· 

Von der Zuckerfabrik zum Vogelparadies

 

Eigentlich hat der Mensch im nordöstlichen Weinviertel im Dreiländereck Österreich, Tschechien und Slowakei jahrzehntelang alles getan, um die Natur zu bändigen. Flüsse wurden begradigt, eine riesige Fabrik entzog der Landschaft Millionen Liter Wasser, und dicker Rübenschlamm veränderte das Terrain nachhaltig. Doch heute fliegen hier majestätische Seeadler über künstliche Teiche, und tausende seltene Watvögel rasten im Schlamm. Mittlerweile ist es die Kernaufgabe des Vereins Auring in Hohenau an der March, diese künstlich geschaffene „Natur aus zweiter Hand“ am Leben zu erhalten.

 

Wie die March ihr Bett verlor

 

Rainhard Brandstetter, langjähriger Obmann des Vereins, erklärt die Transformation dieser Auenlandschaft. Um diese zu verstehen, muss man den Blick zurück auf die Nachkriegszeit richten. Die March war einst ein Fluss, der träge durch die Auenlandschaft mäanderte – bis er gezähmt und begradigt wurde. Erste Pläne zur Regulierung gab es zwar bereits seit der Kaiserzeit um 1800, doch erst mit modernen Baggern konnte das gigantische Vorhaben des Hochwasserschutzes nach dem Zweiten Weltkrieg in die Tat umgesetzt werden. „Bis dahin reichte das Hochwasser regelmäßig bis zum Hohenauer Rathaus. Damals galten der Damm und die Begradigung als fortschrittlich“, erklärt Rainhard.

 

Doch der Eingriff war radikal. Flusskurven wurden abgeschnitten und der Fluss stark eingeengt. Heute beurteilen Experten den damaligen Aktionismus anders: „Da hat man übers Ziel hinausgeschossen, weil man es gekonnt hat“. Für die Vogelwelt und das ganze Ökosystem war die Regulierung eine Katastrophe, da flache Uferzonen, Kiesbänke und die natürliche Flussdynamik fast vollständig verschwanden.

 

Die Zuckerfabrik und das Wasser

 

Gleichzeitig erstreckte sich unweit des Flusses ein riesiges Industrieareal: Die 1867 gegründete Zuckerfabrik Hohenau. Sie war der wirtschaftliche Motor der Region. Doch die Fabrik brauchte Wasser. Über einen zwei Kilometer langen offenen Kanal pumpte das Werk zu Spitzenzeiten 50.000 Kubikmeter Wasser innerhalb von 24 Stunden direkt aus der March ab.

 

Dieses Wasser wurde vor allem gebraucht, um die Rüben zu waschen. Am Ende des Waschprozesses blieb ein hochkonzentriertes Gemisch aus Wasser und fruchtbarer Erde zurück. „Dieses Transportwasser war irgendwann einmal so dick, dass man es kaum mehr pumpen konnte. Das ist so puddingartig geworden“, schildert Brandstetter anschaulich. Er hat als Landwirt jahrzehntelang in der Zuckerfabrik gearbeitet und kennt die Abläufe daher sehr genau.

 

Dieses schlammige Abfallprodukt durfte nicht einfach zurück in den Fluss. Also leitete man es auf tiefergelegene Ackerflächen um, die ohnehin oft unter Hochwasser standen. Somit kam beste, nährstoffreiche Erde auf die Felder. Durch diese jahrzehntelange „Anlandung“ hob sich das Geländeniveau stellenweise bis auf die Höhe der Landstraßen an. Es entstanden künstliche Erdbecken und gigantische Schlammflächen.

 

Der Kühlteich als ökologische Rettungsinsel

 

Mitte der 1990er-Jahre geriet das traditionelle Erdmanagement ins Wanken. Strengere behördliche Auflagen zwangen die Zuckerfabrik zur Modernisierung. Man durfte den Rübenschlamm nicht mehr unkontrolliert ablagern. Zudem durfte das bis zu 40 Grad warme Abwasser der Fabrik nicht mehr direkt in die March geleitet werden. „Das warme Wasser bedrohte manche Fischarten“.

 

Als Lösung wurde ein riesiger Teich angelegt, um das Wasser vor der Einleitung abzukühlen. Und genau hier passierte das Unbeabsichtigte: Während der Mensch die natürliche Flusslandschaft zerstörte, schuf er mit den künstlichen Becken und dem Kühlteich unfreiwillig einen perfekten Ersatzlebensraum.

 

Die vegetationsfreien, schlickigen Schlammflächen zogen Watvögel (Limikolen), Enten und Gänse in großer Zahl an. Vögel, die eigentlich an den Küsten der Nordsee zu Hause sind, fanden mitten im Binnenland eine perfekte Raststation auf ihrem tausende Kilometer langen Zugweg. „Die Fabrik hat offensichtlich Ersatzlebensräume angeboten, ohne dass sie es gewusst hat“, erklärt Rainhard.

 

Ein absurdes, aber überlebenswichtiges „Ringelspiel“

 

Als die Zuckerfabrik Hohenau im Jahr 2006 endgültig geschlossen wurde, drohte dieser „Natur aus zweiter Hand“ das sofortige Aus. Ohne die Einleitungen der Fabrik wären die Teiche und Schlammbecken binnen kürzester Zeit komplett ausgetrocknet – das mühsam etablierte Vogelparadies wäre verloren gewesen.

