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Drei Flüsse, fünf Länder, ein Biosphärenreservat

 

Von der ehemaligen Trennlinie des Eisernen Vorhangs zu einem der lebendigen Naturschutz-Hotspots Europas: Im Norden Kroatiens, direkt an der Grenze zu Ungarn, zeigt das Besucherzentrum „Dravska Priča“ (zu Deutsch: Drau-Geschichte), wie aus einer Zone des Schweigens ein Ort der internationalen Begegnung und des Artenschutzes wird.

 

Von historischen Konflikten ist an den Ufern der Drau heute nichts mehr zu spüren. Wo einst eine streng bewachte Grenze Jugoslawien und Ungarn trennte, erstreckt sich heute das Grüne Band Europa. Tatjana Arnold Sabo leitet hier seit 16 Jahren mit viel Engagement das Besucherzentrum und die dazugehörige regionale Naturschutzbehörde von Virovitica-Podravina. Sie ist stolz darauf, dieses geschichtsträchtige Fleckchen Erde mitgeprägt und das ambitionierte Mammutprojekt der Region von Anfang an mitinitiiert zu haben.

 

Ein Schutzraum, getragen von fünf Nationen

 

Heute bildet diese Region das Herzstück des Mura-Drau-Donau-Biosphärenreservats, das wegen seiner ökologischen Bedeutung und seiner Naturbelassenheit oft auch als „Amazonas Europas“ bezeichnet wird. Es ist das weltweit erste Biosphärenreservat, das sich über fünf Länder erstreckt: Österreich, Slowenien, Kroatien, Ungarn und Serbien. Am 15. September 2021 von der UNESCO offiziell ausgerufen, umfasst das Schutzgebiet eine Fläche von rund 930.000 Hektar und erstreckt sich über eine Länge von 700 Flusskilometern.

 

Naturräumlich schützt das Reservat eine der größten zusammenhängenden und intakten Flusslandschaften Kontinentaleuropas. Es umfasst die dynamischen Flusssysteme mit ihren charakteristischen Auenwäldern, Nebenarmen, Schotter- und Sandbänken sowie artenreichen Feuchtwiesen, die unter anderem dem Seeadler und dem Schwarzstorch als Rückzugsort dienen.

 

Die grüne Oase im Schatten des Eisernen Vorhangs

 

Dass diese einzigartige Flusslandschaft heute in einer so unberührten Form existiert, verdankt sie der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Während des Kalten Krieges verlief hier der Eiserne Vorhang. Die Grenze zwischen dem damaligen Jugoslawien und Ungarn war eine streng bewachte, für die Öffentlichkeit weitgehend geschlossene Zone. Da der Zutritt für Zivilisten streng reglementiert war, hielten sich kaum Menschen in den Uferbereichen auf.

 

Zudem hatte keine der beiden Seiten ein Interesse daran, in unmittelbarer Grenznähe teure Infrastruktur oder Industrie aufzubauen, da man die Region im Falle eines potenziellen militärischen Konflikts als direkte Frontlinie betrachtete. Durch diese jahrzehntelange Isolation blieb die Natur von menschlichen Eingriffen und industrieller Zerstörung verschont. So entstand das Grüne Band genau dort, wo der Eiserne Vorhang von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer verlief.

 

Ein Hotspot mit fünffachem Schutzcharakter

 

Das Besucherzentrum „Dravska Priča“ befindet sich in einer ehemaligen Sommerresidenz der Grafen Drašković, die mit viel Liebe zum Detail renoviert und umgestaltet wurde. Die Lage des Zentrums ist kein Zufall, sondern biologisch wie historisch von herausragender Bedeutung. „Dies ist ein besonderes Gebiet hier mit den drei Flüssen, die über Ländergrenzen hinwegfließen, und genau deshalb haben wir hier ein Herzstück des Grünen Bandes Europa“, erklärt Direktorin Tatjana Arnold Sabo. „Hier überlagern sich gleich fünf verschiedene Schutzgebiete: Das Denkmal der Parkarchitektur mit seinem historischen Baumbestand rund um die ehemalige Sommerresidenz, Natura 2000-Gebiete, der Regionalpark, das Biosphärenreservat und das Grüne Band.“

 

Pufferzone statt Todesstreifen

 

Trotz der historischen Isolation unterscheidet sich die Erinnerungskultur in der Region deutlich von anderen Abschnitten des Eisernen Vorhangs. Tatjana erinnert sich an eine Reise im Jahr 2000 nach Eisenach in Deutschland. Dort erlebte sie in Gesprächen hautnah mit, wie tief die Wunden der deutschen Teilung immer noch sind und wie emotional die Menschen über die brutale Härte des dortigen Grenzstreifens, die Zwangstrennung von Familien und die Schießbefehle sprachen.

