Wer den steilen Weg hinauf auf den Vashegy (Eisenberg) an der ungarisch-österreichischen Grenze wagt, ahnt noch nicht, was ihn erwartet. Auf diesem idyllischen Weinberg, wo heute wieder die berühmten Vashegyi-Weine wie Kékfrankos, Merlot und Cabernet reifen, hat Sándor Goják zwischen den Weinreben das private Museum „Eiserner Vorhang“ als einen Ort der Erinnerung geschaffen.
Ein Leben im Schatten der Grenzanlagen
Sándor Goják kennt die Grenze nicht nur aus Geschichtsbüchern. Er hat sie bewacht. Zwischen 1965 und 1968 diente er hier als Wehrpflichtiger beim ungarischen Grenzschutz – insgesamt 27 Monate. Weil das kommunistische Regime Einheimischen misstraute, wurden junge Männer aus dem Landesinneren an die Westgrenze beordert; Sándor Goják selbst stammte aus dem südlichen Ungarn. „Ich stieg bis zum dreifach ausgezeichneten Grenzsoldat-Unteroffizier auf“, sagt er sachlich.
„Ich habe damals nur meine Pflicht erfüllt“, erinnert sich der heute 80-Jährige, der im Dienst auch seine kroatischsprachige Frau in dem nahegelegenen Grenzdorf Felsőcsatár kennengelernt hat. „Damals war die gesamte Region eine absolute Sperrzone“, erklärt er die Situation. „Bis zum Jahr 1989 durfte niemand ohne Sondergenehmigung den Berg betreten. Bereits 35 bis 50 Kilometer vor der eigentlichen Grenze kontrollierten Sicherheitskräfte in den Zügen nach Szombathely jeden Reisenden. Wer keine Erlaubnis hatte, wurde festgenommen oder kam vor Gericht.“
Es war eine Zeit, in der an der Grenze scharf geschossen wurde. Sándor Goják berichtet im Gespräch eindringlich vom damaligen Gesetz: „Erst der Anruf, dann ein Warnschuss in die Luft, dann ein Schuss vor die Füße – und als letzte Konsequenz der tödliche Schuss. Ein brutaler Befehl, der junge Soldaten in traumatische Gewissenskonflikte stürzte.“
Privates Engagement für die Weltgeschichte
Nach seinem Dienst arbeitete Sándor Goják als Meister in einer Lokomotiv-Reparaturwerkstatt im nahe gelegenen Szombathely. Im Jahr 1981 übernahm er das Weinberg-Grundstück der Familie, um dort ein Wochenendhaus zu bauen. Nach dem Fall des Regimes, als es das Sperrgebiet nicht mehr gab und die Menschen sich frei bewegen durften, eröffnete er eine kleine Weinschenke. Die neugierigen Gäste gaben mit ihren Fragen zur Geschichte der Grenze den ersten Anstoß für das Museum.
Sándor Goják erkannte, dass die jüngere Generation die Schrecken der Teilung schnell vergessen könnte. Er fällte eine weitreichende Entscheidung: Er „opferte“ sein privates Grundstück, auf dem einst Reben standen, um das menschenverachtende Grenzsystem zwischen Ungarn und Österreich originalgetreu zu rekonstruieren.
Heute zeigt das Gelände eine begehbare Zeitreise durch 41 Jahre Grenzgeschichte. Anschaulich rekonstruiert sind die verschiedenen Entwicklungsphasen des ungarischen Grenzsystems: von den ersten einfachen Stacheldrahtsperren über die Errichtung von Minenfeldern bis hin zum späteren elektronischen Signalsystem. Besucher können so den Wandel der gesamten Grenzanlage abschreiten und sehen neben hölzernen und metallenen Wachtürmen auch die Kontrollspuren (den sogenannten „Spurenstreifen“) sowie jene streng bewachte Sperrzone, die im Volksmund oft als das berüchtigte „Niemandsland“ bezeichnet wurde.