 

Hier kam der bereits 1996 gegründete Verein Auring ins Spiel. In Kooperation mit der Gemeinde Hohenau, die den Zuleitungskanal kaufte, und dem Betrieb Liechtenstein, dem die Flächen gehören, übernahm der Verein das Wassermanagement.

 

Hinter der idyllischen Kulisse steckt ein enormer, fast paradoxer Aufwand, den Rainhard ironisch als „Ringelspiel“ bezeichnet. Damit meint er den künstlichen und endlosen Kreislauf, mit dem das Vogelschutzgebiet am Leben erhalten werden muss: Da die March begradigt wurde und die natürlichen Altarme austrocknen, wird von März bis Oktober ununterbrochen Wasser in die Becken gepumpt. Rund 6.000 Euro an Spenden fließen jährlich in dieses „Ringelspiel“, um die überlebenswichtigen Schlamm- und Rastflächen für die Zugvögel vor dem Austrocknen zu bewahren.

 

Vom Landwirt zum leidenschaftlichen „Hausmeister“

 

Rainhard Brandstetter, der den Verein über zwei Jahrzehnte als Vorsitzender prägte und sich heute bescheiden als dessen „Hausmeister“ bezeichnet, fand seine Leidenschaft zur Vogelkunde auf dem Traktor. Schon als 15-Jähriger beobachtete er bei der Feldarbeit majestätische Seeadler in nur 50 Metern Entfernung. „Damals wurde bei mir schon das Interesse an Naturschutz und Vögeln geweckt. Diese Riesenvögel zu sehen, ist beeindruckend“, schwärmt er auf der sechs Meter hohen Aussichtsplattform mit Blick auf die Wasserflächen des Kühlteichs und die Auwälder.

 

„Ich bin zwar selbst kein Ornithologe“, betont Rainhard, „aber als Vereinsmitglied bekommt man natürlich alles hautnah mit“. Von der Aussichtsplattform und weiteren, durch den Verein betreuten Beobachtungsverstecken in den March-Thaya-Auen lassen sich die Tiere perfekt beobachten. Je nach Jahreszeit tanzen dichte Starenschwärme über die Schlickflächen, während Enten, Gänse und die langschnäbligen Watvögel den Schlamm nach Nahrung durchstochern.

 

Wie treu die Tiere diesen künstlichen Oasen sind, zeigt das Herzstück der wissenschaftlichen Forschung vor Ort: die Beringungsstation des Vereins. Hier werden Vögel erfasst und markiert, um ihre Zugwege, Lebenserwartungen und Verhaltensweisen wissenschaftlich zu dokumentieren. Rainhard erzählt: „Wir haben hier zum Beispiel einen kleinen Vogel aus dem Jahr 2009 registriert, der gerade einmal 11,4 Gramm wiegt und jedes Jahr verlässlich wieder in unsere Netze geht. Das zeigt, dass sie genau hier ihren fixen Brut- und Rastplatz haben“.

 

Hightech-Forschung und der Blick in die Zukunft

 

Ebenso fachkundig erklärt er den Flugtunnel, einen roten, etwa fünf Meter langen Kasten, der versteckt in einem Feld in den Auwiesen steht: Hier leistet der Verein Pionierarbeit im Kampf gegen Vogelschlag an Glasflächen. Gemeinsam mit der Glasindustrie wird erforscht, wie Scheiben für Vögel sichtbar gemacht werden können. Nach Versuchen mit Linien und Mustern kam man durch die Beobachtung von UV-reflektierenden Spinnennetzen auf eine innovative Lösung: Minimalistische, reflektierende Punkte, die für das menschliche Auge kaum auffallen, aber von den Vögeln als Hindernis wahrgenommen werden. Der neueste Tunnel ist sogar drehbar gelagert, um reales Sonnenlicht und Spiegelungen perfekt zu simulieren.

 

Damit dieses Wissen nicht in der Fachwelt bleibt, setzt Auring im Rahmen eines EU-geförderten BESTbelt-Projekts im Dreiländereck Österreich, Tschechien und der Slowakei stark auf Umweltbildung entlang des Grünen Bandes: Mit dreisprachigen Mitmach-Aktionen von Erlebnistagen mit Erzähltheater für Kindergärten und Volksschulen über einen eigenen Jugend-Podcast bis hin zu mehrsprachigen Angeboten und Exkursionen für Erwachsene vermittelt der Verein allen Altersgruppen die Verantwortung für diesen sensiblen, grenzüberschreitenden Lebensraum.

 

Auch wenn das technisch unterstützte „Ringelspiel“ am Kühlteich das Herzensprojekt des Vereins bleibt, blickt man in Hohenau längst über den Tellerrand der künstlichen Becken hinaus. Der Verein Auring bringt sich heute aktiv bei großen, grenzüberschreitenden Renaturierungsprojekten ein. Im Rahmen des Projekts „Re-Connect“ unterstützt der Verein die Wiederanbindung eines March-Altarms in der Nähe von Hohenau. Es ist der Versuch, dem Fluss – Jahrzehnte nach seiner rücksichtslosen Begradigung – wieder ein Stück seiner echten, natürlichen Dynamik zurückzugeben.

 

Foto Rotmilan: Hartmut Nüsken

Foto Beringung: Verein Auring