Ein Ortseingangsschild im österreichischen Burgenland: Kleinwarasdorf und Mali Borištof. Rund 95 Prozent der etwa 400 Einwohner des Ortes sprechen Burgenlandkroatisch – eine eigene Variante des Kroatischen, die sich historisch unabhängig vom modernen Standardkroatisch entwickelt hat. Einer von ihnen ist der 68-jährige Otto Bintinger. Seine Geschichte und seine Sicht auf die Region zeigen, wie eine jahrhundertelange Tradition im Herzen Europas lebendig bleibt, aber auch, vor welchen modernen Herausforderungen die Minderheit heute steht.
Eine fast 500-jährige Geschichte
Die Präsenz der kroatischsprachigen Bevölkerung im heutigen Österreich ist Teil einer dramatischen europäischen Geschichte. Sie reicht zurück in das 16. Jahrhundert, als die Truppen des Osmanischen Reiches Richtung Wien zogen und dabei weite Teile Kroatiens und Bosniens verwüsteten. Rund 100.000 Menschen flohen vor den Kriegswirren. Kaiserliche Truppen und lokale Grundherren siedelten die Geflüchteten gezielt im damaligen Westungarn an. Das Ziel: Die durch die Kriege entvölkerten, brachliegenden Flächen wieder zu bewirtschaften. Das Siedlungsgebiet erstreckte sich über das heutige Burgenland, das westliche Ungarn sowie Teile der Slowakei nahe Bratislava.
„Wir sind schon fast 500 Jahre hier in Österreich, also im Burgenland“, ordnet Bintinger die Herkunft seiner Gemeinschaft historisch ein. Dass sich diese Kultur über so viele Generationen erhalten hat, grenzt an ein kleines Wunder. Rund um Kleinwarasdorf bilden heute etwa zehn Gemeinden das Kerngebiet der Burgenlandkroaten, in dem die Sprache fest im Alltag verankert ist. Doch diese Gemeinschaft endet nicht an der Staatsgrenze: Auch auf der ungarischen Seite, nur wenige Kilometer entfernt, gibt es bis heute kroatische Dörfer. Die Menschen dort gehören zur selben Minderheit und werden als Burgenlandkroaten (auf Ungarisch: gradišćei horvátok) bezeichnet. „Ich bin alles. Ich bin Österreicher, Burgenländer und Kroate“, beschreibt Bintinger sein Identitätsgefühl. „Ich werde meine Herkunft nie verleugnen.“
Alltag zwischen zwei Sprachen
Die sprachliche Realität im Burgenland ist von einer pragmatischen Zweisprachigkeit geprägt. Das Burgenlandkroatische unterscheidet sich in der Grammatik und im Wortschatz spürbar vom heutigen Standardkroatisch. Bintinger erläutert: „Es ist ein anderes Kroatisch, als man in Kroatien spricht, aber ich kann mich dort gut mit den Menschen unterhalten. Allerdings verstehe ich einen Serben wesentlich besser als einen Kroaten“, wundert sich Bintinger selbst über die sprachlichen Entwicklungen. Im Alltag achte man zudem darauf, neutrale Begriffe zu verwenden, um im historisch sensiblen Gefüge Ex-Jugoslawiens politische Schubladen zu vermeiden.
Dennoch hinterlässt die Dominanz des Deutschen im modernen Österreich Spuren. Obwohl Bintinger betont, dass das Kroatische eine leichte Sprache mit einer klaren, lautgetreuen Schreibweise sei, schleicht sich oft Bequemlichkeit ein: „Bei uns wird auch sehr viel Deutsch gesprochen, weil die meisten zu faul sind. Statt nachzudenken und ein kroatisches Wort zu suchen, sagt man gleich das deutsche Wort. Aber wenn ich mir Mühe gebe, kann ich absolut reines Kroatisch ohne ein einziges deutsches Wort sprechen“, sagt er stolz.
Kultur, Musik und der Blick über die Grenze
Das Gemeinschaftsleben in den kroatischen Dörfern wird stark durch Vereine getragen. „Wir sind in Österreich eine kleine Gruppe, da muss man zusammenhalten“, erklärt Bintinger. Ob im kroatischen Gesangsverein, im Kirchenchor oder beim traditionellen Tamburizza-Spielen – einem typischen Saiteninstrument, das die Kinder bereits in der Schule lernen können – die Kultur wird aktiv gelebt. Stolz erwähnt er auch den örtlichen Kegelverein, der sogar schon einmal einen Weltmeister gestellt hat: „Wir sind eine der besten Kegelmannschaften in der Region.“
Auch die geografische Nähe zu Ungarn prägte das Leben der Gemeinschaft, selbst während des Kalten Krieges. Während der Eiserne Vorhang Europa teilte, war die Grenze für die kroatischsprachigen Dörfer hüben und drüben zwar ein Hindernis, aber keine unüberwindbare Mauer. „Es hat immer Möglichkeiten gegeben, mit den in Ungarn lebenden Nachbarn zu kommunizieren“, erinnert sich Bintinger an Erzählungen und eigene Erfahrungen. Durch die gemeinsame Sprache sei beispielsweise der informelle Austausch und Schmuggel in den Grenzregionen nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich einfacher gewesen als für die rein deutschsprachige Bevölkerung.
Der Kampf um Anerkennung und die Angst vor der Assimilation
Heute sind die Burgenlandkroaten in Österreich als offizielle Minderheit anerkannt, was ihnen unter anderem zweisprachigen Schulunterricht sowie eigene Radio- und Fernsehsendungen garantiert. Doch dieser Status musste hart erkämpft werden. Der jahrzehntelange Streit um zweisprachige Ortstafeln ist Bintinger im Gedächtnis geblieben: „Gekämpft haben wir lang genug, bis dann die Regierung das Recht auf zweisprachige Schilder akzeptiert hat.“ Dass man für manche Rechte im Schulsystem bis heute extra Anträge stellen muss, empfindet er dennoch als unfair.
Noch schwieriger ist die Situation jedoch im ungarischen Teil der Community. „In Ungarn gibt es kaum noch kroatische Schulen“, gibt Bintinger zu bedenken. Dort verliert sich die Sprache in den jungen Generationen oft noch viel schneller.
Doch auch in Österreich ist der globale Wandel die größte Bedrohung für das Überleben der Kultur. In einer vernetzten Welt, in der junge Menschen zum Studium in größere Städte ziehen, löst sich das homogene Dorfgefüge unweigerlich auf. Das zeigt sich bereits in Bintingers eigener Familie: Da seine Schwiegertochter aus einer Familie mit Wiener Wurzeln stammt, verändert sich das Sprachverhalten der nächsten Generation. „Jetzt muss ich mit meiner Enkeltochter auch oft Deutsch reden. Sie versteht zwar Kroatisch, antwortet aber auf Deutsch“, schildert er die Situation. Auch in den Kindergärten der kroatischen Dörfer werde unter den Kindern meist mehr Deutsch gesprochen. „Das kommt durch den Einfluss der deutschsprachigen Medien“, ist Bintinger überzeugt.
Über wie viele Generationen das lebendige Erbe auf beiden Seiten der Grenze noch fortbestehen wird, hängt maßgeblich davon ab, ob es der jungen Generation gelingt, den Stolz auf ihre Herkunft im Alltag weiterzutragen.