Ergänzt wird die Ausstellung durch Sándor Gojáks immense, über Jahrzehnte gewachsene Privatsammlung. Schaukästen mit unzähligen historischen Fotos, Original-Exponaten und vergilbten Zeitungsartikeln dokumentieren die Epoche bis ins kleinste Detail. Die dichte Fülle der Fundstücke und die teilweise handgeschriebenen, ausführlichen Erläuterungen verleihen den Räumen den ganz eigenen Charme eines historischen Archivs, in dem die Zeit auf ganz persönliche Weise konserviert wurde. Viersprachige Informationstafeln und eine per QR-Code abrufbare App führen die Gäste durch diese lebendige Geschichtsstunde.
Sándor Goják freut sich, dass sich sein jahrzehntelanger Einsatz für sein Museum gelohnt hat. Die Resonanz ist überwältigend. Schulklassen, Rentnergruppen und Individualtouristen aus aller Welt pilgern auf den Weinberg. Stolz berichtet er: „Das Museum ist international bekannt und findet viel Aufmerksamkeit.“
Grenzzaun gestern und heute
Besonders spannend – und hochaktuell – wird das Museum durch ein neueres Exponat. Sándor Goják suchte persönlich den Kontakt zu dem damaligen Ministerpräsident Viktor Orbán, um ein originales Stück des modernen Grenzzauns zu erhalten, den Ungarn an der serbischen Grenze auf einer Länge von 175 Kilometern errichtet hat.
Was Militärs als nüchterne „technische Sperre“ bezeichnen, zeigt Sándor Goják auf ein paar Metern in seiner ganzen Härte: messerscharfer Klingendraht, Elektronik und Überwachungskameras. Sándor Goják zieht hier eine bewusste, wenn auch differenzierte Parallele. Während der alte Eiserne Vorhang gebaut wurde, um die eigenen Bürger einzusperren sowie jegliche Reisefreiheit und den Austausch von Ideen zu unterbinden, soll der neue Zaun Migranten abhalten. Seine private Meinung dazu ist jedoch kritisch: „Der Bau und Unterhalt kosten Ungarn über tausend Milliarden Forint. Man sollte die Migration nicht mit Zäunen, sondern durch klare Gesetze regeln“, so der 80-Jährige.
Eine ungewisse Zukunft
Trotz des internationalen Erfolgs blickt der Museumsbetreiber mit Sorge in die Zukunft. „Ich bin jetzt 80 Jahre alt, ich bin krank und meine Beine schmerzen. Die Arbeit am steilen Berghang wird mir langsam zu viel“, gesteht er sichtlich erschöpft.
Sándor Goják betreibt das Museum fast ausschließlich aus eigener Tasche und mit eigener Muskelkraft. Seine zwei Töchter, zwei Schwiegersöhne und drei Enkelkinder sind beruflich alle sehr gefordert, dass sie das Museum nicht nebenbei betreiben können. Damit steht sein Lebenswerk – ein weltweit geschätztes Denkmal gegen das Vergessen – vor einer ungewissen Zukunft. Aber er hat Hoffnung, dass es doch noch eine Lösung für das Museum gibt und sich ein Träger findet.
Wer heute die Weinberge entlang der österreichisch-ungarischen Grenze auf dem Vashegy erkundet, spürt die friedliche Ruhe dieser idyllischen Weinregion, die sich im ehemaligen Todesstreifen wieder entwickeln konnte. Die steilen Rebhänge und charakteristischen Weinbergshäuser – die traditionellen Kellerstöckel – prägen das Bild auf ungarischer wie auf österreichischer Seite gleichermaßen. Die Grenze trennt diese Region nicht mehr, sie verbindet sie zu einer einzigen Kulturlandschaft. Solange Sándor Goják noch die Kraft aufbringt, erinnert sein Museum daran, dass diese Freiheit und Offenheit nicht selbstverständlich sind – sie mussten hart erkämpft werden.








