Die Grenze zu Österreich zieht sich wie ein Halbkreis um die slowakische Hauptstadt Bratislava. Der einstige „Kolonnenweg“, auf dem früher die schweren Militärfahrzeuge der Grenztruppen patrouillierten, ist heute ein Radweg durch die wilde, unberührte Natur des ehemaligen Grenzstreifens. Im Stadtteil Petržalka (Engerau), direkt an diesem Stadtrand von Bratislava, stößt man in der flachen Landschaft auf tonnenschwere Zeugen einer dramatischen Vergangenheit. Hier verlief jahrzehntelang der Eiserne Vorhang. Mittendrin liegt der Bunker B-S 4 „Lány“. Die Petržalka-Bunker, Objekte der tschechoslowakischen Befestigungsanlagen, sind heute ein einzigartiges militärisches, historisches und technisches Denkmal.
Dass diese Festung heute wieder begehbar und zu einem lebendigen Museum geworden ist, verdankt sie einer Handvoll engagierter Freiwilliger. Dazu gehört Tomas, der einen Großteil seiner Freizeit hier verbringt.
Im normalen Leben arbeitet Tomas als Mechaniker im Theater. Doch seine Wochenenden gehören seit über 15 Jahren der tschechoslowakischen Geschichte. Die persönliche Verbindung von Tomas zu diesem geschichtsträchtigen Ort reicht weit in seine eigene Kindheit zurück. „Wir kamen als Kinder Ende der 1990er Jahre zum Spielen hierher“, erinnert sich der heute 41-Jährige.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs lag das ehemalige militärische Sperrgebiet plötzlich offen. Für die Kinder der Umgebung wurden die verlassenen, damals völlig verwahrlosten Betonkolosse zu einem Abenteuerspielplatz. Doch aus dem kindlichen Entdeckerdrang entwickelte sich bald eine Faszination für die historische Bedeutung der Anlagen. Vor rund 15 Jahren mietete die Gruppe den Bunker schließlich an und begann in mühsamer, jahrelanger Detailarbeit, die verschütteten und geplünderten Räume komplett in Eigenregie wieder herzurichten.
Heute betreibt das kleine Team aus rund acht Freiwilligen hier das einzige vollständig restaurierte Bunkermuseum der Region. „Jedes historische Ausstellungsstück – von den schweren Panzertüren bis hin zu alten Telefonanlagen und originalen Waffen – wurde mühsam auf Flohmärkten, Militaria-Börsen oder bei Sammlern in ganz Europa zusammengekauft“, erzählt Tomas, der regelmäßig samstags Führungen durch den Bunker macht. Er erklärt die Geschichte, aber ist durch das jahrelange Engagement auch zum Experten der Militärtechnologie der 1930er Jahre geworden. Viele hat er auch selbst restauriert und an den Originalplätzen in dem Bunker eingebaut.
Das Erbe der Ersten Republik und das Münchner Abkommen
Die Bunkerlinie entlang der Grenze zu Österreich und Deutschland entstand in den Jahren 1935 bis 1938 unter enormem Zeitdruck. Angesichts der wachsenden Bedrohung durch Nazi-Deutschland errichtete die Erste Tschechoslowakische Republik ein dichtes Verteidigungsnetz, das sich stark an der berühmten französischen Maginot-Linie orientierte. Insgesamt 25 schwere Bunkerbauten verschiedener Größen und Bauarten sollten allein den strategisch wichtigen Brückenkopf von Bratislava sichern.
Dabei überließen die Militärplaner nichts dem Zufall: Die massiven Festungswerke wurden in Abständen von nur etwa 200 bis 600 Metern errichtet. Durch diese dichte Staffelung war kein Bunker isoliert; jeder lag im Sicht- und Schussfeld des nächsten. Viele sind heute noch im dichten Grün des ehemaligen Sperrbezirks versteckt.
Doch die Geschichte holte die hochmodernen Verteidigungspläne ein, noch bevor die Bauarbeiten vollständig abgeschlossen waren. Ende September 1938 wurde das Münchner Abkommen von den Regierungschefs der vier europäischen Großmächte (Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien) unterzeichnet. Die tschechoslowakische Regierung wurde gezwungen, die Grenzgebiete kampflos an das Deutsche Reich abzutreten. Die Soldaten mussten abziehen, ohne dass jemals ein einziger Schuss aus den Bunkern zur Verteidigung des eigenen Landes abgegeben werden konnte.
