Tamás kommt in einem echten Stück Ostalgie vorgefahren: einem originalen DDR-Trabant aus den 1980er-Jahren. Gemeinsam knattern wir von Sopron aus Richtung Norden, genau an jene Stelle, an der sich am Nachmittag des 19. August 1989 für wenige Stunden die Grenze öffnete und das Rad der Weltgeschichte in Bewegung gesetzt wurde.
Heute befindet sich hier der Gedenkpark „Paneuropäisches Picknick“. Tamás ist Zeitzeuge. Damals war er Student, politisch engagiert und einfach neugierig auf dieses Ereignis. Am Vormittag strömte er mit den anderen Besuchern auf die Picknick-Wiese in der Nähe der Grenze. „Aber am Nachmittag, als das Grenztor aufging, war ich nicht mehr vor Ort“, erzählt er. „Ich habe den historischen Moment verpasst. Niemand konnte ahnen, was an diesem Tag passieren würde.“
Ein symbolisches Fest mit ungeahnter Dynamik
Geplant war das Paneuropäische Picknick als Friedensdemonstration und symbolisches Treffen, um ein Zeichen gegen die Teilung Europas zu setzen. Teil der Veranstaltung war eine dreistündige, rein symbolische Grenzöffnung, strikt limitiert für Bürger Österreichs und Ungarns. Die Idee für dieses Friedensfest entstand fernab der Grenze in Debrecen im Osten Ungarns. Otto von Habsburg, der Vorsitzende der Paneuropa-Union, und ungarische Oppositionsgruppen wollten ein Zeichen der Verbundenheit setzen und Europa ein Stück näher zusammenbringen.
„Auf einer Wiese in der Nähe des Grenzzauns herrschte am Morgen echte Volksfeststimmung mit Gulaschkanone, Musik und vielen Reden auf einer Bühne vor dem Bierzelt“, erinnert sich Tamás. Dass hier am Nachmittag ein hochdramatisches Szenario ablaufen würde, wusste am Morgen noch niemand. Tamás selbst hatte damals kein Interesse, sein Land zu verlassen. Im Vergleich zu anderen Ostblockstaaten war die Lage im Ungarn der späten 1980er-Jahre unter dem Reformkommunisten Imre Pozsgay bereits spürbar lockerer. Bereits im Mai 1989 hatte das Land mit dem Abbau der Grenzanlagen begonnen, und im Juni schnitten die Außenminister Alois Mock und Gyula Horn symbolisch den Zaun durch. Die ungarische Führung testete Schritt für Schritt aus, wie weit sie gehen konnte, ohne eine Reaktion der Sowjetunion zu provozieren.
Die Flucht im Schatten der Gulaschkanone
Doch die Dynamik des Tages überrollte alle Planungen. Hunderte DDR-Bürger waren vom rund 120 Kilometer entfernten Plattensee, wo sie ihren Sommerurlaub verbrachten, nach Sopron gereist. Tamás ist überzeugt, dass diese Massenflucht kein reiner Zufall, sondern im Hintergrund vorbereitet war.
„Viele DDR-Bürger erfuhren über Flugblätter von dem Picknick. Sie hatten Landkarten dabei, um diesen abgelegenen Ort an der Grenze überhaupt zu finden“, berichtet er. Er erzählt von schwarzen Limousinen, die vorher am Plattensee gesichtet worden seien. Er geht davon aus, dass es Informanten aus der BRD waren, die die Urlauber gezielt mobilisierten.
Als die Menschenmassen das provisorische Holztor erreichten, eskalierte die Situation friedlich. Tamás zeigt auf ein historisches Foto: Es zeigt einen ruhigen, keineswegs verunsicherten ungarischen Grenzbeamten. „Normalerweise standen hier sechs bewaffnete Grenzer, um den Abschnitt zu kontrollieren. Sie hielten sich an die bürokratischen Vorgaben des Tages, kontrollierten stur die ungarisch-österreichische Delegation und ignorierten dabei bewusst den Ansturm der DDR-Bürger im Rücken, um ein Blutvergießen zu verhindern.“ Etwa 600 bis 700 DDR-Bürger gelangten an diesem Nachmittag unversehrt nach Österreich – die größte Massenflucht seit dem Bau der Berliner Mauer. Es war der Moment, in dem das Fundament des Ostblocks unwiderruflich brach. Das Picknick ebnete den Weg für den 11. September 1989, als Ungarn seine Grenzen für DDR-Bürger offiziell komplett öffnete.
