Ein kleines, abgelegenes Dorf im Süden Ungarns. Rund zweihundert Menschen leben in Alsószentmárton mit ihren alltäglichen Sorgen einer marginalisierten Gemeinschaft. Es ist ein Roma-Dorf. Eine der Einwohnerinnen ist die 45-jährige Andrea Boros. Sie hat sechs Kinder, sieben Enkelkinder und eine Lebensrealität, die von Armut, harter Arbeit und Diskriminierung geprägt ist.
Andrea Boros wurde in diesem Dorf geboren, genau wie ihre Mutter und Generationen vor ihr. Die lokale Politik liegt in fester Hand der Gemeinschaft liegt – der Bürgermeister des Ortes ist selbst zu „hundert Prozent Roma“. Obwohl die Gemeindeverwaltung lokale Arbeitsplätze wie Reinigungsdienste bereitstellt, blickt die Mehrheit der Bewohner in eine prekäre Zukunft.
Der tägliche Kampf gegen die Armut
„Es gibt Probleme mit Alkohol. Ja, das ist wahr. Wir sind arm. Tag für Tag“, beschreibt Andrea die Situation in ihrer Heimat ungeschönt. Das Geld reicht hinten und vorne nicht zum Leben. Staatliche Unterstützung gebe es für sie kaum, man sei auf sich allein gestellt. Wer älter oder krank ist, findet im Dorf überhaupt keine Anstellung.
Die einzige Erwerbsquelle in der unmittelbaren Umgebung ist die harte Tagelöhnerarbeit in den nahegelegenen Weinbergen. Für Fabrikjobs müssen die Menschen weite Wege auf sich nehmen und in Städte wie Mohács pendeln. Immerhin besitzen die meisten Familien eigene Häuser, die früher durch staatliche Sozialprogramme („Szocpol“) gefördert wurden, und bauen in ihren Gärten Gemüse wie Karotten, Gurken, Zwiebeln, Kartoffeln und ungarischen Paprika an, um über die Runden zu kommen.
Auch die medizinische Versorgung ist eine logistische und finanzielle Hürde. Im Dorf selbst gibt es keinen Arzt; für jeden Kontrollbesuch müssen die Bewohner in ein Nachbardorf reisen. Die Krankenversicherung ist für Arbeitslose kaum erschwinglich. „Bisher habe ich es selbst bezahlt. Was sehr teuer ist, zehntausend Forint“, berichtet Andrea. Erst seit sie eine reguläre Arbeit hat, ist sie über diesen Posten abgesichert.
Keine Chance trotz Bildung
Besonders schmerzhaft ist für die sechsfache Mutter die Perspektivlosigkeit der jüngeren Generation. Die Kinder aus dem Dorf besuchen reguläre ungarische Schulen, fahren mit dem Bus oder dem Fahrrad in die umliegenden Orte und machen dort oft solide Ausbildungen oder sogar das Abitur. Doch auf dem Arbeitsmarkt wartet die nächste unüberwindbare Barriere.
„Mit dem Facharbeiterzeugnis kann man keine Anstellung finden. Weil wir Roma sind, weil sie hören, woher wir kommen“, berichtet Andrea bitter über die Erfahrungen ihres eigenen Kindes, das trotz Schulabschluss arbeitslos zu Hause sitzt. Auf die Frage, ob Jugendliche eine Chance auf einen guten Beruf haben, antwortet sie resigniert: „Nein, weil wir verloren sind. Sie verurteilen uns. Wegen unserer Hautfarbe.“
Ein tief verwurzelter Rassismus, der zunimmt
Diese Ablehnung zieht sich durch den gesamten Alltag – vom Kindergarten bis zum Lebensmitteleinkauf. „Sogar im Laden, wenn wir in den Laden gehen. Selbst dort spüren wir, dass wir Roma sind. Sie kommen gleich und beobachten uns misstrauisch. Aber ich habe niemals gestohlen, niemals“, beteuert Andrea.