Die Waffenindustrie als technologischer Motor
Dass diese Bunkeranlagen ihrer Zeit technisch so weit voraus waren, lag an einem entscheidenden Detail: Die Tschechoslowakei war in den 1930er-Jahren einer der weltweit führenden Produzenten hochmoderner Rüstungsgüter. Heimische Konzerne statteten die Festungswerke mit modernsten Spezialanfertigungen aus. Um den Bunker B-S 4 „Lány“ herum zeugen noch heute rekonstruierte Panzerabwehr- und Antipersonenhindernisse – dichte Barrieren aus Beton, Stahl und Stacheldraht – von dem Versuch, das Land uneinnehmbar zu machen.
Hitlers Besuch am Westwall der Tschechoslowakei
Wie groß das Interesse der Nationalsozialisten an dieser Festungslinie war, zeigt ein Besuch Adolf Hitlers im Oktober 1938 nur wenige Tage nach der Annexion des Gebietes. Ein historisches Foto im Museum dokumentiert, dass er genau diesen Bunker als Teil der tschechoslowakischen Grenzbefestigung bei Bratislava inspizierte. Die Wehrmacht nutzte die Anlage in der Folgezeit vor allem als Übungsgelände für eigene Angriffs- und Verteidigungsszenarien.
Im Inneren des Bunkers zeigt Tomas den schmalen Aufstieg zur originalen Panzerkuppel auf dem Dach, die der Mannschaft als eiserner Beobachtungsposten diente. Über eine Leiter stieg der Soldat damals empor, um das Gelände im Auge zu behalten und die Zieldaten über ein Telefonkabel direkt an die Mannschaft an den Waffen weiterzugeben. Über eine Leiter geht es in das Untergeschoss mit den Versorgungsräumen.
Gefangen im Sperrgebiet des Kalten Krieges
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 fiel das Territorium zurück an die Tschechoslowakei. Ab 1947 wurde die Verteidigungslinie im Zuge des heraufziehenden Kalten Krieges reaktiviert, da sie nun direkt am Eisernen Vorhang lag – der neuen Grenze zwischen Ost und West.
Jahrzehntelang lag der Bunker in einer absoluten Hochsicherheitszone. Wer sich der Grenze ohne Genehmigung auch nur näherte, riskierte sein Leben. Selbst die Bauern wurden streng bewacht, wenn sie die umliegenden Felder bewirtschafteten. Die Bunker waren in dieser Zeit voll einsatzbereit und für den Ernstfall ausgerüstet, um einem potenziellen Angriff des westlichen Bündnisses standzuhalten. Tomas zeigt den Besuchern heute die historische Vorratskammer und erklärt, dass die gelagerten Rationen darauf ausgelegt waren, die rund 20 bis 27 Soldaten im Ernstfall zwei Wochen lang völlig autark zu versorgen.
Zwar hielt das Militär den Bunker in den ersten Jahrzehnten des Kalten Krieges einsatzbereit, doch später wurde die Anlage stillgelegt. Ironischerweise ist es genau der jahrzehntelangen Isolation und dem strengen Betretungsverbot im Sperrgebiet zu verdanken, dass sich die Natur rund um den Bunker so frei entfalten konnte und die Bauwerke nicht dem Bauboom der wachsenden Großstadt Bratislava weichen mussten.
Geschichte hautnah erleben
Wer heute mit Tomas die steile Treppe in das kühle Innere des Bunkers hinabsteigt, begibt sich auf eine Zeitreise. Wenn der gelernte Mechaniker den originalen, manuell betriebenen Belüftungsmotor anwirft, der einst dafür sorgte, dass der Pulverdampf der Maschinengewehre aus den Kampfständen gepresst wurde, dröhnt die Vergangenheit ohrenbetäubend durch die engen Betongänge.
Tomas und sein Team zeigen mit ihrem ehrenamtlichen Engagement nicht nur die Militärtechnik der 1930er-Jahre, sondern halten vor allem die Erinnerung an die Schrecken der europäischen Teilung wach. Es ist ein Mahnmal aus Beton – gerettet von den Kindern, die einst in seinen Ruinen spielten.







