Wer Stefanie Bose in diesen Tagen in Trenčín (Südwestslowakei) treffen möchte, findet sie vermutlich auf dem Fahrrad, auf dem Weg von einem Kultur-Event zum nächsten oder in einem der zahlreichen lebendigen Cafés der Stadt. Seit dem 1. Mai lebt die Leipzigerin, die Westslawistik (Tschechisch, Slowakisch und Polnisch) studierte und heute als Übersetzerin und Dolmetscherin arbeitet, für fünf Monate in Trenčín. Ermöglicht wurde ihr dieser Aufenthalt durch ein Stipendium des Deutschen Kulturforums östliches Europa. Ihre Mission als Stadtschreiberin: die aktuelle Kulturhauptstadt Europas zu entdecken, mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen, sich auf Spurensuche nach dem kulturellen Erbe der (Karpaten-)Deutschen zu begeben, die unter anderem östlich von Trenčín im Hauerland leben, und ihre Eindrücke mit der Öffentlichkeit zu teilen
Für Bose schließt sich damit auch ein persönlicher Kreis: Direkt nach dem Abitur zog es sie für ein Freiwilliges Soziales Jahr schon einmal in die Slowakei. Völlig ohne Sprachkenntnisse oder familiäre Bezüge landete sie damals im Osten des Landes – einer Region, die sich damals, kurz nach der Jahrtausendwende, noch um einiges „wilder“ anfühlte als heute. Dort lernte sie die Sprache im kalten Wasser des Alltags, direkt in einer Gastfamilie und bei der Arbeit mit Kindern. Diese Verbundenheit zum Land trägt sie bis heute in sich.
Kulturvermittlung im Dauereinsatz
Der Alltag einer Stadtschreiberin ist intensiv. Stefanie Boses Hauptaufgabe besteht darin, ein digitales Tagebuch in Form eines Blogs sowie einen Instagram-Kanal zu bespielen. „Ich entdecke Trenčín und die Geschichte der Region, schaue, was los ist, welche Projekte es gibt und schreibe darüber“, erzählt Bose im Interview. Doch der Workflow hat es in sich: Neben der eigentlichen Recherchearbeit müssen die Texte oft noch redaktionelle Schleifen beim Kulturforum durchlaufen, korrigiert, mit Fotos ergänzt und übersetzt werden. Nebenbei läuft Bose Gefahr, mit den Texten hinterherzuhängen, weil in der Stadt schlicht „extrem viel los ist. Das ist wirklich eine Herausforderung für mich.“ Da sie parallel auch noch ihren regulären Übersetzungsarbeiten nachgeht, nutzt sie Instagram für schnellere, ungefilterte Updates.
Die vitale „Kultur-Insel“ am Fluss
Trenčín, nahe der tschechischen Grenze gelegen, präsentiert sich im Kulturhauptstadtjahr als eine dynamische und erstaunlich offene Stadt. Der Kultursommer füllt die Plätze der rund 54.000 Einwohner zählenden Stadt: Konzerte auf verschiedenen Bühnen, Kindertheater, Diskussionsrunden, Kunstausstellungen, Workshops – das Programm ist reich und vielfältig. Sogar das legendäre „Pohoda-Festival“, das größte Musikfestival der Slowakei, findet auf dem nahegelegenen Militärflughafen statt und verdoppelt für ein Wochenende die Einwohnerzahl der Stadt.
Besonders sichtbar wird das Kulturhauptstadtjahr im Stadtbild, in das massiv investiert wurde. Die Innenstadt wurde neu gestaltet – mit Begrünung, Wasserspielen und modernen Sitzgelegenheiten. Der Busbahnhof wurde modernisiert und die Sanierung des Hauptbahnhofs läuft. Ein spektakuläres städtebauliches Highlight ist das Projekt „Fiesta-Brücke“: Eine alte, zweispurige Eisenbahnbrücke über den Fluss Waag soll zu einem zweistöckigen Kultur- und Begegnungsort mit Cafés, Läden, Sportmöglichkeiten und viel Grün umgebaut werden. „Nicht alles ist rechtzeitig fertig geworden“, kommentiert Stefanie Bose. „Aber die Kulturhauptstadt soll ja nachhaltig wirken und die Stadt dauerhaft beleben.“
„Die Stadt setzt dabei stark auf Partizipation. Überall engagieren sich geschulte Freiwillige aus der Stadtgesellschaft“, zeigt sich die Stadtschreiberin auf Zeit von dem Konzept begeistert. „Das war keine Selbstverständlichkeit. Denn Ehrenamt ist in der Slowakei nicht so populär.“ Im Plenarsaal des Rathauses mahnt eine interaktive Kunstinstallation eines indischen Künstlers die lokalen Entscheidungsträger täglich mit Fragen zu Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit an.