Laut Andrea Boros hat sich die Lage in den letzten Jahren nicht gebessert, sondern dramatisch verschlimmert. Als sie klein war, sei die Trennung zwischen „ungarischen Zigeunern“ und der Mehrheitsgesellschaft noch nicht so spürbar gewesen. Heute hingegen führt das Mobbing und die Ausgrenzung im Bildungssystem laut ihren Erzählungen zu tragischen Extremen: Sie berichtet von traumatischen Geschichten über Roma-Kinder in Internatsschulen, die dem psychischen Druck und den ständigen Hänseleien nicht mehr standhalten konnten.
„Wir sind schon hineingeboren worden, dass man uns nicht mag“, stellt Andrea traurig fest. „Weil das ja Ungarn ist, und wir sind darin, und wir werden verurteilt. Wir werden nicht so sehr für die Gemeinschaft gebraucht“.
Der Wunsch nach Akzeptanz
Für die Zukunft wünscht sich Andrea Boros nichts für sich selbst, sondern fordert Gerechtigkeit für ihre Kinder und Enkel. Sie verlangt sichere Arbeitsplätze, damit die Jugend das anwenden kann, wofür sie jahrelang gelernt hat.
Ihr Appell an die ungarische Gesellschaft ist ein zutiefst menschlicher Ruf nach Gleichberechtigung: „Damit sie uns akzeptieren, denn wir sind auch Ungarn. Wir sind hier in Ungarn geboren, und in uns fließt genauso rotes Blut. Und wie bei jedem anderen, damit sie uns akzeptieren. Wir sind auch Menschen. Wir sind keine Tiere, wir sind nicht anders“.
Zur Einordnung:
Die Geschichte von Andrea Boros ist kein Einzelschicksal, sondern die Realität für die große Mehrheit der schätzungsweise 800.000 Roma in Ungarn. Ihre Erzählung verdeutlicht die tiefen strukturellen Probleme, mit denen die größte ethnische Minderheit des Landes täglich konfrontiert ist.
Die Entstehung von nahezu reinen Roma-Dörfern ist das Resultat des wirtschaftlichen Umbruchs nach dem Ende des Kommunismus 1989. Mit dem Zusammenbruch der ungarischen Schwerindustrie verloren vor allem Roma im ländlichen Raum ihre Arbeit. Wer es sich leisten konnte (meist die Nicht-Roma-Bevölkerung), zog auf der Suche nach Arbeit weg. Zurück blieben die Ärmsten in strukturschwachen Regionen im Süden und Nordosten Ungarns. Alsószentmárton gilt in der Soziologie historisch als das erste ungarische Dorf, in dem sich diese demografische Verschiebung so extrem vollzog.
Die von Andrea erwähnte Gemeindearbeit ist Teil des staatlichen ungarischen Beschäftigungsprogramms zur „Gemeindearbeit“ (közmunka). Die Regierung hat klassische Sozialhilfe fast vollständig abgeschafft und an die Pflicht zur Arbeit gekoppelt. Diese Jobs (wie Straßenreinigung oder Grünpflege) werden gesetzlich festgelegt weit unter dem ungarischen Mindestlohn bezahlt (sie betragen lediglich die Hälfte des regulären Mindestlohns). Sie sichern zwar das Überleben, führen aufgrund des extrem geringen Verdienstes jedoch direkt in die Altersarmut und halten die Menschen in einer permanenten Armutsfalle. Zudem schafft das System eine enorme Abhängigkeit von lokalen Bürgermeistern, die maßgeblich über die Vergabe dieser lebensnotwendigen Jobs entscheiden.
Dass Andreas Kinder trotz Ausbildung keine Arbeit finden, deckt sich mit internationalen Studien. Das ungarische Schulsystem ist laut EU-Berichten eines der am stärksten segregierten in Europa; Roma-Kinder werden oft gezielt in Sonderschulen oder separate Klassen abgeschoben. Schaffen Jugendliche dennoch den Bildungsaufstieg, scheitern sie am strukturellen Rassismus auf dem Arbeitsmarkt. Schon die Angabe des Wohnortes in einem bekannten Roma-Dorf führt bei Bewerbungen oft zur sofortigen Aussortierung.




