Die Gemeinde Kittsee im nördlichsten Burgenland liegt direkt an der Grenze zur Slowakei vor den Toren Bratislavas. Hier trennte der Eiserne Vorhang einst zwei Welten. Heute, im Jahr 2026, steht die Gemeinde vor völlig neuen Herausforderungen.
Mittendrin steht Johannes Hornek. Der 60-jährige gelernte Elektriker und Landwirt führt die Gemeinde seit neun Jahren als Bürgermeister. Und er tut dies auf eine höchst eigenwillige, aber erfolgreiche Art: Hornek besitzt keinen Computer, schreibt keine E-Mails und liest auch keine. Wer etwas von ihm will, muss zum Telefon greifen oder persönlich vorbeikommen.
Vom „Paradies“ zur rasant wachsenden Zuzugsgemeinde
Bis zum Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 lebten die Menschen in Kittsee in einer Art abgeschiedener Idylle. Die rund 2.400 Einwohner blickten wirtschaftlich ausschließlich in die umliegenden Städte und nach Wien. Man pendelte mit der Bahn von Wolfsthal oder über die Bundesstraßen B9 und B10 in die Hauptstadt. Im Ort gab es florierende Agrar-, Handels-, Industrie- und Gewerbebetriebe aller wichtigen Branchen – teils mit bis zu 30 Beschäftigten. Neben Banken, Gastronomie, Ärzten, Schulen und Kindergarten existierte sogar ein eigenes Krankenhaus. „Wir haben hier im Grunde alles gehabt“, erinnert sich Hornek.
Dabei war die Grenze für die Kittseer weit mehr als nur eine geopolitische Linie – sie war ein tiefer Schnitt durch die eigene Familiengeschichte. Historisch gehörte der heutige Bratislavaer Stadtteil Petržalka (Engerau) zur Herrschaft Kittsee, ehe das Gebiet abgetrennt wurde. Horneks Vater, geboren 1935, verbrachte seine Jugend noch drüben im Nachbarort, bevor 1948 der Eiserne Vorhang fiel. Später wurde das alte Dorf auf tschechoslowakischer Seite radikal dem Erdboden gleichgemacht, um Platz für die gigantischen, sozialistischen Plattenbauten von Petržalka zu schaffen. „Man gewöhnt sich an vieles, es hat uns ja nicht wehgetan“, sagt Hornek heute pragmatisch über den Blick auf die Betonriesen vor seiner Haustür.
Doch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und insbesondere mit dem Schengen-Beitritt der Slowakei veränderte sich alles schlagartig. Heute zählt Kittsee laut offizieller Gemeindeklimastatistik knapp 3.900 Hauptwohnsitze – das ist fast eine Verdoppelung seit den Zeiten des Eisernen Vorhangs. Zählt man die Nebenwohnsitze hinzu, leben weit über 4.400 Menschen im Ort.
Etwa die Hälfte der Bevölkerung besteht inzwischen aus slowakischen Staatsbürgern, die ins grüne Umland der angrenzenden Großstadt Bratislava (von Hornek konsequent „Pressburg“ genannt) gezogen sind. „Bei uns ist der Wohnraum mittlerweile fast günstiger als in Pressburg. Das betrifft vor allem Einfamilienhäuser“, erklärt Hornek. „Hier lebt die alleinerziehende Mutter genauso wie Menschen mit höherem Einkommen.“
Die Herausforderungen: Infrastruktur, Finanzen und Integration
Dieses enorme Wachstum bringt die Gemeinde an ihre Belastungsgrenzen. Vor allem der Ausbau von Schulen und Kindergärten stellte Kittsee vor große Herausforderungen. Hinzu kommt ein massives finanzielles Problem. Obwohl die Gemeinde wächst, fließt über die staatlichen Ertragsanteile immer weniger Geld zurück“, beklagt der Bürgermeister. Dennoch betont Hornek, dass die Zustände im Vergleich zu Deutschland in Kittsee noch hervorragend seien. Die Schulen seien saniert, Schlaglöcher gebe es im Ort kaum und Vereine würden weiterhin tatkräftig unterstützt.
Auf der Straße oder im Vereinsleben verläuft die Integration der slowakischen Neubürger pragmatisch, birgt aber auch Besonderheiten. Da die slowakische Sprache im Burgenland im Gegensatz zur kroatischen oder ungarischen Minderheit gesetzlich nicht offiziell anerkannt ist, gibt es in Kittsee keine zweisprachigen Schulen oder Kindergärten. Im Unterricht gilt ausschließlich der österreichische Lehrplan auf Deutsch.
Trotz der fehlenden offiziellen Anerkennung geht man in der Gemeinde pragmatisch mit der Zweisprachigkeit um. Wenn im Gemeindealltag Barrieren auftreten oder wichtige Dokumente übersetzt werden müssen, gibt es im Ort immer jemanden, der unkompliziert einspringt und dolmetscht. Zudem gibt es im Kindergarten spielerische Sprachangebote, und im Ort haben sich private Eltern- und Familieninitiativen gebildet, die Begegnungsräume schaffen, in denen neuzugezogene und alteingesessene Familien Barrieren abbauen.