 

Für ihre Heimatregion an der Drau, die hier die natürliche Grenze bildete, würde sie den Begriff „Todesstreifen“ nicht verwenden. Zwar war die Grenze dicht, es gab Bunker und Wachtürme entlang des Streifens, doch die ungarischen Nachbarn wurden laut Tatjana nicht als Feinde wahrgenommen. „Wir lebten eher in einer Art geopolitischen Pufferzone zwischen den Blöcken. Nach dem politischen Wandel wuchsen die Kontakte schnell und wir arbeiten eng und erfolgreich in zahlreichen grenzüberschreitenden Naturschutzprojekten“, so die Fachfrau für Naturschutz.

 

Bildung und Erlebnisse für jede Generation

 

Die Räume im modernen Bildungs- und Forschungszentrum „Dravska Priča“ sind interaktiv und thematisch gestaltet – es gibt eine Schmetterlingsecke, eine Vogel-Konferenzhalle und ein multimediales Untergeschoss. Im Obergeschoss befinden sich Schlafräume, in denen Schulklassen, Studierende oder Naturbegeisterte mitten im Schutzgebiet übernachten können.

 

Die Besucherstruktur ist bunt gemischt: Sie reicht von Kindergartenkindern über Pfadfinder und Rentnergruppen bis hin zu Radtouristen, die den „Iron Curtain Trail“ (EuroVelo 13) erkunden. Neben einem Lehrpfad zur Vogelbeobachtung stehen den Gästen auch Fahrräder und Kanus zur Verfügung. Auch die lokale Bevölkerung nimmt die Arbeit des Zentrums positiv auf, da der sanfte Tourismus Arbeitsplätze schafft und die Lebensqualität in der Region spürbar verbessert.

 

Kampf an vorderster Front: Tierrettung und Artenschutz

 

Das 17-köpfige Team des Zentrums, bestehend aus Rangern, Guides und Biologen, leistet weit mehr als reine Bildungsarbeit. „Dravska Priča“ betreibt eine eigene Forschungsstation samt Labor sowie zwei Rettungszentren für Wildtiere.

 

Ein großes Problem der letzten Jahre ist der Kampf gegen invasive Arten. So nimmt das Zentrum beispielsweise exotische Schildkröten auf, die von Privatpersonen illegal ausgesetzt wurden und die heimischen Arten von ihren Sonnen- und Futterplätzen verdrängen. „Manche dieser Tiere stammen auch aus illegalem Wildtierhandel und wurden vom Zoll an den Grenzen beschlagnahmt“, ergänzt Tatjana.

 

Besonders stolz ist das Team zudem auf das Rettungszentrum für Weißstörche und Greifvögel. „Wir nehmen verletzte Störche, Greifvögel und Eulen auf und pflegen sie, damit sie wieder in die Natur entlassen werden können“, berichtet Tatjana. Manche Tiere haben allerdings durch ihre Verletzungen oder zu langen Kontakt zum Menschen ihren Jagdinstinkt verloren, sodass sie nicht mehr ausgewildert werden können – sie verbleiben dauerhaft in der Station. Dieser unermüdliche Einsatz erfordert permanente Präsenz: Auch am Wochenende und an Feiertagen wie Weihnachten oder Neujahr ist das Team für die Tiere da.

 

Grenzüberschreitende Kooperation als Vision für die Zukunft

 

Obwohl die politische Großwetterlage im Nachbarland Ungarn in den letzten Jahren oft EU-kritisch war, betont Tatjana, dass dies den Naturschutz auf lokaler Ebene nicht beeinträchtigt. Da das Naturschutzsystem in Ungarn rein auf Nationalparks basiert, während Kroatien eine differenziertere Struktur aus Naturparks und regionalen Institutionen nutzt, gibt es administrativ zwar manchmal Reibungspunkte, aber das gemeinsame Ziel, die Natur dauerhaft zu schützen, schweißt zusammen. „Über gemeinsame, erfolgreiche EU-Projekte hinweg pflegen wir eine exzellente Nachbarschaft“, stellt Tatjana klar.

 

Die Flusslandschaft ist hochdynamisch: Während die Drau unaufhörlich mäandert und neue Schleifen bildet, bleibt die historische Grenze starr. Dadurch verläuft die politische Linie heute im zackigen Wechsel mal mitten durch das Wasser, mal schneidet sie ganze Uferstreifen ab. „Für den Naturschutz hat dieser Grenzverlauf keine Bedeutung“, so Tatjana. Für die kommenden 10 bis 20 Jahre hat die Direktorin eine klare Vision: „Zuerst einmal wünsche ich mir, dass sich das Grüne Band Europa weiterentwickelt. Das ist absolut notwendig. Und ich wünsche mir noch viel mehr grenzüberschreitende Kooperation“, so Tatjana. „Das Grüne Band könnte eine Identifikation für ganz Europa sein, weil es uns verbindet und nicht trennt.“