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Lenkas Blick auf eine zerrissene Slowakei

 

Mitten zwischen den Wohnblöcken des Stadtteils Petržalka in Bratislava vergnügen sich die Menschen an einem Sonntagnachmittag am Badesee. Viele Familien sind gekommen, um die neue Wasserlandschaft auf dem See zu erkunden. Auch Lenka verbringt mit ihrer Familie den Nachmittag am See, der aus einem alten Kieswerk entstanden ist. Die 37-Jährige steht sinnbildlich für eine junge, zerrissene Generation der Slowakei: gut ausgebildet, weit gereist und tief besorgt über die Zukunft ihrer Heimat.

 

Lenka ist eine Brückenbauerin zwischen zwei Welten. Aufgewachsen in der ländlichen Slowakei und in der Hauptstadt, zog es sie als junge Erwachsene für fünf Jahre nach Schottland. Heute lebt und arbeitet sie in Bratislava. „Wenn man aufs Land fährt, herrscht dort oft ein tiefes Misstrauen gegenüber der Hauptstadt“, erzählt sie. Diese Spaltung prägt die Gesellschaft, doch die Konflikte reichen weit tiefer – bis an die heimischen Küchentische.

 

Der Riss durch die Generationen

 

Während Lenkas 80-jähriger Großvater trotz seines Alters entschieden pro-europäisch denkt, hat sich ihr Vater in eine völlig andere Richtung entwickelt. „Mein Vater ist den ganzen Tag in den sozialen Medien und konsumiert dubiose Kanäle“, berichtet Lenka besorgt. Das Ergebnis: Ihr Vater glaubt an Verschwörungserzählungen, schimpft auf die Europäische Union und ist überzeugt, dass Russland das beste Land der Welt sei und die USA und der „Westen“ eine Verschwörung gegen die Slowakei planen.

 

„Er war noch nie in Russland. Ich sage ihm immer: Geh doch hin, versuch dort zu leben!“, sagt sie mit einer Mischung aus Frust und Unverständnis. Doch der Algorithmus der sozialen Medien greife bei Menschen, denen es an kritischem Denken fehle, unbarmherzig. Paradoxerweise schwärmen ihre Eltern bis heute vom Kommunismus, obwohl sie Anfang der 1990er-Jahre, direkt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, mit finanzieller Hilfe der Großeltern in die USA auswanderten, um in Chicago und Florida Geld zu verdienen.

 

Nach einigen Jahren kamen sie zurück, da sie dort nicht Fuß fassen konnten. An die Sowjetzeit gewöhnt, in der das Leben vorhersehbar und durchgeplant war, überforderte sie der ständige Konkurrenzdruck des westlichen Kapitalismus, sodass die Rückkehr die einfachere Option war. „Sie lernten auch kaum Englisch und lebten überwiegend in einer polnischen Blase“, kommentiert Lenka. Aus dem eher materiell geprägten Abenteuer erwuchs letztlich der Wunsch nach persönlicher Absicherung – während jegliches Gespür für Gemeinschaft auf der Strecke blieb. Lenka sieht darin einen Trend bei der Generation ihrer Eltern: „Ich erlebe viele Menschen in diesem Alter als sehr egoistisch. Sie interessieren sich nicht wirklich für die Zukunft der jüngeren Generation. Sie wollen einfach nur ein gutes Leben haben.“

 

Leben im „Plattenbau-Kosmos“ Petržalka

 

Seit fünf Jahren lebt Lenka nun in Petržalka, dem größten Plattenbauviertel Mitteleuropas, in dem fast ein Drittel der Bevölkerung Bratislavas wohnt. In den 1990er-Jahren hatte der Bezirk einen berüchtigten Ruf, geprägt von Drogen, gewalttätigen Neonazi-Jugendgruppen und der omnipräsenten Mafia, die damals große Teile des Landes kontrollierte. „Spielplätze für die Kinder gab es damals kaum“, weiß Lenka aus Erzählungen.

 

Heute wandelt sich das Viertel rasant. Der lokale Bürgermeister investiert massiv in Sportanlagen, eine neue Straßenbahnlinie wurde gerade erst eröffnet und der Bezirk kauft Grundstücke auf, um die Natur rund um die Seen für die Bevölkerung dauerhaft kostenlos zu erhalten. Dennoch bleibt die Wohnsituation in den alten sozialistischen Blocks eine tickende Zeitbombe. Niemand weiß genau, wie lange diese Betonbauten noch halten werden, zumal viele Eigentümer bei privaten Renovierungen tragende Wände wie „Schweizer Käse“ durchlöchern. Zudem herrscht im Land ein politischer Verteilungskampf: „Viel Geld fließt nur ins Stadtzentrum, um es für Touristen schön zu machen, während die Menschen, die hier leben, das Nachsehen haben“, kritisiert Lenka.

 

Der Traum vom „glücklichen Schwein“ und die Realität

 

Trotz der massiven Fördergelder, die spürbar aus Brüssel in die Infrastruktur fließen, bleibt eine tiefe Skepsis in der Bevölkerung greifbar. Viele Menschen sind resigniert und glauben nicht mehr daran, dass Wahlen etwas verändern. Auf der anderen Seite herrscht ein ungebremster Konsumdrang. „Der Kapitalismus verändert die Menschen. Jeder will ein dickes Auto, dicke Marken zeigen“, beobachtet Lenka.

 

Sie zieht einen bitteren, fast philosophischen Vergleich: „Manchmal denke ich, wir leben hier wie glückliche Schweine. Wir haben von allem zu viel, wir werden gefüttert, uns fehlt materiell nichts. Aber die Menschen schauen nicht mehr auf ihre Nachbarn. Jeder denkt nur noch an sich selbst. In Schottland habe ich die Menschen viel höflicher erlebt; sie haben mehr aufeinander geachtet und schienen nicht so neidisch aufeinander und auf materielle Dinge zu sein.“

 

Ein Blick über die Grenze

 

Besonders schmerzhaft wird die Realität, wenn man das marode Gesundheitssystem betrachtet. Sie beschreibt schimmelige Krankenhäuser trotz hoher Krankenkassenbeiträge. „Für simple Medikamente für meinen Sohn musste ich kürzlich hunderte Euro aus eigener Tasche bezahlen“, empört sie sich.

 

Dieses Gefühl der Ungerechtigkeit setzt sich im Alltag fort: Selbst im Jugendfußball, der großen Leidenschaft ihres Sohnes, regiert Korruption statt Talent. Lenka berichtet frustriert, dass junge Talente in der Slowakei ohne Beziehungen oder Geld systematisch blockiert werden. Für Lenka steht fest: Wenn ihr Sohn echtes Talent zeigt und in der Slowakei keine faire Chance bekommt, ist sie bereit zu gehen. Da ihr Partner jedoch wenig Englisch spricht, wäre das Nachbarland Tschechien eine Option. „Es ist traurig zu sagen, aber die Tschechen sind uns in vielem voraus. Sie haben das bessere Bildungssystem, die bessere Medizin und eine progressivere Politik“, gesteht sie.

 

Ihr sehnlichster Wunsch für die Slowakei? „Dass wir wie die Schweiz werden. Oder wie Deutschland, das sich nach zwei Weltkriegen aus dem Nichts wieder aufgebaut hat. Warum schaffen wir das nicht? Es gibt hier einfach zu viel Korruption und zu viel kleinkariertes Denken in unserer Politik.“ Solange sich daran nichts ändert, müssen junge Frauen wie Lenka weiterhin den Spagat zwischen der Liebe zur Heimat und dem Wunsch nach einer besseren Zukunft für ihre Kinder schaffen.