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Olgis Leben im ungarischen Molnári

 

Das kleine ungarische Grenzdorf Molnári hat sich rausgeputzt. Schmucke Häuser säumen die Straße, die hinab in die weite Auenlandschaft der Mur führt – eine unberührte, artenreiche Flusslandschaft, die heute als Teil eines grenzüberschreitenden Biosphärenreservats und Nationalparks streng geschützt ist. Wo Informationstafeln die reiche Tier- und Pflanzenwelt erklären und der Fluss heute zum friedlichen Angeln und Kanufahren einlädt, verlief einst eine der am strengsten bewachten Demarkationslinien Europas. Während des Kalten Krieges bildete die Mur hier den Eisernen Vorhang zum damaligen Jugoslawien, wodurch Molnári von der Außenwelt quasi komplett abgeriegelt und es den Dorfbewohnern jahrzehntelang nahezu unmöglich war, überhaupt an das Flussufer zu gelangen. Nur ein verlassener, von wildem Grün überwucherter Bunker erinnert an diese Zeiten. Und ein Schild, dass es hier bis 1948 eine Fährverbindung ans andere Ufer nach Jugoslawien gab.

 

Hier, nur 600 Meter von der streng bewachten Grenze zum damaligen Jugoslawien entfernt, wuchs die 1966 geborene Ungarin Olgi auf. 23 Jahre ihres Lebens verbrachte sie im kommunistischen System, ein Leben, das von extremen Kontrasten zwischen kindlicher Unbeschwertheit und der harten politischen Realität des Regimes geprägt war. Heute arbeitet sie als Krankenschwester auf der Intensivstation eines Krankenhauses, während ihr Mann Sándor, der aus einem anderen Teil Ungarns hierhergezogen ist, als Rettungssanitäter im Einsatz ist.

 

Eine unpolitische Kindheit im Sperrgebiet

 

Wer glaubt, dass die ständige Präsenz bewaffneter Soldaten die Kindheit der Dorfbewohner lähmte, irrt. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit“, erinnert sich Olgi. „In diesem System wussten wir nicht, dass es auch etwas anderes gibt. Meine Kindheit hatte noch keinen politischen Inhalt.“ Olgi erzählt, dass die Schule Ferienlager organisierte. „Als Schülerin lernte ich durch verschiedene Ferienreisen ganz Ungarn kennen.“ Doch die Normalität war eine scheinbare. Wer von der 15 Kilometer entfernten Stadt Nagykanizsa nach Molnári fahren wollte, passierte einen Kontrollpunkt. „Soldaten und Grenzbeamte kontrollierten alle, die in das Grenzgebiet wollten. Nur diejenigen durften hereinkommen, die hier etwas zu erledigen hatten oder hier wohnten.“  Wer zu Besuch kam, musste genau angeben, zu wem er wollte.

 

Die Grenze bestimmte den Alltag, ohne dass man viel darüber sprach. Direkt am Fluss verlief der berüchtigte Grenzstreifen: ein drei Meter breiter, regelmäßig gepflügter und glattgeharkter Erdstreifen, auf dem jeder Fußabdruck sofort sichtbar geworden wäre. Aber auch hier gab es anscheinend Ausnahmen. Olgi erinnert sich: „Wenn wir als Kinder am Fluss spielen wollten, waren wir auf das Wohlwollen der Grenzsoldaten angewiesen. Wir hielten gezielt nach den jungen Soldaten Ausschau. War derjenige im Dienst, der uns Kindern gegenüber gewöhnlich freundlich gesinnt war, ließ er uns für kurze Zeit hinunter ans Wasser. Als Kinder hinterfragten wir diese Regeln nicht. Wir waren in diese Situation hineingeboren worden und akzeptierten sie einfach. Uns war schlichtweg von jeher verboten worden, dorthin zu gehen.“ Auf der anderen Seite erinnert sich Olgi, dass sie aber regelmäßig jugoslawisches Fernsehen aus Zagreb zu Hause empfingen. „Durch die Werbung wussten wir, was es in Jugoslawien gab und in Ungarn nicht.“

 

Das Trauma der Vorfahren: Deportation und Zwangsarbeit

 

Hinter der Fassade der sozialistischen Idylle lag jedoch ein Familientrauma. In den frühen 1950er Jahren, auf dem Höhepunkt der stalinistischen Rákosi-Ära (benannt nach dem ungarischen Diktator Mátyás Rákosi von 1947 bis 1956), wurde Olgis väterliche Familie brutal aus dem Dorf gerissen. Er galt als sogenannter „Kulake“ – wie man wohlhabende Bauern nannte. „Anfang der 1950er Jahre galt es als Verbrechen, wenn jemand angeblich oder tatsächlich ein großes Vermögen hatte.“ Das Regime gründete damals landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG). Wer sich weigerte, sein Eigentum abzugeben, wurde gezwungen oder deportiert.