Vom eisernen Sperrgebiet zum Denkmal
Heute erinnert ein beeindruckendes Mahnmal an die historischen Ereignisse. Das Kunstwerk des ungarischen Künstlers Miklós Melocco zeigt Menschen, die aus dem Untergrund nach oben in die Freiheit drängen, während im Hintergrund der Sozialismus symbolisch in sich zusammenbricht.
Wo einst der tödliche Stacheldraht verlief, blickt man heute durch ein halb geöffnetes Tor. „Im Sommer 1989 stand hier nur noch ein einfacher, eher symbolischer Zaun“, hält Tamás fest. Er fügt eine skurrile Anekdote hinzu: Die Qualität des ursprünglichen Stacheldrahts des Eisernen Vorhangs war paradoxerweise so hoch, dass Ungarn und die Sowjetunion ihn gar nicht selbst produzieren konnten. Er musste für teure Devisen aus Schweden importiert werden. Am ehemaligen „Bratislava-Feldweg“ ist der Vorhang heute vollständig verschwunden.
Tamás und die Geschichte einer Grenzstadt
Die wechselvolle Identität der Stadt Sopron – dem historischen Ödenburg – spiegelt sich direkt in Tamás’ eigener Herkunft wider. Seine Familie ist seit 200 Jahren hier ansässig. Obwohl die Stadt nach der Volksabstimmung von 1921 bei Ungarn verblieb und seither den stolzen Titel Civitas Fidelissima (treueste Stadt) trägt, blieben die ungarndeutschen „Schwaben“ prägend. Heute ist Tamás der Vorsitzende ihrer lokalen Selbstverwaltung.
Diese Familiengeschichte ist tief mit den Brüchen der europäischen Grenzen verwoben: Während seine Urgroßmutter 1946 mit vier Kindern nach Deutschland vertrieben wurde, blieb seine Großmutter als einzige Tochter zurück. „Warum, das war lange ein Familiengeheimnis“, erzählt Tamás. „Heute weiß ich: Die Familie hat damals einen Kommunisten mit Wein und Geld bestochen.“ Um den Kontakt zu halten, kam die Verwandtschaft aus Deutschland später regelmäßig zu Besuch. Im Jahr 1984 durfte Tamás schließlich das erste Mal selbst in die Bundesrepublik reisen, um die verstreute Familie im Westen zu besuchen.
Die Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit
Aus dem zeitlichen Abstand von fast vier Jahrzehnten heraus hat sich der Geist von 1989 gewandelt. Das Paneuropäische Picknick gilt als entscheidender Meilenstein auf dem Weg zur deutschen Wiedervereinigung und zur Osterweiterung der EU. Doch das heutige Mitteleuropa steht vor neuen Zerreißproben.
Tamás, der heute als Geografielehrer an der deutschen Schule in Sopron arbeitet, beobachtet die aktuellen Entwicklungen mit Sorge. In politischen Debatten vor Ort wird die EU oft auf eine reine Wirtschaftsorganisation reduziert. „Dabei haben viele Menschen hier verstanden, dass unsere Zukunft nicht bei Putin liegt, sondern in Europa“, betont er. Die ideellen Werte von 1989 – die grenzenlose Freiheit und die demokratische Transformation – müssen heute wieder neu verteidigt werden. Kein Verständnis hat Tamás für Menschen, die sich nach alten kommunistischen Zeiten zurücksehnen und die Demokratie anzweifeln.
Als Zeitzeuge hat Tamás es sich zum Hobby und zur Lebensaufgabe gemacht, seine Erinnerungen an die Jugend weiterzugeben. Sein alter Trabi ist dabei mehr als nur ein nostalgischer Hingucker. Er ist ein rollendes Mahnmal dafür, wie grau der Alltag und wie marode die Wirtschaft der Ostblockstaaten in den 1980er-Jahren waren. „Die Menschen wollten endlich Freiheit“, sagt Tamás. „Und diese Freiheit ist wie die Luft zum Atmen: Wie wichtig sie ist, merkt man erst, wenn sie weg ist.“