Die Integration gelingt vor allem über den Sport – Fußball und Leichtathletik bringen die Menschen zusammen. Auch in der Kirche und im Musikverein findet man sich. Schwieriger gestaltet sich die Einbindung in die Freiwillige Feuerwehr oder das Rote Kreuz. Dies sei in der Slowakei traditionell eine reine Staatsaufgabe gewesen, weshalb das Konzept des freiwilligen Ehrenamtes dort kaum verankert ist.
Um soziale Abschottung und ein bloßes Nebeneinanderherleben im Keim zu ersticken, setzt der Bürgermeister auf ein aktives Miteinander. Er wünscht sich, dass sich jeder Einzelne – egal ob alteingesessen oder neugezogen – aktiv in das Dorfleben einbringt, sei es im Sport, in den Kulturvereinen oder der Kirchengemeinschaft. Für Hornek funktioniert eine gesunde Gemeinde nur, wenn die Menschen Verantwortung für ihr Umfeld übernehmen und sich als Teil des Ganzen verstehen. „Es gibt keine neuen Grenzen“ – dieses Prinzip gilt für ihn vor allem im übertragenen Sinne für die Köpfe und das Zusammenleben im Ort.
Die Marille: Ein süßes Erbe historischer Grenzziehungen
Ein Wirtschaftsfaktor, der Kittsee weit über die Grenzen hinaus bekannt gemacht hat, verdankt seine Existenz ironischerweise den historischen Grenzziehungen des 20. Jahrhunderts. Der Grundstein wurde bereits nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie gelegt: Durch die neuen Staatsgrenzen verlor Österreich den direkten Zugriff auf seine traditionellen ungarischen Marillenanbaugebiete, weshalb man in Kittsee ab den 1920er-Jahren begann, verstärkt auf eigene Plantagen zu setzen. Diese Situation verschärfte sich, als nach dem Zweiten Weltkrieg die Grenzen zu Ungarn und der damaligen Tschechoslowakei durch den Eisernen Vorhang endgültig dichtgemacht wurden. Findige Kittseer erkannten die Marktlücke auf dem österreichischen Staatsgebiet und bauten die Marille im großen Stil als Lieferant für die Wiener Märkte an. Heute gilt Kittsee als die „Marillengemeinde in Österreich“. Fast jeder Einwohner – ob alt oder neu – hat Marillenbäume im Garten stehen. Obwohl die Bewirtschaftung durch das Auftreten der Pflanzenkrankheit Monilia erschwert wurde und reiner Bio-Anbau kaum noch möglich ist, bleibt die Marille ein identitätsstiftender Nebenerwerb. Geerntet wird nach wie vor in Handarbeit. Die Früchte werden direkt vermarktet oder zu Marmelade, Schnaps und Saft verarbeitet.
Der „Systemerhalter“ blickt skeptisch auf die Welt
Hornek, der politisch für die ÖVP kandidiert, sich selbst aber als „sehr linksliberal eingestellter“ Mensch bezeichnet, sieht seine Rolle nüchtern: „Ich bin ein Systemerhalter. Ich schaue, dass das System für die meisten Menschen ertragbar ist.“ Wie dieser Dienst am System in der Praxis aussieht, zeigt der Ortschef durch oft unkonventionelles Management: Er erwartet von seinen Bürgerinnen und Bürgern Eigenverantwortung. „Kleine Nachbarschaftskonflikte können sie selbst lösen, um den Gemeindeapparat nicht mit „Pipifax-Problemen“ zu belasten.“ Gleichzeitig packt er dort an, wo es brennt, und unterstützt Menschen in akuten finanziellen Notlagen auch mal direkt mit 500 Euro aus der eigenen Tasche. Für ihn bedeutet Systemerhaltung, die Gemeinde funktionstüchtig zu halten, unabhängig zu bleiben und zu jedem Bürger – egal ob alt- oder neuzugezogen – „gleich unfreundlich zu sein, wenn sie deppert sind“.
Mit der klassischen politischen Erinnerungskultur kann Hornek indes nur wenig anfangen – nicht weil er sie für falsch hält, sondern weil er an der Lernfähigkeit der Menschheit zweifelt. Trotzdem zeigt er sich kooperativ. Er unterstützt die Errichtung einer Gedenktafel an der Preßburger Straße auf seinem Gemeindegebiet für Hartmut Tautz, einem jungen DDR-Flüchtling, der 1986 nur wenige Meter vor der Grenze zu Österreich von Grenzhunden zerfleischt wurde. „Die Geschichte ist wichtig, aber wir lernen so wenig aus der Geschichte“, klagt Hornek und verweist auf das Erstarken autoritärer Sehnsüchte in Österreich und Deutschland. Es sei ihm völlig unverständlich, warum heute wieder so viele Menschen nach einem „starken Mann“ schreien und alten, gefährlichen Ideologien hinterherlaufen.
Trotz dieser philosophischen Frustration lässt sich Hornek nicht entmutigen. Er versteht sich eher als Manager seiner Kommune, denn als klassischer Politiker. Und obwohl er im nächsten Jahr offiziell das Pensionsalter erreicht, wird er bei der kommenden Wahl wieder kandidieren – aus Respekt vor dem Vertrauen, das ihm die Bevölkerung in den letzten Jahren entgegengebracht hat.







