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Das Thayatal als Grünes Band zwischen Österreich und Tschechien

 

Wenn Birgit Gruber, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit im Nationalpark Thayatal rund um die Kleinstadt Hardegg im Waldviertel, über „ihr“ Tal spricht, schwingt Begeisterung in jedem Satz mit. Sie erklärt ein Gebiet, das wie kaum ein anderes in Europa zeigt, wie aus einer ehemaligen Todesgrenze ein pulsierendes Lebensband entstehen kann.

 

Zwei Länder, ein Naturraum: Podyjí und das Thayatal

 

Die Geschichte des Nationalparks ist untrennbar mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verbunden. „Ohne diesen Eisernen Vorhang und die strikte Absperrung des teilweise mehrere Kilometer breiten Grenzstreifens hätte sich das Gebiet sicher anders entwickelt“, erklärt Gruber. „Wo heute dichter Wald steht, wären sonst vielleicht Industriebetriebe oder Autobahnen entstanden.“ Doch während die Menschen abwanderten oder aus den Grenzgebieten auf tschechischer Seite vertrieben wurden, holte sich die Natur das Territorium zurück.

 

Interessant ist der zeitliche Ablauf der Parkgründungen auf beiden Seiten der Grenze: Die tschechische Seite reagierte extrem schnell und gründete bereits im Jahr 1991 den Národní park Podyjí – direkt nach der Grenzöffnung. Da die Flächen unter dem kommunistischen Regime verstaatlicht worden waren, fiel es dem tschechischen Staat leicht, ein großes Schutzgebiet zu etablieren.

 

Auf österreichischer Seite wurde das Projekt erst im Jahr 2000 fertiggestellt. „Die tschechischen Kollegen haben uns bei der Umsetzung sehr geholfen. Auf unserer Seite brauchte es aber schlicht Zeit – für den Aufbau der Managementstrukturen, die umfangreichen Prüfungen und die notwendigen Gesetzesänderungen“, erinnert sich Gruber. Weil viel Land in Privatbesitz war, musste der österreichische Staat die Flächen mühsam für 100 Jahre pachten oder ankaufen.

 

Die ungleichen Größenverhältnisse

 

Die unterschiedlichen historischen Besitzverhältnisse spiegeln sich bis heute in den Dimensionen der beiden Parks wider: Der österreichische Nationalpark Thayatal ist mit 1.360 Hektar (13,6 km2) der kleinste Nationalpark Österreichs. Der tschechische Národní park Podyjí ist mit 6.260 Hektar (62,6 km2) fast fünfmal so groß. Zusammen bilden sie jedoch ein grenzüberschreitendes Schutzgebiet von rund 7.700 Hektar, in dem die Natur die Hauptrolle spielt.

 

Heute arbeiten auch die Landwirte Hand in Hand mit dem Nationalpark. Sie mähen die Wiesen nach strengen ökologischen Vorgaben erst ab Ende Juni und lassen dabei stets ein Drittel des Grases für die Artenvielfalt stehen – wofür eine Förderung beantragt werden kann.

 

Ein geologisches und klimatisches Nadelöhr

 

Dass das Thayatal auf engstem Raum eine schier unglaubliche Artenvielfalt beherbergt, liegt an seinen einzigartigen physikalischen Gegebenheiten. 40 Prozent aller in Österreich vorkommenden Pflanzenarten lassen sich in diesem verhältnismäßig kleinen Gebiet finden. Birgit Gruber erklärt das Phänomen: „Das Geheimnis liegt im Zusammenspiel der Geologie und des Klimas: Wir haben hier unterschiedlichste Untergründe, Nord- und Südhänge auf engstem Raum und das Zusammentreffen zweier Klimazonen – des kühleren atlantischen und des warmen, pannonischen Klimas.“ Das Tal funktioniert wie eine klimatische Begegnungszone: Von West nach Ost strömt das feuchtere atlantische Klima ein, während aus dem Osten das trockene, warme pannonische Klima hineinreicht.

 

An dieser Nahtstelle hat sich die Thaya über Jahrtausende hinweg rund 150 Meter tief in das harte Gestein aus Granit, Gneis und Marmor eingegraben. Durch die tiefen Windungen des Flusses entstehen auf engstem Raum extrem abwechslungsreiche Mikroklimata: Schattige Nordhänge wechseln sich auf wenigen Metern mit sonnenverwöhnten Südhängen ab. Beim Wandern durchquert man dadurch auf kürzeste Distanz völlig unterschiedliche Welten – vom feuchten Flussufer über kühle Rotbuchenwälder bis hin zu sonnigen Eichenwäldern und kargen Trockenrasen auf den Kuppen. Genau dieses Zusammentreffen der gegensätzlichen Klimazonen und Untergründe ist der Motor für den extremen Artenreichtum der Region.

 

Das Paradoxon der Staumauern

 

So unberührt die Natur wirkt, so stark ist sie dennoch vom Menschen geprägt. Der Nationalpark ist gewissermaßen von zwei großen Staukraftwerken eingekerkert. Erbaut im Jahr 1930, veränderten diese Mauern die Ökologie der Thaya dramatisch.

 

Das Wasser, das unten aus der 50 Meter hohen Staumauer schießt, stammt aus den tiefen, kalten Schichten des Stausees. Dadurch hat die Thaya im Nationalpark selbst im Hochsommer eine maximale Temperatur von nur 12 Grad und führt kaum natürliches Geschiebe (Schotter) mit sich. Vor dem Kraftwerksbau wies die Thaya im Sommer noch angenehm warme Badetemperaturen auf.

