die komplizierte Identität seiner Heimat und den mühsamen Weg zurück zur Normalität.

 

Ein Schmelztiegel der Kulturen

 

Die Baranja war schon immer ein Schmelztiegel. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es eine große deutsche Minderheit, später gehörte die Region zu Ungarn, bevor sie Teil des Königreichs und schließlich des sozialistischen Jugoslawiens wurde. Diese Vielfalt prägt die Menschen bis heute. „Die Kultur hier ist eher mitteleuropäisch geprägt“, erklärt Perkušić.

 

Perkušićs eigene Familiengeschichte ist ein Mosaik aus verschiedenen Wurzeln der Region, trotzdem gab es für ihn nie einen Zweifel an seiner Identität. Ich bin Kroate“, betont er mit Nachdruck. „Obwohl meine Herkunft gemischt ist, hat meine Mutter mir schon als Kind in Jugoslawien beigebracht, wer ich bin. Und genau so fühle ich mich auch.“ Dieses bewusste Bekenntnis zur eigenen Identität ist laut Perkušić in der Baranja kein Widerspruch zu Toleranz, sondern gelebter Alltag: „Viele Familien mit deutschen oder ungarischen Wurzeln, die seit Generationen hier leben, fühlen sich heute ganz selbstverständlich als Kroaten. Sie passen sich der lokalen Kultur an.“

 

Diese kulturelle Nähe spiegelt sich auch im Verhältnis zum Nachbarn Serbien wider, trotz der düsteren Kriegsjahre: „Kroaten und Serben – wir sind wie zwei Brüder. Wir streiten uns ständig und versuchen, in Europa unsere jeweils eigene Identität zu betonen“, erklärt Perkušić die geopolitische Ironie. „Aber am Ende des Tages sitzen wir doch wieder am selben Tisch, trinken und lachen zusammen, weil wir dieselbe Sprache sprechen und uns einfach verstehen.“

 

Die Katastrophe des Krieges

 

Doch diese Brüderlichkeit wurde 1991 jäh zerrissen, als die serbische politische Elite den Zerfall Jugoslawiens mit Gewalt verhindern wollte. Für den damals 14-jährigen Matej Perkušić, der mit seiner Familie in Osijek lebte, änderte sich das Leben von einem Tag auf den anderen radikal. „Niemand konnte ahnen, was passieren würde. Während des Krieges war ich ein 14-jähriges Kind. Wir lebten ein Jahr lang im Keller. Man sagt, dass damals 50.000 bis 100.000 Granaten auf meine Stadt Osijek fielen“, erinnert sich Perkušić an den schier endlosen Beschuss.

 

Besonders ein traumatisches Erlebnis hat sich in das Gedächtnis des Teenagers eingebrannt. „Als ein Nachbarhaus nach einem Treffer in Flammen aufging, rannte ich durch die Straßen, holte Feuerlöscher aus einem Gebäude und versuchte, das Feuer zu löschen. Für mich fühlte sich der Weg an wie 50 Meilen. Die Feuerwehr kam kurz darauf, jemand zog mich weg. Später erfuhr ich, dass der Mann aus diesem Haus im Krankenhaus gestorben war – es war der Ehemann meiner Cousine.“

 

Erst als die Gefahr vorüber war, holte die psychische Belastung den Jungen ein: „Ich ging zurück in den Keller. Alles schien vorbei zu sein. Und plötzlich fing mein ganzer Körper an zu zittern. Ich schaute an mir herab und dachte: Mein Gott, was passiert hier gerade mit mir?“

 

Wenn Matej Perkušić heute auf die Ursachen dieser Katastrophe zurückblickt, nimmt er die einfachen Menschen in Schutz. Für ihn war der Krieg kein unvermeidbares Ergebnis von historischem Hass zwischen den Nachbarn, sondern das Resultat politischer Blockaden und gezielter Manipulation von oben.

 

„Der Krieg passierte, weil die serbische politische Elite den Republiken nicht mehr Autonomie geben wollte“, bilanziert Perkušić. „Sie wollten einen zentralisierten Staat, während Kroatien und Slowenien – die wirtschaftlich stärker und historisch westeuropäischer geprägt waren – einen föderalen Staat forderten. Am Ende wurde die Bevölkerung von der Politik in dieses Chaos hineingezogen.“

 

Sorgen, dass die alten Konflikte zwischen den Nachbarn heute wieder aufbrechen könnten, hat Perkušić jedoch nicht. Die Normalität im Alltag ist für ihn längst zu stark. Die Narben dieser Zeit sind zwar geblieben, doch die Einsicht, dass die normale Bevölkerung damals von der Politik in ein zynisches Spiel hineingezogen wurde und letztlich die Leidtragende war, hilft der Region heute dabei, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

 

Das Leben nach dem Trauma

 

Die Baranja wurde erst nach Jahren der Besatzung und durch friedliche Reintegration Ende der 1990er Jahre wieder vollständig in Kroatien eingegliedert. Die Kriegsschäden an Gebäuden und Infrastruktur sind weitgehend beseitigt. Doch wie heilen die seelischen Wunden eines Mannes, der als Kind Zeuge von Tod und Zerstörung wurde?

 

„Ich glaube nicht, dass mich das nachhaltig beschädigt hat“, sagt Perkušić heute mit bemerkenswerter Gelassenheit. „Vielleicht bin ich dadurch ein bisschen anders geworden. Ich weiß nicht, wie ich ohne den Krieg wäre. Aber ich habe den Krieg überlebt, ich war mittendrin, und ich möchte nie wieder irgendwo auf der Welt einen Krieg sehen. Jeder, der im Krieg war, weiß, dass es das Schlimmste ist.“

 

Er geht davon aus, dass er keine psychologischen Langzeitschäden oder Traumata  davongetragen habe, auch wenn er zugibt: „In den ersten ein, zwei Jahren nach dem Krieg zuckten die Menschen hier in der Region bei jedem Feuerwerk oder lauten Knall zusammen. Das war völlig normal.“

 

„Es ist kein Problem mehr, zusammenzuleben“

 

Heute, mehr als drei Jahrzehnte nach Beginn des Konflikts, hat sich der Alltag in der Baranja normalisiert. Die junge Generation, die zwischen 25 und 30 Jahre alt ist, interessiere sich kaum noch für die alten Gräben – das Thema spiele höchstens noch im Geschichtsunterricht eine Rolle. „Es ist heute kein Problem mehr, hier zusammenzuleben“, betont Perkušić. „Die Menschen arbeiten wieder zusammen, sie heiraten wieder untereinander. Niemand streitet mehr über die Vergangenheit.“

 

Als Tourismuschef kämpft Perkušić nun dafür, dass die Baranja weltweit für ihre Sonnenseiten bekannt wird: für den Naturpark Kopački rit, die Weintradition, die bis auf den römischen Kaiser Marcus Aurelius zurückgeht, und die einzigartigen Weinkeller (genannt Gatori), die wie kleine Häuser in die Hügel gebaut sind.

 

Die Baranja hat gelernt, mit ihren Narben zu leben. Sie versteckt ihre Geschichte nicht, aber sie lässt sich nicht mehr von ihr beherrschen. Für Reisende ist die Region heute genau das, was Perkušić seinen Gästen verspricht: ein Ort, an den man kommt, „um bei bestem Wein und hervorragendem Essen einfach zu entspannen und zu genießen.“