 

Olgis Familie wurde an das andere Ende des Landes, in die dünn besiedelte Hortobágy-Steppe im Nordosten, zur Zwangsarbeit auf einen Bauernhof verschleppt. Mehrere Jahre mussten sie dort unter erbärmlichen Bedingungen leben und arbeiten. Doch selbst nach ihrer Entlassung durften sie nicht sofort zurückkehren. Sie erhielten zunächst nur eine vorübergehende Unterkunft am Plattensee (Balaton). Als sie Jahre später endlich in ihre Heimat Molnári zurückkehren durften, standen sie vor dem Nichts: Ihr ursprüngliches Haus war abgerissen worden, der Grund gehörte jetzt dem Staat. Die Politik änderte sich, so konnten sie später ein Stück Ackerland zurückkaufen, auf dem sie Mitte der 1970er Jahre ein eigenes Haus bauen konnten. „Hier bin ich aufgewachsen“, sagt Olgi stolz und zeigt auf das schmucke Häuschen.

 

Über die Schrecken der Vergangenheit schwieg die ältere Generation aus Angst jahrzehntelang. „Im sozialistischen System sprach man nicht darüber. Es gab auch keine Zeitungsartikel oder Berichte darüber“, erklärt Olgi.  

 

Schweinefleisch gegen Cognac per Drahtseilbahn

 

Trotz der erlittenen Repressionen ließen sich die Dorfbewohner ihren Pragmatismus nicht nehmen. Olgi erzählt von einem lebhaften, illegalen Tauschhandel mit den Verwandten und Bekannten auf der jugoslawischen Seite des Flusses. Und ausgerechnet Olgis Großvater – derselbe Mann, den das Regime zuvor deportiert hatte – war dabei einer der findigsten Köpfe im Dorf. „Es gab tatsächlich eine ausgebaute Drahtseilbahn“, erzählt Olgi über die heimliche Logistik am Fluss. „Auf einem kleinen Boot gelangte so Schweinefleisch nach Jugoslawien und auf dem Rückweg kamen begehrte Waren wie Cognac oder das Kult-Gewürz Vegeta nach Ungarn.“ Da die Grenzsoldaten zu Fuß im Stundentakt patrouillierten und es in diesem Abschnitt keine aktiven Drahtzäune oder festen Posten gab, nutzten die Einheimischen ihre präzise Ortskenntnis aus. „Das weiß ich alles nur aus Erzählungen. Aber es gehört quasi zu unserer Familiengeschichte. 

 

Das Leben der Pendler und das Verhältnis zur Macht

 

Das wirtschaftliche Überleben im Grenzdorf blieb auch in den 1960er und 70er Jahren kompliziert. Da es in der unmittelbaren Umgebung kaum passende Arbeit gab, etablierte sich ein System des „Wochenpendelns“. Die Männer, darunter Olgis Stiefvater, fuhren von Sonntag bis Samstag in weit entfernte Städte wie Budapest oder Pécs, um dort in Fabriken oder Minen zu arbeiten. „Die Familien blieben hier. Die Frauen, oft die Großmütter, haben die Kinder erzogen, sie kümmerten sich um den Haushalt und die Gärten“. Auch Olgis Großeltern sprangen im Alltag ein und halfen bei der Kindererziehung, während die Eltern unter der Woche in der Ferne das Geld verdienten. Olgis Eltern lernten sich kurioserweise genau dort kennen: im Zug auf dem Weg zur Arbeit.

 

Das Verhältnis zu den Grenzsoldaten, die in einer kleinen Kaserne zwischen Molnári und Tótszerdahely stationiert waren, beschreibt Olgi als erstaunlich menschlich. Es handelte sich meist um junge Wehrpflichtige aus anderen Landesteilen. „Jeder wusste, dass sie ihre Arbeit aus Pflichtgefühl erledigen. Also waren alle Dorfbewohner sehr freundlich zu den Soldaten. Sie boten ihnen immer Obst aus den Gärten an.“ So mancher junge Soldat fand privat bei den Dorfbewohnern Anschluss. „Sehr viele Soldaten haben geheiratet und hier Familien gegründet.“