 

Diese Abkühlung führte zu einer Verschiebung der Fischfauna: Im eigentlich flachen Tal leben heute kälteliebende Gebirgsfische wie Forellen, Äschen und Koppen. Oberhalb der Staumauer hingegen tummeln sich in der wärmeren See-Region bis zu 30 verschiedene Fischarten, darunter Welse und Karpfen.

 

Ironischerweise war es genau diese Bedrohung, die den Park am Ende rettete: Als in den 1980er-Jahren auf tschechischer Seite ein weiteres Kraftwerk geplant war, regte sich in Österreich massiver Widerstand. Daraufhin wurde das Gebiet unter Naturschutz gestellt – der Grundstein für den heutigen Nationalpark.

 

Borkenkäfer und der Mut zur Lücke: Zwei Wege im Waldmanagement

 

Die extremen, trockenen Sommer setzen den Wäldern der Region zu. Während die heimischen Eichen gut an die Trockenheit angepasst sind, brachen die künstlich angelegten Fichten-Monokulturen in den letzten Jahren flächendeckend zusammen. Ohne genügend Wasser konnten die Fichten kein schützendes Harz mehr bilden, was dem Borkenkäfer leichtes Spiel machte.

 

Hier zeigt sich ein spannender Unterschied in den Managementsystemen der beiden Nachbarländer: Im Nationalpark Thayatal durften die sterbenden Fichten entnommen werden, um ein Übergreifen auf Nachbarwälder zu verhindern. Danach überließ man den Wald sich selbst. Ohne dass ein einziger Baum gepflanzt wurde, verjüngte sich der Wald von allein. Zuerst wuchs die Hainbuche, unter deren Schutz nun langsam die Eichen nachkommen. Die tschechischen Kollegen im Národní park Podyjí wählten den aktiven Weg und pflanzten gezielt verschiedene standorttypische Baumarten nach. „Was richtig oder falsch ist, werden wir sehen. Ich gehe davon aus, dass beide Wege am Ende zum Ziel führen“, mutmaßt Gruber.

 

Gelebte Nachbarschaft: Vorbild für Europa

 

Die Zusammenarbeit zwischen dem österreichischen und dem tschechischen Team ist intensiv und geht weit über bloße Absprachen hinaus. „Wir treffen uns wirklich regelmäßig und arbeiten auch sehr viel zusammen – nicht nur auf Direktorenebene, sondern auch die Mitarbeitenden tauschen sich regelmäßig aus“, betont Gruber stolz. „Für diese grenzüberschreitende Zusammenarbeit sind wir österreichweit ein Vorbild.“

 

Dieses Engagement beschränkt sich nicht nur auf den eigenen Parkraum, sondern strahlt international aus: Beide Schutzgebiete engagieren sich aktiv im europäischen Verbund des „Grünen Bandes“ entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Im Zuge von dem Projekt wurden Feuchtbiotope für Amphibien angelegt und Bäume für Wanderkorridore gepflanzt, um die Lebensraumvernetzung für Tiere und Pflanzen zu verbessern.

 

Während der Nationalpark Thayatal mit über 30 Ranger*innen und dem beliebten „Wildkatzencamp“ Vorreiter in der Umweltbildung ist, zieht auch die tschechische Seite mit Führungen und Bildungsaktionen kräftig nach. Um die Barrieren für die Besucher*innen abzubauen, werden Ausstellungen und Führungen zunehmend zweisprachig angeboten und auch tschechische Mitarbeitende im Team integriert.

 

Die Rückkehr der Wildkatze und der Blick in die Zukunft

 

Das unbestrittene Leittier des Nationalparks ist die europäische Wildkatze. Im Jahr 2007 gelang der erste lebendige Nachweis dieser scheuen Jägerin in Österreich. Da sie im Freiland extrem schwer zu sichten sind, zeigt das 2003 eröffnete Nationalparkhaus zwei Wildkatzen in einem naturnahen Gehege. Hier können Interessierte – insbesondere die Schulklassen im „Wildkatzencamp“ – Umweltbildung hautnah erleben.

 

Obwohl der Park bereits sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert hat, befindet er sich laut Gruber gefühlt noch immer in einer dynamischen Pionierphase. „Die Hälfte unserer Mitarbeitenden ist über Projekte gefördert. Wir machen wirklich sehr viele Projekte“, berichtet sie stolz. Von internationaler Pilzforschung über Fledermaus-Monitoring bis hin zur Erinnerungskultur (wie dem Erhalt alter Grenzschilder und Zollhäuser) – die Arbeit geht den acht Festangestellten und den freien Ranger*innen nicht aus.

 

Der Nationalpark Thayatal und der Národní park Podyjí sind damit weit mehr als nur wunderschöne Ausflugsziele mit atemberaubenden Aussichtspunkten auf die engen Flussschlingen. Sie sind ein lebendiges Symbol dafür, wie Grenzen überwunden werden können – im Kopf der Menschen wie in der Wildnis der Natur.

 

  

Foto 2: NP Thayatal_T.Nunner

Foto 3: NP Thayatal_C.Übl

Foto 4: NP Thayatal_T.Nunner

Foto 5: GBIF_Federico_Calledda