Zwischen Europa-Offenheit und politischem Gegenwind
Stefanie Boses Ansichten zur Stadt sind mehrheitlich positiv: Sie erlebt die Menschen als neugierig und tolerant. Selbst Ältere blieben neulich bei einem experimentellen, modernen Orgelkonzert mit der „Fujara“ (einem traditionellen slowakischen Hirteninstrument) sitzen. „Trenčín wirkt ein bisschen wie eine Insel, auf der es dank der liberalen Stadtführung sehr offen und freundlich zugeht“, reflektiert Bose.
Gleichzeitig blickt sie mit differenziertem und kritischem Auge auf den gesellschaftlichen Gesamtkontext der Slowakei. Das Land befindet sich in einem tiefen Spannungsfeld zwischen Nationalismus und Europa-Kritik auf der einen sowie den unübersehbaren Vorzügen europäischer Integration auf der anderen Seite. Viele der baulichen Meilensteine wären ohne EU-Gelder nicht denkbar gewesen. Dennoch spaltet die aktuelle, nationalistisch orientierte Regierung das Land. Dabei war die Slowakei schon immer multikulturell, weil das Land mittig zwischen verschiedenen Völkern liegt und Teil verschiedener Staatsgebilde war.
Bose beobachtet diese Zerrissenheit im Alltag. Das Pohoda-Festival etwa integriert seit mehreren Jahren verstärkt gesellschaftskritische Diskussionen – ein Umstand, der der nationalen Regierung ein Dorn im Auge ist und im Vorfeld fast zu einem Mietstopp des staatlich kontrollierten Flughafengeländes geführt hätte.
Auch das Ost-West-Gefälle im Land, die wirtschaftlichen Brüche nach der Trennung von Tschechien sowie die Einflussnahme populistischer Strömungen aus den Nachbarländern prägen die Slowakei. „In meiner alltäglichen Kultur-Bubble sind zwar fast alle pro-europäisch“, gibt Bose zu, doch das grundlegende Misstrauen gegenüber Brüsseler Regeln , aber auch gegenüber dem eigenen Staat bleibt im ländlichen Raum spürbar.
Die Stadtschreiberin als Brückenbauerin
Stefanie Bose beobachtet Trenčín nicht nur mit der kühlen Distanz einer Chronistin, sondern sie setzt in diesen fünf Monaten auch Impulse in der Stadt. „Ich versuche, mich aktiv einzubringen und Brücken zu bauen“, erklärt die Netzwerkerin.
So hat sie bereits Kontakte zur Stadtverwaltung von Brünn, der Partnerstadt von Leipzig geknüpft, veranstaltete Übersetzungsworkshops für Studierende aus Bratislava und organisierte ein Übersetzertreffen in der örtlichen Stadtbibliothek. Auch ein bilinguales Gymnasium profitiert von ihrem Engagement, wo sie Workshops für Schüler anbietet. Bei einem Straßenfest liest sie ehrenamtlich zweisprachig für Kinder vor – eine Idee, die sie aus ihrer Vereinsarbeit in Leipzig mitgebracht hat.
Durch diese engen, persönlichen Verstrickungen erfährt sie eine enorme Offenheit und wird ein wenig Teil der Stadtgemeinschaft auf Zeit. Sie empfängt Besuch von Kolleginnen und Bekannten aus der Heimat, knüpft wertvolle berufliche Kontakte zu slowakischen Verlegern sowie Kulturschaffenden und sorgt dafür, dass ihr Aufenthalt bleibende Spuren hinterlässt – weit über das eigentliche Kulturhauptstadtjahr hinaus.
Stefanie Bose sieht im Kulturhauptstadtjahr eine riesige Chance, nachhaltig Brücken zu schlagen. Es ist die lokale Stadtgesellschaft, die das Projekt mitträgt, die Angebote neugierig annimmt und Trenčín mit neuem Leben füllt. Dass in diesem Jahr auch verstärkt internationale Touristen – selbst aus Ländern wie Spanien und Mexiko – den Weg in die Kleinstadt an der Waag finden, gibt der Stadt zusätzliche Impulse und lässt die europäische Dimension lebendig werden.
Für Stefanie Bose geht das Abenteuer Trenčín weiter – mit dem Notizblock in der Hand, dem Fahrradschlüssel in der Tasche und stets bereit, die kleinen und großen Geschichten dieser slowakischen Kulturinsel einzufangen.






